Sexualität und Multiple Sklerose: Intimität neu gestalten

Sexualität ist für viele Menschen ein wichtiger Teil von Nähe und Partnerschaft. Gleichzeitig ist es ganz normal, dass sich Dein Liebesleben mit einer MS-Diagnose verändert - körperlich und emotional. Dieser Beitrag zeigt Dir, welche sexuellen Probleme bei MS häufig vorkommen, wie Du mit ihnen umgehen kannst und warum es sich lohnt, offen mit Deiner Partnerin oder Deinem Partner sowie mit Ärztinnen und Ärzten darüber zu sprechen.

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Lesezeit: 9 min

Ein Paar  beim Kuscheln

Zusammenfassung

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Häufigkeit: Sexuelle Störungen sind bei MS sehr häufig, werden aber aus Scham noch oft verschwiegen - sowohl von Betroffenen als auch von Behandelnden. 
  • Ursachen: Die Gründe sind meist eine sensible Mischung aus Nervenschädigungen, anderen MS-Symptomen, Medikamenten-Nebenwirkungen und psychischen Belastungen. 
  • Perspektive: Ein erfülltes Intimleben ist trotz MS möglich - durch Offenheit in der Partnerschaft, gutes Symptommanagement und professionelle Unterstützung. 
  • Arztgespräch: Es lohnt sich, das Thema aktiv in der Sprechstunde anzusprechen, um gezielte Behandlungsangebote zu nutzen.
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Warum beeinflusst MS die Sexualität?

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der Nervenbahnen Signale nicht mehr vollständig zuverlässig weiterleiten. Diese fehlerhafte Signalweiterleitung kann sich direkt auf die körperlichen Empfindungen, die Erregung und die Orgasmusfähigkeit auswirken. Wichtig zu wissen ist hierbei: MS ist keine ansteckende Erkrankung und eine Übertragung auf den Partner oder die Partnerin ist absolut ausgeschlossen. Zusätzlich schränken andere MS-Beschwerden wie Fatigue, Spastiken, chronische Schmerzen oder Blasenstörungen oft die Spontanität im Alltag ein. Zu diesen körperlichen Faktoren kommt die seelische Belastung durch Unsicherheiten bezüglich des veränderten Körperbildes hinzu. Experten gehen daher davon aus, dass sexuelle Probleme bei MS fast immer auf einem komplexen Zusammenspiel aus körperlichen, psychischen und partnerschaftlichen Faktoren beruhen. 1

Erfahrungen aus der neurologischen Praxis: „In der neurologischen Praxis sehen wir oft, dass sexuelle Störungen das am meisten verschwiegene Symptom bei MS sind. Eine frühzeitige, offene Ansprache ermöglicht jedoch fast immer eine spürbare Linderung durch gezielte symptomatische und interdisziplinäre Therapien.“


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Welche sexuellen Probleme treten auf?

Sexuelle Veränderungen können Frauen und Männer gleichermaßen betreffen. Aktuelle klinische Daten bestätigen, dass ein Großteil der Betroffenen im Laufe des Lebens Veränderungen im Intimbereich wahrnimmt. Die typischen Einschränkungen betreffen vor allem die Lust, die Erregung, das Erreichen des Orgasmus sowie das Auftreten von Schmerzen.

Wie verändern sich Lust und Erregung?

Viele Menschen mit MS beschreiben, dass die Libido nachlässt oder es ihnen schwerfällt, sich emotional auf intime Momente einzulassen. Fatigue oder Schmerzen kosten viel Energie, bestimmte Medikamente beeinflussen den Hormonhaushalt, und die allgemeine psychische Belastung schlägt sich häufig auf das Liebesleben nieder. Aus Angst, den Partner oder die Partnerin zu enttäuschen, ziehen sich Betroffene manchmal unbewusst zurück. Wichtig ist hierbei: Weniger Lust bedeutet keineswegs, dass Du Deinen Partner weniger liebst. Der Libidoverlust ist ein medizinisches Symptom der MS, das genauso ernst genommen werden darf wie jede andere körperliche Beschwerde.

