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Forschung

Wer sich stigmatisiert fühlt, erkrankt eher an Depressionen

5 Minuten

Veröffentlicht am 12.09.2018  von  Onmeda

Eine multiple Sklerose kann auch die Psyche angreifen. Das Risiko für Depressionen ist bei MS erhöht. Eine wichtige Rolle scheinen dabei Stigmata zu spielen: Wer sich ausgegrenzt und isoliert fühlt, entwickelt eher eine Depression.

Gruppenbild mit fünf Personen

Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit oder Konzentrationsprobleme: Eine multiple Sklerose (MS) greift nicht nur die Nervenzellen an, sie kann auch die Psyche schwer belasten. Bekannt ist, dass Menschen mit MS häufiger an Depressionen erkranken. "Etwa 50 Prozent der MS-Patienten entwickeln im Lauf ihres Lebens eine Depression. In der Normalbevölkerung sind es dagegen nur 17 Prozent", erklärt Margaret Cadden, Psychologin an der Penn State University in Pennsylvania (USA). Unklar ist bislang, warum die Depressionsrate unter MS-Patienten so hoch ist.

Viele Betroffene empfinden MS als Makel

Der Antwort kamen die US-Forscher jetzt vielleicht ein Stück näher: Viele Patienten würden ihre Erkrankung als Makel empfinden. Sie würden sich minderwertig, isoliert und als Außenseiter in der Gesellschaft fühlen, so die Ergebnisse einer aktuellen Studie. Wer sich stigmatisiert fühlt, neige eher zu Depressionen. Das Stigma sei eine wichtige soziale Triebkraft der Depression, vermuten die Forscher. Faktoren wie die Unterstützung durch Familie und Freunde sowie das Gefühl der Zugehörigkeit, Autonomie, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung linderten dagegen die Auswirkungen des Stigmas.

Soziale Netzwerke als Puffer für die Psyche

Die Wissenschaftler werteten Daten von mehr als 5.300 MS-Patienten aus, die sie über mehrere Jahre begleitet hatten. Zweimal jährlich wurden sie körperlich untersucht. Dabei stellten die Forscher das Ausmaß der Behinderungen fest und befragten die Studienteilnehmer nach ihrem Befinden, Lebensstil und ihren Aktivitäten. "Die Ergebnisse lassen vermuten, dass sich Menschen mit einer chronischen Krankheit häufig isoliert, ausgeschlossen und abgestempelt fühlen", sagt Psychologin Cadden. MS-Patienten wüssten, dass sie eine unheilbare, chronische Krankheit haben. Dies würde möglicherweise zum Gefühl der Stigmatisierung beitragen.

Starke soziale Bindungen bildeten dagegen einen Puffer für die Psyche, der die negativen Auswirkungen der Stigmatisierung abfedern kann. Menschen mit einem engen Netzwerk aus Familie und Freunden, einem Gefühl, dazuzugehören, und der Fähigkeit, ihre Wünsche und Nöte zu äußern, beeinflusste das Stigma weitaus weniger. "Sie neigten seltener zur Depression, selbst wenn sie ein Stigma erlebten", betont Jonathan Cook, einer der Studienautoren. Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Stigma und Depression seien auch für Personen mit anderen chronischen Erkrankungen wichtig.

Stigmata und persönliche Verantwortung

Stigmata spielen normalerweise dann bei Krankheiten eine Rolle, wenn eine persönliche Verantwortung mitzuschwingen scheint: zum Beispiel bei Drogenmissbrauch, Lungenkrebs oder einer HIV-Infektion. Sie verstärken sich, wenn Betroffene das Gefühl haben, selbst an etwas schuld zu sein und die Krankheit nicht verhindert zu haben. Den Studienergebnissen zufolge kann ein Stigma aber auch bei Krankheiten eine Rolle spielen, die mit persönlicher Verantwortlichkeit nichts zu tun haben – zum Beispiel bei multipler Sklerose.

Quellen:

Online-Informationen des Penn State Social Science Research Institute: www.ssri.psu.edu (Seitenabruf: 12.7.2018)
Online-Informationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): www.dmsg.de (Seitenabruf: 12.7.2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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