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Grundlagen

Progression bei MS bremsen: Hochgestecktes Therapieziel dank moderner Medikamente

9 Minuten

Veröffentlicht am 05.05.2020  von  trotz ms Redaktion

Von der Behandlung der Symptome hin zu einem Stillstand der Krankheitsaktivität – mit der Entwicklung hochwirksamer MS-Medikamente ändern sich auch die Anforderungen an den Therapieerfolg.

Progression bei MS bremsen

Früher konnten Ärzte lediglich die Symptome der MS behandeln. Mit der Entwicklung der ersten Medikamente zur Behandlung der MS wurde das Therapieziel höher gesteckt: Im Fokus stand, die Anzahl der Schübe zu verringern. Heute weiß man jedoch, dass die Schübe nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Denn die MS kann auch ohne Schübe aktiv sein und dauerhafte Schäden verursachen. Moderne MS-Medikamente zielen daher darauf ab, die Krankheitsaktivität vollständig zu unterdrücken und so die Progression der MS zu bremsen.

Was bedeutet Progression bei MS?

Progression bedeutet, dass die MS weiter fortschreitet. Dabei nehmen die Schäden an den Nerven und damit die Beeinträchtigungen zu. Die Progression der MS kann auf zwei Arten verlaufen – abhängig oder unabhängig von Schüben:

Schubabhängige Progression: Die Symptome bilden sich nach einem Schub nicht vollständig zurück und verschlechtern sich dauerhaft. Mediziner nennen das „Relapse-Associated Worsening“ (= schub-bedingte Verschlechterung), kurz RAW. Da sich die MS dabei sprunghaft verschlechtert, kannst Du Dir dieses schubabhängige Fortschreiten mit dem Bild des Kängurus als Eselsbrücke merken.

Schubunabhängige Progression: Das schleichende Fortschreiten der MS im Stillen, also ohne Schübe, bezeichnen Mediziner als „Progression Independent of Relapse Activity“ (= Fortschreiten unabhängig von Schubaktivität), kurz PIRA. Stell Dir eine Schnecke vor, die langsam, aber stetig ihren Weg geht. Genauso kann die MS schleichend, aber dauerhaft fortschreiten.

Wichtig zu wissen ist, dass auch bei den schubförmigen Verläufen der MS – also bei RRMS und rSPMS – die Erkrankung ohne das Auftreten von Schüben fortschreiten kann. Hier können „Känguru“ und „Schnecke“ also gemeinsam die MS verschlechtern.

Progression bei MS

Das Känguru steht für das schubabhängige Fortschreiten der MS. Die Schnecke verdeutlicht das schleichende, stetige Voranschreiten. Beide Formen können nebeneinander auftreten.

NEDA, NEPAD und EDSS – was ist das?

Hast Du diese Begriffe auch schon einmal gehört und Dich gefragt, wofür sie stehen und was sie mit MS zu tun haben? Hier gibt’s die Auflösung:

EDSS ist die Abkürzung für „Expanded Disability Status Scale“ (= erweiterte Behinderungsskala). Mithilfe dieser Skala kann Dein Arzt den Schweregrad Deiner MS-bedingten Einschränkungen messen. Dazu untersucht er verschiedene Funktionssysteme des Nervensystems, wie beispielsweise das motorische System, also Beweglichkeit und Kraft, oder das visuelle System, also die Sehfähigkeit. Insgesamt prüft Dein Arzt sieben verschiedene Systeme, die durch die MS beeinträchtigt sein können. Den Grad der Einschränkung bewertet er mit einem Wert von null bis zehn.

NEDA und NEPAD sind Abkürzungen für Begriffe, die Experten nutzen, um das Therapieziel bei MS zu definieren - häufig im Rahmen von klinischen Studien.

NEDA steht für „No Evidence of Disease Activity“, also „keine Anzeichen von Krankheitsaktivität“. Diese Abwesenheit von Krankheitsaktivität wird bestimmt durch:

  • kein Auftreten von Schüben
  • kein Fortschreiten der MS-bedingten Einschränkungen (gemessen mithilfe der EDSS)
  • keine neuen oder verstärkten Entzündungsherde in der MRT
  • keine Abnahme des Hirnvolumens

Für die PPMS wurde als Therapieziel „No Evidence of Progression or Active Disease“, kurz NEPAD, eingeführt – also „keine Anzeichen für Progression oder eine aktive Erkrankung“. Im Prinzip gelten hier die gleichen Kriterien wie bei NEDA. Hinzu kommen aber weitere Methoden, um das Fortschreiten der PPMS zu messen:

NEDA und NEPAD werden hauptsächlich in klinischen Studien verwendet. Es lohnt sich aber, den Verlauf Deiner MS immer im Blick zu haben – durch regelmäßige MRT-Kontrollen und Messungen Deiner körperlichen und kognitiven Fähigkeiten. So kannst Du gemeinsam mit Deinem Behandlungsteam schnell reagieren, wenn Deine Therapie nicht die gewünschte Wirkung zeigt.

Laut einer wissenschaftlichen Untersuchung schafft ein schneller Therapiestart die beste Voraussetzung, um die Krankheitsprogression zu bremsen. Mit dem frühen Beginn einer verlaufsmodifizierenden Therapie lässt sich die Krankheitsaktivität besonders effektiv unterdrücken. Damit lassen sich auch mögliche Einschränkungen und damit die Progression verzögern. Dazu kommt, dass Patienten mit einer schubförmigen MS (RMS) bei Start einer hochwirksamen Therapie seltener eine Sekundär Progrediente MS (SPMS) entwickeln.

*Quelle: Brown, JWL et al.: Association of Initial Disease-Modifying Therapy With Later Conversion to Secondary Progressive Multiple Sclerosis. JAMA (Januar 2019).

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