Orgasmusprobleme, Schmerzen und Trockenheit

Durch Schädigungen der Nervenbahnen im Rückenmark werden Berührungen oft weniger intensiv oder verändert wahrgenommen. 2 Manche Betroffene erreichen dadurch schwerer oder gar keinen Orgasmus, während sich sensible Bereiche taub oder schmerzhaft anfühlen können. Frauen berichten zudem häufiger über Scheidentrockenheit, was die Penetration unangenehm machen kann. Hier können Gleitgele oder feuchtigkeitsspendende Vaginalpräparate eine einfache und schnelle Erleichterung schaffen. Auch ein bewusster Wechsel von Positionen, mehr Zeit für Zärtlichkeit und alternative Formen der Stimulation helfen dabei, den Leistungsdruck herauszunehmen.

Einfluss auf Erektion und Ejakulation

Bei Männern mit MS treten häufig Erektions- und Ejakulationsstörungen auf. Der Penis wird manchmal nicht steif genug oder die Erektion lässt vorzeitig nach. Auch ein verzögerter oder ausbleibender Samenerguss kann das Selbstwertgefühl und die Partnerschaft stark belasten. Neurologische Untersuchungen zeigen, dass spezifische Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark für diese autonomen Störungen mitverantwortlich sind. 2 Die gute Nachricht ist jedoch: Es gibt effektive medizinische Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsmittel, sofern das Thema aktiv angegangen wird.


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Auswirkungen auf Partnerschaft und Selbstbild

Intime Veränderungen bleiben selten ohne Auswirkung auf die Beziehung. Während Betroffene sich oft weniger begehrenswert fühlen, erleben Partner:innen die körperliche Distanz manchmal fälschlicherweise als persönliche Zurückweisung. Zudem verschieben sich durch die Erkrankung oft die gewohnten Rollen, wenn ein Teil der Partnerschaft zeitweise mehr Pflege oder Unterstützung benötigt. Umso wichtiger ist es, Intimität nicht einfach schweigend aus dem Alltag verschwinden zu lassen, sondern sie aktiv in das neue Miteinander zu integrieren. 1 Offene Gespräche über Wünsche, Ängste und neue Grenzen helfen dabei, Missverständnisse zu vermeiden. Manchmal kann auch eine professionelle Paar- oder Sexualberatung eine wunderbare Brücke schlagen. 3


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Tipps für ein erfülltes Sexualleben

Auch wenn Du nicht alle Symptome der MS direkt beeinflussen kannst, so besitzt Du doch großen Gestaltungsspielraum. Schon kleine Anpassungen können Euch als Paar wieder näherbringen. Eine proaktive Anpassung des Alltags reduziert den inneren Leistungsdruck erheblich.

Umgang mit körperlichen Einschränkungen

  • Timing nutzen: Plane intime Momente gezielt zu den Tageszeiten, an denen Deine Fatigue am wenigsten ausgeprägt ist.
  • Positionen anpassen: Wählt Stellungen, die für Dich stabil sind und weniger körperliche Kraft erfordern. 
  • Symptome lindern: Sprich mit Deinem Behandlungsteam über Spastiken oder Schmerzen - oft helfen gezielte Medikamente oder Physiotherapie. 
  • Blasenmanagement: Bei Inkontienzproblemen hilft es, kurz vor dem Sex die Blase zu entleeren und die Trinkmenge vorab strategisch zu planen.

Nähe erhalten ohne Geschlechtsverkehr

Sexualität ist weitaus mehr als reine Penetration. Intensive Nähe entsteht ebenso durch Kuscheln, Massagen oder bewusste sinnliche Rituale. 1 Wenn Ihr Euch erlaubt, Intimität frei von Erwartungen neu zu definieren, fällt der Druck von ganz allein ab. Auch gemeinsame Auszeiten abseits des Schlafzimmers - wie ein schönes Abendessen oder ein Wellness-Tag - stärken Eure emotionale Verbundenheit spürbar.

