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Forschung

Wie mentales Training die Gehfähigkeit und Fatigue verbessert

7 Minuten

Veröffentlicht am 24.04.2019  von  Onmeda

Ein mentales Bewegungstraining, bei dem Menschen sich die körperliche Aktivität nur vorstellen, hilft MS-Patienten. Es verbessert das Gehvermögen, die Fatigue und die Lebensqualität. Am besten wirkt es mit Hilfe von Musik und Sprache.

Lächelnde Frau mit Locken und blauem Kopfhörer

Viele Menschen mit multipler Sklerose (MS) erleben eine Beeinträchtigung ihres Gehvermögens und eine chronische Erschöpfung, die sogenannte Fatigue. Forscher der Medizinischen Universität Innsbruck testeten jetzt eine neue Möglichkeit, um diese unangenehmen Folgen der MS zu verbessern: ein mentales Training, bei dem Patienten sich motorische Bilder vorstellen, die Bewegungen aber nicht tatsächlich durchführen.

Der Einsatz von Musik, bestimmten Rhythmen und Sprache sorgte dafür, dass Patienten wieder schneller gehen und zudem längere Strecken zurücklegen konnten. Auch die Fatigue ließ nach und die Lebensqualität verbesserte sich. Unklar seien jedoch noch die zugrundeliegenden Mechanismen, berichtet das Forscherteam um die Physiotherapeutin Dr. Barbara Seebacher im Fachmagazin Multiple Sclerosis Journal.

Bewegungen trainieren – aber nur im Kopf

An der vergleichsweise kleinen Studie nahmen 60 Patienten mit multipler Sklerose teil. Sie alle litten unter milden bis moderaten motorischen Behinderungen, gemessen auf der EDSS-Leistungsskala. Die Forscher teilten die Probanden in drei Gruppen ein: Die einen erhielten ein mentales Bewegungstraining, das mit Musik und Sprachanweisungen arbeitete. Diese wurden über eine CD abgespielt. Während die Musik lief, bekamen die Probanden verbale Instruktionen zu Bewegungen, die sie sich vorstellen sollten. Außerdem erhielten sie Anweisungen, die zum Rhythmus der Musik passten, also zum Beispiel "großer Schritt" oder "zweimal stampfen".

Eine zweite Gruppe erhielt nur die musikalische Anleitung, die dritte Gruppe nur Bilder zu bestimmten Bewegungen ohne jegliche musikalische oder sprachliche Hilfestellung. Alle Studienteilnehmer absolvierten ihr begleitetes oder unbegleitetes mentales Bewegungstraining zu Hause für 17 Minuten: sechsmal pro Woche über einen Zeitraum von vier Wochen.

Anschließend bestimmten die Forscher sowohl die Gehgeschwindigkeit als auch die Länge der Strecke, die die Probanden schafften. Die Lebensqualität und Fatigue erfassten sie anhand spezieller Fragebögen vor und nach dem Training.

Bewegungstraining mit Musik und Sprache schneidet am besten ab

Als erstes fanden die Forscher heraus, dass sämtliche Probanden zur motorischen Visualisierung fähig waren. Alle Arten des mentalen Bewegungstrainings – mit Musik/Sprache, nur Musik oder keines von beiden – mündeten in einer deutlichen Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und der zurückgelegten Strecke. Allerdings erwies sich das Training mit Musik und Sprachanleitung im Vergleich zu den anderen beiden Optionen als deutlich überlegen. Zudem linderte Bewegungstraining mit Musik und Sprache die Fatigue am stärksten und ließ die Lebensqualität am meisten klettern.

Keine Veränderung bei chronischer Erschöpfung und Lebensfreude stellten die Forscher fest, wenn Musik oder Sprache fehlten. "Wir vermuten, dass die Ergebnisse auf die Wirkung der Musik und Sprache zurückzuführen sind", schreiben die Studienautoren. Die Kombination aus beidem scheint also am effektivsten zu sein.

Kraft der Gedanken genauso gut wie richtige Bewegung

Auch die Synchronisation der Bewegungen mit dem Rhythmus gelang durch musikalische und sprachliche Hilfestellungen am besten. Vermutlich helfen die Musik und Sprache den Patienten, die visualisierten Momente zu verstärken. Die Forscher gehen davon aus, dass die mentale Vorstellung von Bewegung die gleichen Gehirnareale aktiviert, wie wenn sich ein Mensch tatsächlich bewegt. So finden vermutlich durch die Kraft der Gedanken die gleichen plastischen Veränderungen im motorischen System statt wie bei der wirklichen körperlichen Aktivität.

Die Visualisierung von Bewegungen nutzen viele Sportler, um ihre Bewegungsabläufe oder ihre Geschwindigkeit zu verbessern. Auch Physiotherapeuten machen sich das geistige Bewegungstraining zunutze, etwa in der neurologischen Rehabilitation bei Schlaganfallpatienten.

Quelle:

Seebacher, B. et al.: Effects and mechanisms of differently cued and non-cued motor imagery in people with multiple sclerosis: A randomised controlled trial. Multiple Sclerosis Journal (August 2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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