Leben mit MS

Nachgefragt: früh handeln und MS-Progression aufhalten

Das Ziel ist klar: das Fortschreiten der MS bremsen. Im Interview erklärt Dr. Anke Friedrich, warum eine frühe, hochwirksame Behandlung direkt ab Diagnose dabei so wichtig ist und wie gemeinsame Entscheidungen auf Augenhöhe gelingen.

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Dr. Anke Friedrich ist Fachärztin für Neurologie im Zentrum für ambulante Neurologie in Essen. Im Oktober 2020 veröffentlichte sie das Buch „Ratgeber Multiple Sklerose – Antworten auf die häufigsten Fragen MS-Betroffener“ und behandelt darin Themen, die viele nach der Diagnose beschäftigen. Im September 2025 ist es in der 2. Auflage erschienen.


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Liebe Frau Dr. Friedrich, neben der Schubtherapie und der Linderung von Symptomen steht die verlaufsmodifizierende Therapie als dritte Säule der MS-Behandlung. Diese wird immer wichtiger, warum?

Wir haben in den letzten Jahren viel über das fehlgesteuerte Immunsystem gelernt und verstanden, dass die MS bereits früh schleichend und dauerhaft fortschreitet. Wir sprechen hier von früher Chronifizierung der MS. Daraus ergibt sich ein neues Verständnis zur Behandlung der Erkrankung. Bei frühzeitiger Diagnose und Behandlung können wir die Schübe und Spätsymptome deutlich reduzieren oder im besten Falle vermeiden.


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Was heißt „Chronifizierung der MS“ genau?

Chronifizierung der MS meint die schleichende, zunehmende Entzündungsaktivität auch ohne das Auftreten von sichtbaren Schüben. Dieses schubunabhängige Fortschreiten bezeichnen wir als PIRA (Progression Independent of Relapse Activity). Es gibt zahlreiche Hinweise, dass das bereits in der frühen Erkrankungsphase beginnen kann. Und diese frühe Chronifizierung ist der Treiber für die zunehmende Behinderung im späteren Krankheitsverlauf. Diese neuen Erkenntnisse haben das therapeutische Denken verändert.


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Was bedeutet für Sie moderne MS-Therapie?

Moderne MS-Therapie bedeutet für mich, jeden Patienten je nach Risikoprofil und persönlicher Lebenssituation individuell zu behandeln – und das so früh, also direkt nach Diagnose, und so effektiv wie möglich. Die Idee dabei ist, früh und grundlegend in den Krankheitsprozess einzugreifen und dadurch eine schwelende Entzündung mit Chronifizierung möglichst zu vermeiden. 

Deshalb werden heute häufig spezifische Antikörpertherapien, wie z. B. die B-Zell-Therapie, schon früh in der Behandlung eingesetzt. 


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Es gibt im Internet unzählige Informationen über MS. Was hat Sie bewogen, einen Patientenratgeber zu schreiben?

Die vielen Informationen im Netz können überfordern, und es ist oft schwer zu entscheiden, ob sie medizinisch fundiert und neutral sind. Aber nur wer gut informiert ist, kann mit seinem Neurologen auf Augenhöhe zusammenarbeiten, die richtigen Fragen stellen und gemeinsam therapeutische Entscheidungen treffen. Genau das möchte ich mit dem Ratgeber erreichen. Deshalb gebe ich Betroffenen und Angehörigen eine umfangreiche und unabhängige Aufklarung über die Erkrankung und die inzwischen sehr effektiven therapeutischen Möglichkeiten. 

Zusätzlich gehe ich auf den Einfluss des Darms auf unser Immunsystem und Gehirn ein und informiere über die Bedeutung der Ernährung als wichtiges Add-on. Daher finden sich in dem Ratgeber auch zahlreiche Rezepte. 

Rezept-Tipps von Dr. Friedrich findest Du in den Ausgaben #14 und #15 des trotz ms Magazins. 


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Wie erleben Sie es, wenn Betroffene von Anfang an bei ihrer Therapie mitentscheiden wollen?

Da es mein Ziel ist, mit gut informierten Patienten zusammenzuarbeiten, begrüße ich das natürlich sehr. Die gemeinsamen Entscheidungen müssen allerdings auf solidem Wissen basieren. Ich möchte Mut machen, Fragen zu stellen, denn nur wenn die Betroffenen überzeugt sind von dem Weg, den sie beschreiten, wird dieser auch konsequent gegangen

Wie kann Dein Behandlungsteam den Verlauf der MS im Blick behalten? Das erfährst Du im WISSEN KOMPAKT Progressionsmessung! 

Inhaltlich geprüft: M-DE-00032139