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Forschung

Kann Milch die Symptome der MS verstärken?

7 Minuten

Veröffentlicht am 03.05.2022  von  trotz ms Redaktion

Haben sich Deine MS-Symptome auch schon einmal nach dem Genuss von Milchprodukten verschlechtert? Eine aktuelle Studie macht ein bestimmtes Eiweiß in der Milch dafür verantwortlich – und könnte auch erklären, warum nur manche Menschen mit MS offenbar keine Milch vertragen.

Eine Hand hält ein Glas verspritzte Milch

Grundsätzlich ist Kuhmilch ein gesundes Lebensmittel: Sie enthält wertvolles Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe – allen voran Calcium für gesunde Knochen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt daher, täglich Milch oder Milchprodukte zu sich zu nehmen.1 Aber gilt das auch für Menschen mit MS? Offenbar nur bedingt. Denn es gibt MS-Betroffene, die nach dem Konsum von Milch, Quark oder Joghurt über eine Verschlechterung ihrer Symptome klagen.2 Eine aktuelle Studie könnte dafür jetzt eine Erklärung gefunden haben – auch dafür, warum das nicht für alle MS-Betroffenen gilt.3

Milch kann Allergien auslösen

Milch enthält verschiedene Eiweiße, sogenannte Milchproteine, wie z.B. Casein. Casein ist hauptverantwortlich dafür, dass einige Menschen eine Milchallergie entwickeln und dann allergisch auf Produkte wie Milch, Joghurt, Quark und Käse reagieren.4 Milch gehört sogar zu den Lebensmitteln, die am häufigsten eine Allergie auslösen.5 Zudem könnte Casein auch dafür verantwortlich sein, dass einige MS-Betroffene auf den Verzehr von Kuhmilch verzichten sollten.

Fehlgeleitete Immunreaktion durch Milch?

Zu diesem Schluss kommt nun eine aktuelle Studie: Die Forschenden fanden im Mausmodell heraus, dass nach Immunisierung mit verschiedenen Milchproteinen nur das Milchprotein Casein bei den Tieren zu neurologischen Symptomen wie Schwäche und Desorientierung führte. Andere Milchproteine lösten hingegen keine Symptome aus. Die nachfolgenden Untersuchungen zeigten die Ursache für die Symptome: Schäden an den Myelinscheiden, der schützenden Hülle der Nervenfasern – genau wie bei der MS.

An den geschädigten Myelinscheiden fanden die Forschenden Antikörper. Mithilfe weiterer Analysen konnten sie zeigen, dass die Mäuse Antikörper gegen Casein gebildet hatten. Und diese Antikörper richteten sich fälschlicherweise ebenfalls gegen die körpereigenen Myelinscheiden. Casein verursachte also eine Autoimmunreaktion. Die Forschenden konnten auch den Grund dafür ausmachen: Ein bestimmter Bestandteil des Myelins zeigt eine große Ähnlichkeit mit Casein. Das führt anscheinend dazu, dass die Antikörper nicht zwischen Myelin und Casein unterscheiden können und sich so auch gegen die Myelinscheiden richten und diese schädigen.

Bei MS lieber auf Milch verzichten?

Was bedeuten diese Ergebnisse für MS-Betroffene? Die Forschenden untersuchten Blutproben von Menschen mit MS und mit anderen neurologischen Erkrankungen: Die MS-Betroffenen zeigten im Vergleich deutlich höhere Mengen an gegen Casein gerichtete Antikörper und B-Zellen. Das legt die Vermutung nahe, dass diese MS-Betroffenen durch den Verzehr von Milch im Laufe der Zeit eine Allergie gegen Casein entwickelt haben. Nehmen diese dann Milchprodukte zu sich, bilden die B-Zellen Antikörper gegen Casein, die sich fälschlicherweise auch gegen die Myelinscheiden richten und so die Symptome der MS verschlechtern können. Wichtig ist, dass dies nur für MS-Betroffene gilt, die bereits eine Allergie gegen Casein entwickelt haben. Aus diesem Grund entwickeln die Forschenden derzeit einen Selbsttest, mit dem Betroffene prüfen können, ob sie bereits Casein-Antikörper gebildet haben und daher besser auf Milchprodukte verzichten sollten.6 Wer bis dahin auf Nummer sicher gehen will, kann zu pflanzlichen Alternativen wie beispielsweise Soja-, Hafer- oder Mandeldrinks greifen.

Inwieweit der Verzehr von Milchprodukten das Risiko erhöht, an MS zu erkranken, ist noch unklar. Immerhin legten Studien bereits vor über 30 Jahren einen Zusammenhang zwischen einem hohen Verzehr von Kuhmilch und dem Auftreten von MS nahe.7 8 Und auch Gesunde können eine Allergie gegen Casein entwickeln. Damit daraus MS entsteht, sind aber vermutlich weitere Faktoren notwendig.

*Quellen:
1 https://www.dge-ernaehrungskreis.de/lebensmittelgruppen/milch-und-milchprodukte/
2 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/132506/Milchprodukte-koennten-Multiple-Sklerose-Symptome-verstaerken
3 Chunder R et al. Proc Natl Acad Sci U S A. 2022;119:e2117034119.
4 Docena GH et al. Allergy. 1996;51:412-6.
5 https://www.bfr.bund.de/de/lebensmittelallergien-61267.html
6 https://www.uni-bonn.de/de/neues/042-2022
7 Butcher PJ. Med Hypotheses. 1986;19:169-78.
8 Malosse D et al. Neuroepidemiology. 1992;11:304-12.

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