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Hilfsmittel sind kein Tabu

Scheue Dich nicht, praktische Unterstützung auszuprobieren. Hochwertige Gleitmittel, Vibratoren zur gezielten Nervenstimulation oder spezielle Lagerungskissen werden von vielen Paaren als echte Bereicherung und Entlastung im Liebesleben empfunden. 1


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Wie das Arztgespräch gelingt

Obwohl diese Beschwerden sehr verbreitet sind, wird das Thema in der Sprechstunde oft von beiden Seiten totgeschwiegen. Das führt dazu, dass wirksame Therapien ungenutzt bleiben. Es ist Dein gutes Recht, Deine Lebensqualität aktiv einzufordern. 2 Du musst Dich für diese Fragen nicht rechtfertigen oder schämen. Folgende Formulierungshilfen unterstützen Dich bei Deinem nächsten Termin:

  • „Ich merke, dass sich meine Sexualität seit der MS-Diagnose verändert hat. Können wir darüber sprechen?“
  • „Ich habe konkrete Probleme mit der Erektion / der Feuchtigkeit / dem Orgasmus. Welche medizinischen Ursachen stecken dahinter?“
  • „Gibt es spezielle Behandlungen oder Hilfsmittel, die meinen Alltag erleichtern können?“

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Ansprechpersonen und Unterstützung

Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von Deinen Beschwerden ab. Häufig arbeiten mehrere medizinische Fachrichtungen Hand in Hand zusammen. Wichtige Ansprechpersonen können sein:

  • Neurologie: Zur Einordnung im Rahmen des MS-Verlaufs und zur Anpassung der Basis- oder Symptomtherapie. 2
  • Gynäkologie & Urologie: Bei Fragen zu den Sexualorganen, Schmerzen, Trockenheit oder Erektionsstörungen.
  • Hausarztpraxis: Als vertraute erste Anlaufstelle für eine gezielte Überweisung.
  • Psychotherapie & Sexualberatung: Zur emotionalen Entlastung und für partnerschaftliche Lösungswege. 1

Mögliche Behandlungen reichen von Medikamenten gegen Erektionsstörungen oder Spastiken über lokale Therapien bis hin zu Physiotherapie, Beckenbodentraining, Psychotherapie oder Paarberatung. Wichtige Voraussetzung ist, dass gemeinsam mit Dir entschieden wird, welche Optionen optimal zu Deiner Situation, Deinen Werten und Deinen Lebensplänen passen. Diese personalisierte Therapie sichert langfristig Deine Lebensqualität.


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FAQ

Sind sexuelle Probleme bei MS normal?

Ja, sie gehören zu den sehr häufigen autonomen Symptomen der MS. 2 Es gibt absolut keinen Grund, sich dafür zu schämen. Wichtig ist, die Beschwerden ernst zu nehmen, da sie medizinisch gut behandelbar sind.

Kann ich trotz dieser Probleme eine glückliche Beziehung führen?

Absolut. Eine erfüllte Partnerschaft basiert auf Wertschätzung, emotionaler Nähe und gegenseitigem Verständnis. 1 Wenn Ihr offen miteinander sprecht, findet Ihr Wege, Intimität ganz neu und glücklich zu leben.

Gibt es spezielle Medikamente gegen Erektionsstörungen bei MS?

Ja, für viele Männer kommen moderne medikamentöse Optionen infrage. 2 Da diese jedoch genau auf Deine MS-Dauertherapie und eventuelle Begleiterkrankungen abgestimmt werden müssen, ist eine ärztliche Abklärung zwingend erforderlich.

Inhaltlich geprüft: M-DE-00030929


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