Warum treten Blasen- und Darmstörungen bei MS auf?
Multiple Sklerose kann Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark schädigen. Dadurch werden Signale zwischen Nervensystem, Blase und Darm nicht mehr zuverlässig weitergeleitet. Die Folge: Die Blase meldet sich zu früh oder zu spät, entleert sich nicht vollständig oder verliert ungewollt Urin. Auch die Darmfunktion kann gestört sein, sodass Verstopfung oder Stuhlinkontinenz auftreten können. 1 , 2 Laut einer Auswertung des MS-Registers berichten über 40 Prozent der erfassten Menschen mit MS von Blasen- und/oder Darmstörungen. 3
Wie äußern sich Blasenstörungen bei MS?
Fachleute unterscheiden vor allem drei Formen: die überaktive Blase, die unteraktive Blase und Mischformen. 1 , 2 , 4
Bei einer überaktiven Blase kommt es häufig zu plötzlichem oder starkem Harndrang. Viele Betroffene müssen sehr oft zur Toilette und verlieren manchmal ungewollt Urin.
Bei einer unteraktiven Blase fällt es schwer, die Blase vollständig zu entleeren. Es bleibt Restharn zurück, wodurch das Gefühl entstehen kann, die Blase werde nicht richtig leer. Restharn kann das Risiko für Harnwegsinfektionen erhöhen.
Daneben gibt es Mischformen, bei denen sowohl starker Harndrang als auch Probleme bei der Blasenentleerung bestehen. Betroffene haben dann beispielsweise häufig das Gefühl, dringend zur Toilette zu müssen, können die Blase aber dennoch nicht vollständig entleeren.
Bleibt eine ausgeprägte Blasenstörung unbehandelt, kann sie langfristig auch die Nieren belasten. Deshalb ist es wichtig, Beschwerden frühzeitig mit dem Behandlungsteam zu besprechen.
Welche Darmprobleme sind bei MS typisch?
Die häufigsten Darmstörungen bei MS sind Verstopfung und Stuhlinkontinenz. 1 Bei einer Verstopfung arbeitet der Darm langsamer, sodass der Stuhl härter wird und die Entleerung erschwert ist. Manche Betroffene haben das Gefühl, den Darm nicht vollständig entleeren zu können oder benötigen deutlich länger für den Toilettengang. Zusätzlich können Bewegungsmangel, eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr oder bestimmte Medikamente Verstopfung begünstigen.
Bei einer Stuhlinkontinenz kann der Stuhl nicht mehr zuverlässig gehalten werden. Das kann sich durch ungewollten Stuhlverlust oder einen sehr plötzlichen und kaum kontrollierbaren Entleerungsdrang bemerkbar machen. Beide Beschwerden können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, lassen sich jedoch häufig durch gezielte Maßnahmen und eine passende Behandlung verbessern. 1 Umso wichtiger ist es, frühzeitig Unterstützung zu suchen.
Warum solltest Du mit Deinem Behandlungsteam über Blasen- und Darmprobleme sprechen?
Blasen- und Darmstörungen gehören für viele Menschen zu den belastendsten MS-Symptomen. Trotzdem werden sie häufig aus Scham verschwiegen. Vielleicht planst Du Deinen Alltag bereits nach Toilettenstandorten oder verzichtest auf Aktivitäten aus Angst vor einem „Unfall“. Damit bist Du nicht allein. Wichtig ist: Es gibt zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten. Sprich Beschwerden deshalb offen bei Deinem Behandlungsteam an.
Wann solltest Du ärztliche Hilfe suchen?
Wende Dich an Dein Behandlungsteam, wenn:
- sich Deine Toilettengewohnheiten deutlich verändern,
- starker oder plötzlicher Harndrang auftritt,
- Du häufig Harnwegsinfekte hast,
- Du das Gefühl hast, die Blase nicht vollständig entleeren zu können,
- Verstopfung länger anhält oder
- Stuhl oder Urin ungewollt abgehen.
Je früher die Ursache abgeklärt wird, desto gezielter kann eine Behandlung erfolgen.
Wie werden Blasenstörungen bei MS untersucht?
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über Deine Beschwerden. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie oft Du zur Toilette musst, ob Harndrang plötzlich auftritt, ob Urin ungewollt abgeht oder ob sich die Blase nicht vollständig entleert. Hilfreich kann ein Blasen- und Trinkprotokoll sein, in dem Du über einige Tage notierst, wie viel Du trinkst und wann Du Wasser lässt.
Je nach Situation können weitere Untersuchungen folgen, etwa eine Urinuntersuchung, ein Ultraschall zur Bestimmung von Restharn oder eine Blasendruckmessung, auch Urodynamik genannt. 1 , 2 , 4 So lässt sich besser einschätzen, welche Form der Blasenstörung vorliegt und welche Behandlung sinnvoll ist.
