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Bildung & Beruf

Nachgefragt: Berufliche Selbstständigkeit trotz MS

9 Minuten

Veröffentlicht am 13.07.2020  von  trotz ms Redaktion

Das Hobby zum Beruf machen – Daniel hat diesen Traum gewagt und sich selbstständig gemacht. Im Frühjahr 2020 eröffnete er ein Studio für Elektrostimulationstraining (EMS-Training), denn Ernährung und Fitness spielen eine wichtige Rolle in seinem Leben. Da er selbst mit dieser speziellen Trainingsart gute Erfolge erzielt hat – auch im Hinblick auf seine MS-Symptome –, möchte Daniel, dass auch andere Menschen von den positiven Effekten profitieren. Inwieweit seine MS den Anstoß für diesen großen Schritt gegeben hat, erfährst Du im Interview.

Über Daniel

Daniel ist begeisterter Sportler und liebt es aktiv zu sein. Wenn er nicht gerade selbst trainiert, fährt er mit seiner Frau zusammen auf dem Motorrad durch die Gegend. Außerdem ist Daniel ein passionierter Koch: Egal ob es darum geht, zu verwerten, was der Kühlschrank hergibt oder Freunde einzuladen – Kochen macht ihm großen Spaß. Obwohl er schon zehn Jahre lang Symptome hatte, erhielt Daniel die Diagnose „Schubförmige MS“ erst im Jahr 2019 – kurz nach seinem 30. Geburtstag. Zusammen mit seiner Frau wohnt er in der Nähe von Stuttgart. Über zehn Jahre im Finanzbereich tätig beschloss er nach seiner MS-Diagnose, dies als Chance anzusehen und sich endlich beruflich selbstständig zu machen.

Lieber Daniel, wieso hast Du ausgerechnet ein EMS-Studio eröffnet?

Durch die MS habe ich starke Probleme mit dem Bewegungsapparat und dem Gleichgewicht. Seit über einem Jahr trainiere ich selbst mit der Elektrostimulation und konnte dadurch meine Stabilität und somit mein Gleichgewicht extrem verbessern. Denn anders als beim herkömmlichen Training kann ich damit meine Rumpf- und Tiefenmuskulatur besonders gut stärken. Dazu kommt, dass ich mithilfe von Sport und einer gesunden Ernährung schon vor der MS-Diagnose fast 50 Kilo abgenommen habe. Um meinen Traum von der Selbstständigkeit zu verwirklichen, habe ich mich zum Personaltrainer ausbilden lassen und qualifiziere mich kontinuierlich weiter.

Berufliche Selbstständigkeit bedeutet auch immer ein Risiko. So mancher Gesunde scheut den Schritt in die Selbstständigkeit. Was hat Dich dazu bewogen, Dich trotz MS selbstständig zu machen?

Ich bin ein sehr positiver Mensch und sehe die MS als Chance. Ohne die Diagnose wäre ich sicher Angestellter geblieben. Doch mit der Diagnose wurde mir klar: „Ich möchte selbst über mein Leben entscheiden.“ In meinem Job als Bereichsleiter bei einem Kreditinstitut war ich extrem eingespannt. Ein Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag war für mich normal. Ich hatte einen hohen Stresspegel, der sich in drei Magengeschwüren zeigte. Doch zuerst erkannte ich den Warnschuss meines Körpers nicht und machte einfach weiter wie zuvor. Nach der MS-Diagnose wusste ich: So geht es nicht weiter. Denn der berufliche Stress hat auch meine Symptome verschlechtert – wie etwa Schmerzen in den Beinen und Kraftlosigkeit. Da fasste ich den Entschluss, mich beruflich selbstständig zu machen. Außerdem spürte ich einen unglaublichen Drang, mich zu bewegen, nach draußen zu gehen und Menschen, etwas Gutes zu tun. Durch die Umstellung meines Lebensstils und meine Gewichtreduzierung kann ich vielen ein Vorbild sein. Das war für mich ein wichtiger Beweggrund.

Welche Stolpersteine und Hürden galt es zu bewältigen, als Du Dich selbstständig gemacht hast? Hat die MS dabei eine besondere Rolle gespielt?

Der einzige Stolperstein war ich selbst. In mir hat schon immer der Unternehmer geschlummert, aber ich habe mich einfach nicht getraut, den vermeintlich sicheren Hafen der Festanstellung zu verlassen, der obendrein gut bezahlt war. Manchmal habe ich mehr auf die Stimme meines Kopfes als auf mein Herz gehört. Deshalb war meine MS-Erkrankung nicht nur ein Schicksalsschlag, sondern in gewisser Weise auch Glück. Dadurch habe ich Mut bekommen zu sagen: Ich möchte mein Leben so gestalten, wie ich es will. Ich bin auch alleiniger Inhaber meines Studios. Für meine Geschäftspartner war die Erkrankung kein Thema, auch nicht für die Bank, mit der ich zusammenarbeite.

Was rätst Du anderen MS-Patienten, die sich selbstständig machen möchten?

Ich glaube, man sollte immer auf seine innere Stimme hören und das tun, was einem das Herz sagt. Unabhängig davon muss ich natürlich auch fähig sein, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Einfach den Job zu kündigen und zu sagen: „Ich mache mich jetzt selbstständig.“ – Das macht keinen Sinn. Da gilt es, im Vorfeld viele Dinge abzuklären und sich auch gesundheitlich abzusichern: mit der Krankenkasse, der deutschen Rentenversicherung, der Bank. Die Krankenversicherung ist ein gutes Beispiel. Aufgrund meiner MS habe ich keine Chance bei einer privaten Krankenversicherung. Das heißt: Ich musste mit der Krankenkasse, bei der ich aktuell versichert war, das Gespräch suchen und nachfragen, wie hoch künftig meine Beiträge sein werden. Auch in puncto Geschäftspartner sollte man sich vorher Gedanken machen. Ich arbeite beispielsweise mit dem Weltmarktführer im EMS- Trainingsbereich zusammen. Das Unternehmen hat viel Erfahrung und einen etablierten Markennamen, den ich verwenden darf – davon kann ich profitieren.

Deshalb empfehle ich, mit Bedacht vorzugehen, aber auch den Mut zu haben, Dinge zu verändern – ganz nach meinem Motto: „Ich lebe nicht mit meiner Krankheit, sondern die Krankheit muss mit mir leben!“ Damit möchte ich auch andere Menschen mit MS ermutigen, weiterhin ihr Leben zu leben und ihre Träume zu verfolgen. Denn ich bin davon überzeugt, dass es sich positiv auswirkt, wenn man im Einklang mit sich selbst seine Träume verfolgt.

Was unterstützt Dich und hat Dir die Kraft gegeben, an Deinen Traum zu glauben?

Ich habe großes Glück, denn es gibt eine Handvoll Menschen, die hinter mir stehen. Dafür bin ich sehr dankbar. In erster Linie meine Frau – sie gab mir vom ersten Tag an Rückhalt und meinte: „Wenn Du denkst, das tut Dir gut, dann mach Dich selbstständig.“ Auch die Diagnose „MS“ war für uns gar nicht so das große Thema, da wir beide eine sehr positive Grundhaltung haben. Auf meine Schwester und ihren Ehemann kann ich mich ebenfalls zu hundert Prozent verlassen. Natürlich spielen auch meine Eltern eine wichtige Rolle. Ihre Meinung war mir bei der Entscheidung für die Selbstständigkeit extrem wichtig. All diese Menschen haben mich dabei unterstützt, die Selbstständigkeit zu wagen.

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