Warum ist es wichtig, die MS-Progression zu messen?
Deine Therapie soll die MS möglichst bremsen und Beeinträchtigungen so lange wie möglich verhindern. Trotzdem kann die Erkrankung voranschreiten – auch dann, wenn Du keinen Schub hast und Dich im Alltag einigermaßen stabil fühlst.
MS-Aktivität und MS-Progression sind dabei nicht dasselbe. Während MS-Aktivität beispielsweise durch Schübe oder neue Veränderungen im MRT sichtbar werden kann, beschreibt MS-Progression eine zunehmende Verschlechterung körperlicher oder kognitiver Funktionen über die Zeit. Eine Progression kann auch dann auftreten, wenn keine Schübe beobachtet werden.
Bei der primär progredienten MS (PPMS) treten zum Beispiel keine Schübe auf. Hier ist das Ausbleiben von Schüben kein Zeichen dafür, dass alles ruhig bleibt. Bei PPMS sind entzündliche Aktivität und neue MRT-Veränderungen häufig weniger ausgeprägt als bei der schubförmig-remittierenden MS (RMS).
Auch bei der RMS kann die MS „im Stillen“ voranschreiten. Deshalb reicht es nicht aus, nur auf Schübe zu achten. Entscheidend ist, ob sich Deine Fähigkeiten – körperlich oder kognitiv – im Laufe der Zeit spürbar verändern.
Welche Testverfahren nutzt Dein Behandlungsteam?
Um Veränderungen möglichst früh zu erkennen, empfehlen Fachleute drei standardisierte Tests: den Symbol-Digit-Modalities-Test (SDMT) für die Denkgeschwindigkeit, den 9-Hole-Peg-Test (9HPT) für die Hand- und Armfunktion sowie den Timed-25-Foot-Walk (T25FW) für die Gehfähigkeit. Idealerweise werden sie etwa alle sechs Monate wiederholt, damit auch kleine Verschlechterungen sichtbar werden. 1 , 2
Was misst der Symbol-Digit-Modalities-Test (SDMT)?
Der SDMT prüft, wie schnell Dein Gehirn Informationen aufnehmen und verarbeiten kann. Er gibt einen Hinweis auf Deine kognitiven Fähigkeiten – zum Beispiel Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit. 1 , 2
Durchführung: Auf einem Testbogen sind oben die Zahlen 1 bis 9 verschiedenen Symbolen zugeordnet. Auf dem restlichen Blatt siehst Du viele dieser Symbole ohne Zahlen. Deine Aufgabe ist es, in 90 Sekunden so vielen Symbolen wie möglich die richtige Zahl zuzuordnen. Du sagst die Zahl laut, während die medizinische Fachkraft sie notiert – oder Du trägst sie selbst ein, wenn Dir das leichter fällt. 1 , 2
Wie funktioniert der 9-Hole-Peg-Test (9HPT)?
Der 9HPT erfasst, wie gut Du Deine Hände und Arme bewegen und koordinieren kannst. Dafür gibt es ein kleines Brett mit neun Löchern und eine Mulde mit neun Stiften. 1 , 2
Durchführung: Du nimmst die Stifte nacheinander mit einer Hand aus der Mulde und steckst sie in die Löcher. Wenn alle stecken, nimmst Du sie wieder heraus und legst sie zurück. Gemessen wird die Zeit vom ersten Stift bis zum letzten. Der Test wird je zweimal mit der rechten und mit der linken Hand durchgeführt. 1 , 2
Was zeigt der Timed-25-Foot-Walk (T25FW)?
Mit dem T25FW lässt sich prüfen, wie schnell und sicher Du gehen kannst. Du gehst dazu eine fest definierte, etwa 7,6 Meter (25 Fuß) lange, ebene Strecke. 1 , 2
Durchführung: Du gehst die Strecke so schnell, wie Du kannst, ohne Dich zu überfordern. Die Zeit wird gestoppt. Nach einer kurzen Pause gehst Du denselben Weg zurück, auch hier wird die Zeit gemessen. Wenn Du eine Gehhilfe nutzt, verwendest Du sie selbstverständlich auch während des Tests. 1 , 2
Vergleichbare Messungen über längere Zeit helfen Deinem Behandlungsteam, selbst kleine Veränderungen Deines Gangbilds zu bemerken und mit Dir zu besprechen.
Wie kannst Du die Progression im Alltag selbst im Auge behalten?
Zwischen den Kontrollterminen bei Deiner Ärztin oder Deinem Arzt liegen oft viele Wochen oder Monate. In dieser Zeit kannst Du selbst aufmerksam beobachten, ob Dir bestimmte Dinge schwerer fallen als zuvor – ohne Dich dabei ständig zu prüfen. 1 , 2 Diese Beobachtungen ersetzen keine medizinischen Tests, können aber Hinweise auf Veränderungen liefern
- Treppensteigen: Wie lange brauchst Du, um eine bekannte Treppe – zum Beispiel in den zweiten Stock – hochzugehen? Notiere die Zeit und wiederhole den Test regelmäßig, etwa einmal pro Woche.
