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Kognition

Nachgefragt: Wie digitale Anwendungen die MS-Therapie unterstützen können

10 Minuten

Veröffentlicht am 03.05.2022  von  trotz ms Redaktion

Digitale Gesundheitslösungen können Menschen mit MS auf verschiedene Art und Weise im aktiven Management ihrer Erkrankung helfen. Wie insbesondere die Smartphone-Anwendung Floodlight® MS von Roche – als Software integrierbar in MS-Apps – bei der MS-Therapie unterstützen kann, erklärt der Neurologe Dr. med. Patrick Thilmann im Interview.

Dr. med. Patrick Thilmann ist Facharzt für Neurologie in der Nervenarztpraxis Neuroplus in Mannheim.

Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen und Ihren Patient:innen bei der Messung der Krankheitsaktivität?

Ein Problem bei der alltäglichen Arbeit ist, dass Patienten mit Krankheitssymptomen häufig erst Wochen oder gar Monate nach deren erstmaligem Auftreten vom Arzt gesehen werden. Viele Patienten gehen insbesondere zu Beginn einer Erkrankung davon aus, dass leichte und insbesondere sensible Beschwerden nur vorübergehender Natur sind oder unspezifische Ursachen haben. Die Befürchtung, dass es sich dabei um Symptome einer schweren Erkrankung wie der Multiplen Sklerose handeln könnte, wird gern verdrängt. Unter anderem hat diese Unsicherheit zur Folge, dass Patienten erst spät den Weg zum Arzt und insbesondere zum Facharzt für Neurologie finden, sodass zum Zeitpunkt der Erstvorstellung in der Praxis meist schon deutliche neurologische Defizite bestehen.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Neurologen viele Patienten nur noch einmal im Quartal – und auch dann nur zeitlich begrenzt – sehen. Infolgedessen werden oft nicht alle Beschwerden der Patienten von ärztlicher Seite erfasst und mit dem Patienten besprochen. Das ist mitunter darauf zurückzuführen, dass Patienten es versäumen, neue Symptome oder auch nur geringfügige Veränderungen ihrer Befindlichkeit zur Sprache zu bringen, oder bestimmte Probleme wie z. B. Blasenfunktionsstörungen aus einem Schamgefühl heraus verschweigen, sodass eine Diagnostik und eventuell mögliche Therapie nicht erfolgen können. Überdies verfügen nur wenige Arztpraxen über ausgebildete MS-Schwestern, die als zusätzliche Ansprechpartnerinnen dienen können und in der Lage sind, mit dem Patienten in ausführlichen Gesprächen noch einmal ganz andere Aspekte der Erkrankung zu beleuchten, als dies in der ärztlichen Sprechstunde möglich ist. Bedauerlicherweise zählt es auch heute noch nicht zum Standard in neurologischen Praxen, die Patienten routinemäßig auf kognitive Störungen wie die Fatigue zu untersuchen, entsprechend zu befragen oder in Form von Testverfahren zu überprüfen. Nicht zuletzt wird eine beginnende depressive Symptomatik im Praxisalltag häufig übersehen.

Welchen Mehrwert sehen Sie im Einsatz von digitalen Gesundheitslösungen für Ihren Praxisalltag?

Digitale Gesundheitslösungen können im Praxisalltag auf vielfältige Weise unterstützen und nützen. Apps für MS-Patienten wie die Emendia® MS App von der NeuroSys GmbH oder Brisa®App* der Temedica GmbH (Hersteller) in Kooperation mit Roche enthalten vielfältige Funktionen zur Therapieunterstützung: Sie bieten dem Patienten die Möglichkeit, seine Symptome zu protokollieren und diese direkt über die App an die Arztpraxis zu übertragen - kostenlos und unabhängig von der Therapie.

