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Therapie

Nachgefragt: Die Therapien bei Multipler Sklerose

6 Minuten

Veröffentlicht am 28.11.2017 von trotz ms Redaktion

Professor Tjalf Ziemssen ist als Neurologe Experte für die Therapie von Multipler Sklerose. Über 1.000 Patienten werden jährlich in dem von ihm gegründeten Multiple-Sklerose-Zentrum in Dresden behandelt. Im Folgenden beantwortet er fünf Fragen zu den Therapiemöglichkeiten bei MS.

Prof. Dr. Tjalf Ziemssen ist Direktor des Zentrums für Klinische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Von 2000 bis 2003 hat er am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in München-Martinsried geforscht. Im Jahr 2004 baute er das neuroimmunologische Labor (NIL) in Dresden auf. Darüber hinaus gründete der Neurologe 2007 das Multiple-Sklerose-Zentrum am Universitätsklinikum in Dresden.

Was sind die Säulen der MS-Therapie?

Eine Säule der MS-Therapie ist es, möglichst frühzeitig zu therapieren – egal mit welchem Therapeutikum. Die krankheitsmodifizierende Behandlung sollte am besten direkt nach der Diagnose beginnen. Je früher der Arzt diese anwendet, desto besser wirkt jedes Therapeutikum. Deshalb sollten sich Arzt und Patient relativ schnell für ein Medikament entscheiden. Eine weitere Säule ist ein konsequentes Monitoring danach. Das heißt, regelmäßig zu überprüfen, ob die gesetzten Therapieziele erreicht werden. Sobald das bisherige Medikament nicht mehr ausreichend wirkt oder es nicht mehr vertragen wird, muss der Arzt zusammen mit dem Patienten eine Alternative finden.

Welche Rolle nimmt die medikamentöse Therapie bei MS ein?

Die medikamentöse Therapie nimmt bei schubförmigen MS-Verlaufsformen einen wichtigen Stellenwert ein. Weiterhin spielen Lebensstilveränderungen und andere Begleitfaktoren eine bedeutende Rolle. Sport ist ein gutes Beispiel: Sport kommt bei der Behandlung von Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen, etwa die gleiche Bedeutung zu wie der medikamentösen Therapie selbst.

Wie funktionieren medikamentöse Therapien?

Die aktuellen medikamentösen Therapien wirken vor allem über die Modulation, also eine Beeinflussung, des Immunsystems. Sie versuchen, das Immunsystem daran zu hindern, im Gehirn Entzündungsherde zu bilden. Das erklärt auch, warum Therapien bei bestimmten MS-Patienten nicht mehr so gut wirken. Grund dafür ist, dass die Rolle der Einwanderung von Immunzellen in das Gehirn zu späteren Erkrankungsphasen wahrscheinlich keine so große Rolle mehr spielt wie in den frühen Krankheitsphasen mit deutlicher Schubaktivität. Vielmehr geht es bei den Patienten mit progredientem Krankheitsstadium eher darum, den entzündlichen Prozess, der im Gehirn abläuft, zu behandeln. Das ist viel schwieriger, weil der Arzt hier ein Problem im zentralen Nervensystem behandeln muss, wobei die Blut-Hirn-Schranke geschlossen ist. Doch im Wesentlichen wirken die aktuellen MS-Therapeutika vor allem außerhalb des Gehirns und können die intakte Blut-Hirn-Schranke nicht ausreichend überwinden.

Wie haben sich die Therapieverfahren in den letzten Jahren verändert?

In den letzten Jahren kamen immer effektivere Therapieverfahren auf, die in das Immunsystem an unterschiedlichsten Orten eingreifen. Während man früher nur klinische Zeichen von Krankheitsaktivität, die sogenannten Schübe, behandelt hat, lautet das Ziel heute, auch die subklinische Krankheitsaktivität zum Stillstand zu bringen, die nur mittels Kernspintomografie dargestellt werden kann. Die Leitlinien der Deutsche Gesellschaft für Neurologie empfehlen den Einsatz von sogenannten krankheitsmodifizierenden Medikamenten, die das Immunsystem an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlicher Intensität verändern.

Wo sehen Sie die Zukunft der medikamentösen Behandlung von MS?

Die Zukunft der medikamentösen Therapie muss darin liegen, auch progrediente Krankheitsstadien behandeln zu können. Diese können wir zurzeit noch nicht ausreichend behandeln. Es muss uns dazu gelingen, die Prozesse im Gehirn selbst zu beeinflussen. Eine weitere Herausforderung liegt darin, herauszufinden, wie man die Regeneration im Gehirn fördern kann. Des Weiteren müssen wir bei immer mehr Therapien herausfinden, welche Therapie die optimale Therapie für den individuellen Patienten darstellt. Ich hoffe, dass die Forschung in diesem Bereich bald Neuigkeiten zu Tage bringen wird, damit wir Betroffenen noch besser helfen können.

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