Was kannst Du selbst für Deine Blase tun?
Schon kleine Veränderungen können helfen:
Tipps für den Alltag 2
- Trinke regelmäßig über den Tag verteilt.
- Gehe möglichst zu festen Zeiten zur Toilette.
- Nimm Dir Zeit für die Blasenentleerung.
- Führe ein Blasenprotokoll.
- Nutze bei Bedarf Hilfsmittel wie Vorlagen oder spezielle Inkontinenzprodukte.
- Lass Dir gezieltes Beckenbodentraining zeigen.
Was hilft bei Darmproblemen bei MS?
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von Deinen Beschwerden ab.
Bei Verstopfung:
- ausreichend trinken
- ballaststoffreiche Ernährung
- regelmäßige Bewegung
- feste Toilettenzeiten
Bei Stuhlinkontinenz:
- individuelle Ernährungsanpassungen
- regelmäßige Mahlzeiten
- gezieltes Darmmanagement mit Fachpersonal
Sprich mit Deinem Behandlungsteam, bevor Du dauerhaft Abführmittel einnimmst.
Wie kann Beckenbodentraining bei MS helfen?
Der Beckenboden unterstützt die Kontrolle von Blase und Darm. Gezielte Übungen können helfen, die Muskulatur zu stärken und Beschwerden zu reduzieren. Studien zeigen, dass regelmäßiges Beckenbodentraining bei Menschen mit MS die Blasenkontrolle verbessern und die Lebensqualität erhöhen kann. Besonders wichtig ist die Anleitung durch geschulte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. 1 , 2
Was ist sakrale Neuromodulation bei MS, umgangssprachlich als Blasenschrittmacher bezeichnet?
Wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen, kann in Einzelfällen ein Blasenschrittmacher infrage kommen. Dabei werden Nerven, die Blase und Beckenboden steuern, durch schwache elektrische Impulse stimuliert. Das kann die Blasenfunktion verbessern und in manchen Fällen auch Beschwerden des Darms lindern. Ob dieses Verfahren für Dich geeignet ist, sollte gemeinsam mit Deinem Behandlungsteam entschieden werden.
Welche Unterstützung gibt es für Menschen mit MS bei Blasen- oder Darmstörungen?
Neben Deiner Neurologin oder Deinem Neurologen können auch andere Fachpersonen helfen:
- Urologinnen und Urologen
- Gastroenterologinnen und Gastroenterologen
- Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten
- spezialisierte Pflegekräfte
Auch Patientenorganisationen wie die DMSG bieten Informationen und Unterstützung an.
Häufige Fragen und Antworten zu Blasen- und Darmstörungen bei MS
Sind Blasen- und Darmstörungen bei MS häufig?
Ja. Viele Menschen mit MS entwickeln im Verlauf der Erkrankung Beschwerden der Blase oder des Darms.
Können Blasenstörungen wieder besser werden?
Oft lassen sich Beschwerden durch Training, Medikamente, Hilfsmittel oder andere Therapien deutlich verbessern.
Hilft Beckenbodentraining bei MS?
Ja. Regelmäßiges und korrekt angeleitetes Beckenbodentraining kann die Kontrolle über Blase und Darm verbessern.
Kann ich trotz Blasenstörungen reisen und Sport treiben?
In vielen Fällen ja. Mit einer guten Planung, geeigneten Hilfsmitteln und der passenden Behandlung ist ein aktiver Alltag meist weiterhin möglich.
Wann kommt ein Blasenschrittmacher infrage?
Ein Blasenschrittmacher wird meist erst erwogen, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichend helfen und die Beschwerden die Lebensqualität stark einschränken.
Inhaltlich geprüft: M-DE-00031069
Quellenverzeichnis
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Hemmer B, Gehring K et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-opticaSpektrum-Erkrankung (NMOSD) und MOG-IgG-assoziierten Erkrankung (MOGAD), S2k-Leitlinie, 2026, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien, zuletzt abgerufen am 02.06.2026.
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https://www.amsel.de/multiple-sklerose/behandeln/die-symptomatische-therapie-der-ms/blasenfunktionsstoerungen/, zuletzt abgerufen am 26.05.2026
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https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/ms-erforschen/grafiken-des-quartals/monats/berichte-zu-grafiken-des-quartals/monats/blasen-und/oder-darmstoerungen, zuletzt abgerufen am 26.05.2026
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Panicker JN, Fowler CJ, Kessler TM. Lower urinary tract dysfunction in the neurological patient: clinical assessment and management. Lancet Neurol. 2015 Jul;14(7):720-32. doi: 10.1016/S1474-4422(15)00070-8.