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Coronavirus (COVID-19)

Nachgefragt: Experten-Interview zur Corona-Impfung bei MS

10 Minuten

Veröffentlicht am 02.03.2021  von  trotz ms Redaktion

Seit Anfang des Jahres läuft die Covid-19-Impfkampagne in den Impfzentren. Viele Menschen mit MS fragen sich, ob sie sich auch impfen lassen sollten. Der Experte Dr. Markus Frühwein erklärt die verschiedenen Covid-19 Impfstoffe und was MS-Betroffene bei der Corona-Impfung beachten sollten.

Dr. Markus Frühwein ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Reisemedizin, Tropenmedizin und Ernährungsmedizin in der Praxis Dr. Frühwein und Partner in München.

Welche Impfstoffarten gibt es? Und was bedeuten die Unterschiede für Menschen mit MS?

Zunächst unterscheidet man zwischen Lebend- und Totimpfstoffen. Bei den Lebendimpfstoffen wird das gesamte Virus, aber in abgeschwächter Form verabreicht. Dieses vermehrt sich, wird vom Immunsystem erkannt und löst eine entsprechende Immunantwort aus. Lebendimpfstoffe sollten MS-Patienten mit immunsupprimierender Therapie in der Regel nicht erhalten. Die empfohlenen Impfungen mit Lebendimpfstoffen sollten entsprechend rechtzeitig vor dem Therapiestart erfolgen.

Als Totimpfstoffe kommen beispielsweise abgetötete Viren oder einzelne Bestandteile des Virus zum Einsatz. Das Virus kann sich nicht mehr in der Körperzelle vermehren. Hierzu zählen auch die neuen mRNA-Impfstoffe gegen das Corona-Virus (SARS-CoV-2). Totimpfstoffe können grundsätzlich während einer immunsupprimierenden Therapie gegeben werden. Um einen optimalen Impferfolg zu erzielen, sollten bestimmte Abstände zwischen der Gabe der Therapie und der Impfung eingehalten werden.

Neben den mRNA Impfstoffen gibt es noch die Vektor-basierten Impfstoffe. Hierbei werden für den Menschen ungefährlich gemachte Viren genutzt. Diese bezeichnet man dann als Vektorviren. Dabei gibt es vermehrungsfähige Vektorviren und solche, die sich nicht mehr vermehren können.

Wie funktionieren die verschiedenen Impfstoffe gegen Covid-19?

Das Corona-Virus (SARS-CoV-2) ist ein mRNA Virus und besteht aus einer Hülle, in der sich die Erbinformation des Virus als mRNA befindet. Auf der Oberfläche trägt das Virus verschiedene Eiweiße, darunter das Spike-Protein. Über dieses Protein kann das Corona-Virus in unsere Körperzellen gelangen, seine Erbinformation einschleusen und sich vermehren.

Bisher sind mRNA- und Vektor-basierte Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen. Beide Impfstoffarten haben gemeinsam, dass sie die Erbinformation, die den Bauplan für das Spike-Protein enthält, beim Impfen in unsere Körperzellen einbringen. Nach der Impfung beginnen die Körperzellen damit, anhand des Bauplans das Spike-Protein zu produzieren. Dieses wird von unserem Immunsystem erkannt und bestimmte Abwehrzellen, die B-Zellen, bilden Antikörper gegen das Spike-Protein. Kommen wir dann mit dem Corona-Virus (SARS-CoV-2) in Kontakt, erkennt unser Immunsystem dieses sofort und kann reagieren.

Der Unterschied zwischen den beiden Impfstoffarten ist zum einen die Form der Erbinformation und zum anderen die Art, wie diese „verpackt“ ist. Bei den mRNA-Impfstoffen befindet sich die Erbinformation als mRNA in einer Hülle aus Fetten (Lipidhülle). Bei den Vektor-basierten Impfstoffen wird die Erbinformation für das Spike-Protein als DNA in ein für den Menschen ungefährliches Virus eingeschleust. Wichtig ist hier anzumerken, dass die Sorge, dass die Impfung das eigene Erbgut beeinträchtigt, unbegründet ist. Bei beiden Impfarten werden die in die Zelle eingebrachten Baupläne vom Körper wieder abgebaut.

