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MS-Betroffene, Karolina, 32 Jahre

Blog Starke Worte

MS-Betroffene Karolina stellt sich vor

12 Minuten

Ich heiße Karolina und ich bin 32 Jahre alt. Mein Mann, unsere drei Kinder und ich wohnen in Berlin. Den Entschluss, trotz MS Eltern zu werden, haben wir nie bereut. 2016 kam Lena zur Welt, 2017 Janek und 2021 Kostek. Damit ist mein Traum, der mir nach der Diagnose zunächst unmöglich schien, in Erfüllung gegangen: meine eigene Familie.

2014 habe ich meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenschwester beendet und ich habe bis zu Lenas Geburt in diesem Beruf gearbeitet. Zurzeit befinde ich mich noch in Elternzeit und danach würde ich gerne wieder im Krankenhaus arbeiten. Ich vermisse den Krankenhausalltag, den ganzen Trubel und ich liebe dieses Gefühl, gebraucht zu werden sowie helfen zu können. Deswegen blogge und schreibe ich auch. Ich versuche, anderen Betroffenen Mut zu machen und vor allem jungen Frauen, die an MS erkrankt sind, zu zeigen, dass eine Familie trotz allem möglich ist.

Meine MS-Diagnose: eine Zeit voller Ungewissheit & Angst

Ich weiß es noch, als ob es gestern war. Dezember 2010, ein paar Tage vor Heiligabend. Ich saß im Patientenzimmer auf dem Bett, meine Mama auf dem Stuhl neben dem Bett. Ich konnte nur auf einem Auge sehen. Dieses Mal war es das rechte. Vier Jahre zuvor war es das linke Auge. Damals habe ich Kortison vom Augenarzt bekommen und bin wieder nach Hause geschickt worden mit der Warnung, wenn es wieder kommen sollte, soll ich mich schnellstmöglich wieder vorstellen.

Der Neurologe kam rein. Er meinte, er hätte keine guten Nachrichten für mich. Ich spürte, wie mir alles aus dem Gesicht wich und ich nur noch hören wollte, was er zu sagen hatte. Aber eigentlich konnte ich gar nicht wirklich zuhören. Ständig wiederholte er: „Multiple Sklerose”. Nicht nur MS, sondern eine RRMS. Ich hatte nicht die blasseste Ahnung, was das ist. Als er das Zimmer verließ, guckte mich meine Mama nur fragend an und ich schnappte mir mein Handy und gab im Suchmaschinen-Übersetzer „Multiple Sklerose” ein. Dann wich die ganze Farbe aus dem Gesicht meiner Mutter und ich habe richtig Angst bekommen. Sie fing an zu weinen, ich fing an zu lesen und zu googeln. Danach legte ich mein Handy weg und wollte eigentlich nur noch sterben. Meine Vorstellung von einer Zukunft als Pflegefall im Rollstuhl war erschreckend und überforderte mich – so mein damaliger Wissensstand.

Aller Anfang ist schwer

Es war eine schwere Zeit. Die Selbsthilfegruppen machten mich nur noch mehr depressiv. 2010 gab es leider nicht viel, was mir Mut machen konnte. Einen Tag nach der Diagnose besuchte mich mein damaliger Freund. Seine erste Frage war: „Ist es ansteckend?“ Jetzt kann sich, glaube ich, jeder erklären, wieso er inzwischen mein Exfreund ist. Innerlich zerbrach etwas in mir. Ich hatte die Befürchtung, ich würde nie einen Mann finden, nie Kinder bekommen. Mein sehnlichster Wunsch schien unmöglich.

Ich war verzweifelt, ich war allein. Meine Mama war mir keine Stütze. Im Gegenteil, ich musste ihr Mut machen.