- Gehstrecken: Gehe jede Woche zur gleichen Zeit dieselbe Strecke. Notiere Dir, wie viele Schritte Du schaffst und wann Du die erste Pause brauchst.
- Haushalt: Schaffst Du es, Deine Wohnung in einem Rutsch zu saugen? Oder brauchst Du inzwischen häufiger Pausen?
- Einkauf & Erinnern: Kannst Du Dir zwei bis vier Dinge ohne Einkaufszettel merken? Oder fällt Dir auf, dass Dir das schwerer gelingt?
- Wortfindung: Fallen Dir Wörter oder Fremdwörter wie gewohnt ein? Oder musst Du länger suchen, bis Dir der passende Ausdruck einfällt?
Wie hältst Du Deine Beobachtungen fest?
Am besten hältst Du solche Beobachtungen an einem festen Ort fest: zum Beispiel in einem Notizbuch, einem Kalender oder in einer App, wie beispielsweise in der BRISA®-App auf Deinem Smartphone. So kannst Du Entwicklungen über mehrere Wochen oder Monate vergleichen, statt Dich nur auf Dein Bauchgefühl zu verlassen.
Notiere neben Deinen Beobachtungen auch Besonderheiten wie Infekte, Stressphasen oder sehr anstrengende Tage. Sie können erklären, warum Dir etwas ausnahmsweise schwerer fällt, ohne dass das gleich eine dauerhafte Verschlechterung bedeuten muss.
Wann solltest Du Deine Ärztin oder Deinen Arzt ansprechen?
Wenn Du das Gefühl hast, dass Dir bestimmte Tätigkeiten über mehrere Wochen hinweg deutlich schwerer fallen als früher, ist das ein wichtiger Gesprächsanlass. Nimm Deine Notizen mit zum nächsten Termin und sprich offen an, was Dir aufgefallen ist.
Dein Behandlungsteam kann dann genauer nachfragen, zusätzliche Untersuchungen veranlassen oder Deine Therapie überprüfen. Manchmal gibt es gute Erklärungen für Veränderungen – manchmal zeigt sich aber auch, dass eine Anpassung der Behandlung sinnvoll ist.
Wichtig: Du lieferst mit Deinen Beobachtungen wertvolle Informationen, damit Ihr gemeinsam entscheiden könnt, was für Dich der beste nächste Schritt ist und welche Behandlung am besten zu Dir passt.
FAQ: Häufige Fragen zur Verlaufsbeurteilung bei MS
Wie oft sollten die Tests in der Praxis durchgeführt werden?
Häufig wird empfohlen, Tests wie SDMT, 9HPT und T25FW etwa alle sechs bis zwölf Monate zu wiederholen. Dein Behandlungsteam legt gemeinsam mit Dir fest, welcher Rhythmus zu Deiner Situation passt.
Sind diese Tests schmerzhaft oder gefährlich?
Nein. Alle beschriebenen Tests sind standardisierte Funktionsprüfungen ohne Eingriff in den Körper. Sie können anstrengend sein, sollten Dich aber nicht überfordern. Sag Deinem Behandlungsteam Bescheid, wenn Du Dich unwohl fühlst.
Was ist, wenn meine Tagesform schlecht ist – beeinflusst das die Ergebnisse?
Tagesform, Müdigkeit oder Stress können einzelne Messergebnisse beeinflussen. Deshalb ist vor allem der Vergleich über mehrere Termine wichtig. Sprich offen an, wie es Dir am Testtag geht, damit Dein Behandlungsteam die Ergebnisse besser einordnen kann.
Muss ich im Alltag ständig messen und zählen?
Nein. Es reicht, wenn Du Dir ein paar einfache Vergleichssituationen suchst – etwa eine feste Treppe oder eine Standardstrecke – und diese in größeren Abständen beobachtest. Ziel ist, Entwicklungen zu erkennen, anstatt Dich dauerhaft unter Druck zu setzen.
Was mache ich, wenn ich eine deutliche Verschlechterung bemerke?
Wenn Du merkst, dass sich Deine Fähigkeiten klar verschlechtern, solltest Du nicht bis zum nächsten Routine-Termin warten. Vereinbare frühzeitig einen zusätzlichen Termin in Deiner neurologischen Praxis oder melde Dich telefonisch, damit Dein Behandlungsteam das zeitnah mit Dir klären kann.
Gelten die Tests für alle Verlaufsformen der MS?
Grundsätzlich können diese Tests bei verschiedenen Verlaufsformen der MS eingesetzt werden. Gerade bei primär progredienter MS (PPMS) sind sie hilfreich, weil dort keine Schübe auftreten und Veränderungen dadurch schwerer zu erkennen sind.
Inhaltlich geprüft: M-DE-00031065
Quellenverzeichnis
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Flachenecker P et al. Multiple Sklerose 2019 – Update zu Diagnostik und Therapie. neuroreha 2019; 11(04): 149-154. doi: 10.1055/a-1022-4917
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Stangel M, Penner IK, Kallmann BA et al. Towards the implementation of 'no evidence of disease activity' in multiple sclerosis treatment: the multiple sclerosis decision model. Ther Adv Neurol Disord. 2015 Jan;8(1):3-13. doi: 10.1177/1756285614560733.