Wie verträglich sind die Corona-Impfstoffe für MS-Betroffene? Und wie konnten sie so schnell zugelassen werden?

Wie bei den meisten Impfstoffen können auch bei der Impfung gegen Covid-19 Nebenwirkungen auftreten. Typische Impfnebenwirkungen sind Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber, Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit. Diese sind bei den Covid-19-Impfstoffen teilweise häufiger als bei anderen Impfstoffen. Man geht aber nicht davon aus, dass bei Menschen mit MS Nebenwirkungen nach der Impfung häufiger auftreten. Allerdings muss man dazu sagen, dass sich die Daten zum Teil auf Erfahrungen beziehen, die man mit anderen Impfstoffen gemacht hat.

Viele Menschen fragen sich, ob die schnelle Zulassung der Impfstoffe zu Lasten der Sicherheit ging. Aber viele Faktoren haben dazu beigetragen, den Prozess zu beschleunigen und dabei die hohen Zulassungsstandards einzuhalten. In den Studien wurden die Impfstoffe beispielsweise an einer sehr großen Anzahl an Studienteilnehmern getestet. Zudem konnten die entsprechenden Behörden durch ein spezielles Verfahren (Rolling Review) bereits während der Studien die Daten einsehen und bewerten. Normalerweise geschieht dies erst nach Abschluss der Studien.

Wie wirksam schützen die Impfstoffe vor Covid-19? Empfehlen Sie einen Impfstoff besonders für MS-Betroffene?

Die bisher zugelassenen mRNA-Impfstoffe bieten einen sehr hohen Schutz. Die Wirksamkeit beträgt über 90 Prozent. Das ist für einen Impfstoff sehr gut. So sind die Erkrankungsraten bei Geimpften extrem niedrig. Erkrankt eine geimpfte Person dennoch an Corona, ist das Risiko für einen schweren Verlauf sehr gering. Der zugelassene Vektor-basierte Impfstoff zeigte in den Studien eine geringere Wirksamkeit von etwa 70 Prozent und in Deutschland wird er momentan nur an Menschen unter 65 Jahren verimpft. Aber ich gehe davon aus, dass dieser Impfstoff bei jungen Menschen wahrscheinlich auch einen sehr guten Schutz bietet.

Aufgrund der sehr hohen Wirksamkeit und der klaren Zuordnung zu den Totimpfstoffen wäre momentan einer der mRNA-Impfstoffe mein Mittel der Wahl. Die Wirksamkeit bezieht sich auf Gesunde, bei Menschen mit einer immunsupprimierenden Therapie wird sie wahrscheinlich geringer ausfallen. Ob auch der Vektor-basierte Impfstoff passt, wird sich herausstellen. Zudem werden in naher Zukunft weitere Impfstoffe auf den Markt kommen. Dann könnte sich die Empfehlung auch ändern.

Was sollten MS-Patienten mit einer immunsupprimierenden Therapie bei der Covid-19-Impfung beachten?

MS-Patienten sollten auch unter immunsupprimierender Therapie nach Möglichkeit geimpft werden. Die mRNA-Impfstoffe gehören zu den Totimpfstoffen und diese können uneingeschränkt verimpft werden. Zudem zählen MS-Patienten mit einer immunsupprimierenden Therapie zur Risikogruppe.

Im Idealfall hält man sich an die empfohlenen Abstände zwischen Medikamentengabe und Impfung. Die Therapie sollte aber nach Möglichkeit nicht für eine Impfung zurückgestellt werden. Im Notfall impft man während der Therapie oder verschiebt die Impfung ein wenig. Aufgrund des aktuellen Risikos an Covid-19 zu erkranken, würde ich Patienten, die eine Impfung angeboten bekommen, tendenziell impfen, auch wenn sie nicht in das empfohlene Intervall für Impfungen fällt – ohne die Therapie zu verschieben. Patienten sollten sich hier mit ihrem behandelnden Neurologen besprechen.

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