Wie ich wieder Mut durch den Glauben fand

Doch dann lernte ich eine katholische Schwester kennen. Diese kam immer mit den Büchern auf die Station. Sie gab mir den Rat, wieder den Weg zu Gott zu suchen und zu beten. Ich brauchte ein paar Tage, aber dann fing ich an zu beten. Zu beten und zu weinen, alleine in meinem Zimmer, nachts. Ich weinte mir die Seele aus dem Leib und als ich irgendwann kraftlos war, sagte ich nur: „Ich lege mein Leben in deine Hände“ und in diesem Moment fing es an zu schneien. Natürlich, es konnte nur Zufall sein, aber für mich war und ist es bis heute ein Zeichen: Schnee, weiße große Flocken, sauber und rein, unschuldig und ein Zeichen der Hoffnung für mich. Das hat mir Zuversicht gegeben.

Mein Leben mit der MS

Anfänglich war die MS mein Feind. Ich habe mich dafür geschämt, mit Anfang Zwanzig chronisch krank zu sein. Ich verschwieg die Diagnose und befand mich irgendwie zwischen Verdrängung und Rebellion. Ich habe alles getan, was man nicht tun sollte: Partys, Rauchen, Trinken, schlaflose Nächte, Fastfood und vieles mehr. Ich habe das Gefühl, mein Körper dankte mir dafür mit Schüben. Ich bin damals auch gar nicht mehr zum Neurologen gegangen, habe mal mehr, mal weniger meine Medikamente genommen und mich mit der Erkrankung gar nicht auseinandergesetzt.

Wenn Offenheit Türen öffnet

Alle Beziehungen, die ich hatte, endeten, wenn ich von meiner Diagnose erzählt habe. Mein Traum von einer Familie ist jedes Mal aufs Neue zerbrochen, bis ich meinen jetzigen Mann kennengelernt habe. Entgegen aller Datingregeln der Welt, erzählte ich gleich beim ersten Treffen, dass ich MS habe. Da er nicht wusste, was es ist, habe ich ihm erklärt, was es mit der Erkrankung auf sich hat. Er hielt kurz inne (das war der Moment, in dem ich dachte, er steht auf und geht – aber nein). Dann lächelte er mich an, nahm meine Hand und meinte nur: „Dann wissen wir, gegen was wir kämpfen müssen“. Er sieht es so, dass anfänglich gesunde Frauen im Verlauf einer Ehe ja genauso schwer krank werden können. Da wusste ich: Ich bin angekommen.

MS-Betroffene Karolina mit ihren Kindern

MS-Betroffene Karolina mit ihrer Familie

MS-Betroffene Karolina mit ihrer Familie

MS-Betroffene Karolina mit ihrer Familie

MS-Betroffene Karolina mit ihrer Familie

Meilensteine und Schritte in die richtige Richtung

Von dem Tag an, an dem ich Mutter wurde, war ich nicht mehr allein, ich musste mich um ein anderes Wesen kümmern. Diese Bindung zwischen Mutter und Kind ist unbeschreiblich: bedingungslos, echt und endlos. Ich wusste, ich muss mein Leben in den Griff bekommen, denn wenn es mir nicht gut geht, kann ich mich nicht um meine Tochter kümmern. Ich fing an zu lesen, außerhalb von Schranken zu denken und vieles zu ändern. Ich habe angefangen, auf mich zu achten, auf meinen Körper zu hören. Ich habe mich mit den Medikamenten auseinandergesetzt, mit der Ernährung und habe sogar angefangen zu joggen.

Ich lernte die MS kennen, ich sah sie nicht mehr als Feind an. Sie war zwar auch nicht meine Freundin, aber sie war wie ein Alarmsystem in meinem Körper. Dank der MS habe ich angefangen, mich mit meinem Körper auseinanderzusetzen und gelernt, was Selbstliebe ist. Natürlich gibt es auch schlechte Tage, aber nach jedem Regen kommt auch wieder die Sonne. Ich kämpfe mich jedes Mal zurück und am Ende zählt doch nicht, wie oft man hinfällt, sondern wie oft man wieder aufsteht. Wir sind nicht nur chronisch krank, wir sind Kämpfer – und jeder Rückschlag macht uns nur stärker.

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