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Grundlagen

Nachgefragt: Diagnose und Therapie von PPMS

7 Minuten

Veröffentlicht am 15.01.2018  von  trotz ms Redaktion

Als Leiter der MS-Ambulanz an der Universitätsklinik Freiburg ist Professor Sebastian Rauer Experte für die verschiedenen Verlaufsformen der MS. Im Folgenden beantwortet er die wichtigsten Fragen zur Diagnose und Behandlung von PPMS.

Prof. Dr. med. Sebastian Rauer ist Facharzt für Neurologie und leitender Oberarzt der Neurologischen und Neurophysiologischen Universitätsklinik Freiburg. Schwerpunkte seiner klinischen Arbeit sind unter anderem die Leitung der MS-Ambulanz, neurologische Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose und Liquordiagnostik.

Was sind die Herausforderungen bei der Diagnose der PPMS?

Da bei der PPMS keine Schübe auftreten, müssen wir den klinischen Verlauf über einen längeren Zeitraum beobachten, genauer gesagt zwölf Monate nach den McDonald-Kriterien. Dabei kann der Krankheitsverlauf auch rückblickend berücksichtigt werden: Wenn ein Patient schildert, dass sich beispielsweise seit einem Jahr sein Gang verschlechtert und er die übrigen Diagnosekriterien erfüllt, kann dieser Zeitraum auch gewertet werden. Dazu kommt, dass bei der PPMS mehr Differentialdiagnosen in Betracht kommen, die die Symptome erklären können. So kann die Spinalkanalstenose, eine Verengung des Rückenmarks im Halswirbelsäulenbereich, aber auch ein Vitamin-B12-Mangel ein ähnliches klinisches Bild wie die PPMS hervorrufen. Dass PPMS-Patienten in der Kernspintomographie weniger MS-Herde haben als Patienten mit schubförmiger MS, kann die Diagnose zusätzlich erschweren.

Welche medikamentösen Therapien gibt es bei PPMS? Gibt es Besonderheiten?

Da es bis vor kurzem keine durch Studien belegte, wirksame Therapie der PPMS gab, sind alle Therapieansätze bis dato Einzelfallentscheidungen mit nicht für PPMS zugelassenen Medikamenten, das heißt Off-Label-Behandlungen. Doch durch die neu zugelassene B-Zell-Therapie verändert sich die Therapielandschaft bei PPMS merklich – und zwar zum Positiven.

Wie profitieren PPMS-Patienten von der neuen B-Zell-Therapie? Und warum hat es so lange gedauert, bis die neue B-Zell-Therapie für PPMS-Patienten entwickelt worden ist?

Die PPMS ist generell viel schwieriger zu behandeln als die schubförmige Verlaufsform. Auch ist ein Behandlungserfolg in den Studien schwieriger zu messen, da die Verminderung der Schubrate als Studienziel wegfällt und die MRT-Aktivität geringer ist. Zudem haben die heutigen Zulassungsstudien sehr hohe Sicherheitsanforderungen. Dass die PPMS deutlich seltener ist als die RRMS mag auch eine Rolle spielen. All diese Aspekte tragen zur langen Entwicklungsdauer bei. Die Studie zur Wirksamkeit der neuen B-Zell-Therapie ist die erste Studie in der gesamten MS-Therapie-Landschaft, die zeigt, dass ein Medikament bei PPMS signifikant hilft. Das ist ein Meilenstein in der Entwicklung der MS-Therapeutika.

Was können PPMS-Patienten darüber hinaus tun, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen?

Ein Vitamin-D-Mangel scheint MS-Verläufe ungünstig zu beeinflussen. Im Hinblick auf die bisherigen Ergebnisse empfehle ich meinen Patienten, ihren Vitamin-D-Spiegel kontrollieren zu lassen. Ist er zu niedrig, sollte man Vitamin D substituieren. Von der Gabe ultrahoher Vitamin-D-Dosen, wie mancherorts empfohlen, rate ich ab. Weiterhin gibt es Hinweise, dass zu viel Salz den MS-Verlauf ungünstig beeinflusst. Aber auch hier muss man nicht überreagieren. Es genügt vermutlich, einen erhöhten Konsum, etwa durch Fast-Food, zu vermeiden und sich gesund zu ernähren. Da Rauchen den Krankheitsverlauf von MS verschlechtert und den Übergang zu einer sekundär chronischen Verlaufsform beschleunigen kann, rate ich MS-Patienten, das Rauchen dringend aufzugeben. Zudem gibt es Hinweise, dass eine ständige berufliche oder anderweitige Überlastung MS negativ beeinflusst. Das soll nicht heißen, dass sich MS-Patienten in Watte packen müssen. Positiver Stress und damit verbundene Erfolgserlebnisse sind sicherlich nicht schädlich.

Wie gelingt es Ihnen, Patienten mit PPMS zu motivieren, ihre Therapie langfristig und konsequent fortzuführen?

Ich kläre meine Patienten sachlich über die Möglichkeiten der Therapie und das Verhältnis von Aufwand, Nutzen und Risiko auf. Die chronischen Verläufe der MS können über Jahre zu einer massiven Beeinträchtigung führen, die nicht rückgängig zu machen ist. Deshalb vermittle ich meinen Patienten, wie wichtig es ist, eine Therapie, die anschlägt, unbedingt konsequent weiterzuführen. Auch die Applikationsform des Medikaments spielt bei der Therapietreue eine Rolle. Hier ist es wichtig, die Bedürfnisse des einzelnen Patienten zu kennen und so weit wie möglich zu berücksichtigen.

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