Beide Apps bieten allen MS-Patienten die Möglichkeit, eine große Bandbreite verschiedener Symptome sowie das subjektive Befinden zu dokumentieren – über einen Symptomtracker sowie Fragebögen, die die Patienten regelmäßig ausfüllen können. Die Daten können unkompliziert mit dem jeweiligen Behandlungsteam geteilt werden. Darüber hinaus sind in der Emendia® MS App und der Brisa® App die Floodlight MS-Tests integriert. Diese Tests erfassen motorische Funktionen wie Hand- und Gehfähigkeit sowie Kognition. Abgesehen von Koordinationsstörungen, die auch bei der klinisch-neurologischen Untersuchung erfasst werden, lassen sich Kognition und Gehvermögen hinsichtlich längerer Strecken im Rahmen der routinemäßig durchgeführten ärztlichen Untersuchung nur schlecht beurteilen. Dementsprechend liefert die wiederholte Erfassung von Gehstrecke und Geschwindigkeit im Rahmen der Floodlight MS-Tests sowohl dem Arzt als auch dem Patienten wertvolle Informationen.

Alle erfassten Daten sind anschaulich und übersichtlich in Diagrammen präsentiert, was dem Patienten eine Übersicht über eventuelle Veränderungen im Langzeitverlauf gibt. Beide Apps bieten zudem Zugriff auf zahlreiche fachlich fundierte Artikel über grundlegendes Wissen und Neuigkeiten zur Multiplen Sklerose und sind als Medizinprodukte registriert. Ergänzt wird dieses Angebot durch wertvolle Tipps zum Umgang mit der Krankheit im Alltag, wie beispielsweise zu Stressbewältigung, sportlicher Aktivität im Alltag sowie gesunder Ernährung.

Worin liegt Ihrer Meinung nach der Nutzen für Ihre Patienten, die Floodlight MS-Tests (regelmäßig) durchzuführen?

An erster Stelle steht sowohl für den Arzt als auch für die Patienten, die Erkrankung zu jedem Zeitpunkt so gut und so rechtzeitig wie möglich behandeln zu können, um langfristige Behinderungen zu vermeiden. Voraussetzung hierfür ist die frühzeitige Wahrnehmung klinischer Veränderungen. Die regelmäßige Durchführung der Floodlight MS-Tests kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten: Nicht nur körperliche Symptome, sondern insbesondere auch die manchmal subtilen kognitiven Veränderungen lassen sich mithilfe dieses Tools erkennen, sodass eine eventuell erforderliche Anpassung der Behandlung der Multiplen Sklerose – nicht nur hinsichtlich der immunmodulatorischen Medikamente – rechtzeitig erkannt werden könnte. Auch die Notwendigkeit einer begleitenden ergotherapeutischen und/oder physiotherapeutischen Behandlung oder die Diagnostik hinsichtlich der Kognition oder einer Fatigue können sich aus den Ergebnissen der Floodlight MS-Tests und der Symptom-Dokumentation ablesen lassen. Nicht zu unterschätzen ist schließlich der Wert der regelmäßigen Durchführung solcher Tests für die Betroffenen, ihre individuelle Entwicklung der Motorik und Kognition besser einschätzen zu können.

Welche Erfahrungen konnten Sie bereits mit Floodlight MS sammeln?

Erste Erfahrungen mit Floodlight MS sind durchweg positiv. Zum einen schätzen die Patienten die Apps als wertvolle Informationsquelle und Möglichkeit, ihre Erkrankung und deren Verlauf selbst im Auge zu behalten. Zum anderen erhalten wir Ärzte zusätzliche objektive Daten zu den motorischen und kognitiven Funktionen unserer MS-Patienten im Verlauf, die sie selbst über ihr Smartphone zwischen den Arztbesuchen erheben können und die wir für zielgerichtete Behandlungsgespräche nutzen können. Davon profitieren Patient und Arzt gleichermaßen.

Vor diesem Hintergrund gehe ich davon aus, dass beide MS-Apps mit den integrierten Floodlight MS-Tests unter MS-Patienten und ihren behandelnden Ärzten auf großen Zuspruch stoßen und eine rasche Verbreitung erfahren werden.

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