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Andrea, MS-Betroffene, 38 Jahre

Blog Starke Worte

Mit und ohne MS: Warum die Tiefs genauso zum Leben gehören wie die Hochs

15 Minuten

Veröffentlicht am 25.11.2020  von  Andrea

Hand aufs Herz: Wir alle bewegen uns am liebsten auf der Sonnenseite des Lebens. Doch es ist mindestens genauso wichtig, die Schattenseiten und die damit einhergehenden Gefühle anzunehmen. Darüber und was das mit Deinem persönlichen Herzschlag zu tun hat, davon handelt dieser Blog-Beitrag. Am Ende findest Du auch noch eine passende Coaching-Übung dazu.

Wenn Du diesen Blog-Beitrag hier liest, dann bist Du wahrscheinlich selbst von MS betroffen oder hast aus irgendeinem Grund einen Bezug zu dem Thema. Das kann bedeuten, dass Du Dich gerade in einer herausfordernden Phase Deines Lebens befindest. Eine Phase, die Du verständlicherweise vielleicht erstmal nicht in die Kategorie „Highlight“ einordnen würdest und die eventuell auch noch schwierige Gefühle mit sich bringt. Vielleicht wirst Du gerade zum allerersten Mal in Deinem Leben so richtig durchgebeutelt und hast sogar das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Mit und ohne MS Tiefpunkte überwinden

Vielleicht ist es auch nicht die MS, sondern eine andere Situation, die Dich gerade an Deine Grenzen bringt und Du möchtest am liebsten vor- oder zurückspulen bis zu dem Punkt, an dem Du in einer besseren Zeit ankommst. Glaub mir: Ich kenne das nur zu gut. Wenn wir ehrlich sind, kennt das jeder. Im Leben gibt es nun mal nicht nur die Höhen, sondern auch die Tiefen. Übrigens auch ohne chronische Erkrankung. Vielleicht sind Dir Sprüche wie „Es geht auch wieder aufwärts …“ oder „Wo kein Schatten, da kein Licht …“ schon begegnet und Du kannst sie mittlerweile nicht mehr hören. Oder Du bist jemand, der mit eben diesen „Kalendersprüchen“ sich selbst und andere immer wieder motiviert.

Offen gesagt bin ich ein großer Fan von solchen Kalendersprüchen. Vor allem dann, wenn man sie auf sich wirken lässt. Also wirklich wirken. Nicht nur lesen und „Ja, check, hab ich verstanden und weiter“. Sondern wenn man sie ganz bewusst liest und verinnerlicht. Wenn man den eben gelesenen Worte „nachfühlt“ und nicht nur oberflächlich darüber „nachdenkt“.

Von der Polarität des Lebens

Lass uns mal kurz bei dem Spruch „Wo kein Schatten, da kein Licht“ bleiben. Das Leben besteht aus Polarität. Schatten – Licht, Tag – Nacht, Ebbe – Flut, Leben – Tod. Und doch fühlen wir uns oft zur positiven, leichteren Seite mehr hingezogen als zur anderen. Wir versuchen manchmal, die Gesetzmäßigkeiten der Polarität zu umgehen. Dabei ist es doch so wunderbar, wenn wir an einem heißen lichtvollen Sommertag ein schattiges Plätzchen finden, an dem wir uns ausruhen können, um wieder Kraft zu tanken.

Vielleicht ist Dir auch schon aufgefallen, dass es in der Gesellschaft den Trend des „positiven Mindsets“ gibt. Möglicher- und schönerweise gehörst Du auch zu den Menschen, die immer etwas Positives finden – egal wie herausfordernd die Situation auch ist. Daran ist prinzipiell überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Ich bin auch so ein Mensch und stehe dem Leben grundsätzlich mit einer optimistischen Haltung gegenüber. Schwierig wird es allerdings dann, wenn wir uns aufgrund dieser positiven Einstellung gar nicht mehr erlauben, die anderen Gefühle und Schattenseiten da sein zu lassen. Oft sind wir sofort schon wieder dabei, diese abzutun, und schauen, wie wir schnellstmöglich wieder auf die Sonnenseite springen können.

Dabei gehören eben diese Schattenseiten inklusive der einhergehenden schwierigen Gefühle genauso zu unserem Leben, wie die Sonnenseiten. Die Polarität des Lebens eben.

Ms-Betroffene Andrea über Hochs und Tiefs

Erst wenn wir lernen, uns in allen Teilen anzunehmen, werden wir vollständig

Alles ist ein Teil von uns und erst wenn wir lernen, gerade auch die Dinge anzunehmen, die im ersten Moment nicht so leicht auszuhalten und zu bewältigen sind, werden wir vollständig. Die Kunst der wahren Selbstakzeptanz und Selbstliebe besteht darin, auch diese Schattenseiten in uns liebevoll anzunehmen und zu verstehen: „Ja, auch DAS ist ein Teil von mir“ – aber eben auch nur EIN Teil. Genau wie die Freude, Zuversicht, Mut, Liebe … ein Teil von mir sind.

Ich selbst konnte zum Beispiel sehr lange das Gefühl der „Traurigkeit“ nicht zulassen. Erst seit einigen Jahren gebe ich auch dieser ihren rechtmäßigen Platz. Schritt für Schritt habe ich gelernt, ihr die Tür zu öffnen, um sie schlussendlich genauso in meinem Leben willkommen zu heißen, wie die Freude oder andere „angenehmere“ Gefühle. Das heißt nicht, dass ich seither nur noch in einem See tiefer Traurigkeit unterwegs bin. Es bedeutet vielmehr, dass ich sie nicht außen vor lasse, wenn sie sich meldet, sondern ihr die nötige Aufmerksamkeit schenke.

Mittlerweile habe ich verstanden, dass auch dieses Gefühl ein ganz wichtiger Teil von mir ist, und lasse es immer wieder den entsprechenden Raum einnehmen. Dabei ist es wertvoll zu verstehen, dass es oft nicht „entweder – oder“ sein muss, sondern ein Gefühl der Traurigkeit gleichzeitig mit einem Gefühl der Freude und Zuversicht da sein kann.

Umgang mit schwierigen Gefühlen – mit und ohne Schub

Das ist es auch, wozu ich Dich ermuntern möchte: Lass auch Du schwierigen Zeiten und die damit einhergehenden Gefühle mal da sein und höre hin, was sie zu sagen haben. Dazu ist es wichtig, dass Du Dir erstmal Zeit gibst und nicht den Anspruch hast, das Gefühl gleich wieder los zu werden.

Mir helfen dabei immer folgende Schritte:

Das Gefühl

  • Wahrnehmen
  • Benennen
  • Aushalten
  • Liebevoll ziehen lassen

Je nach Situation kannst Du diese vier Schritte übrigens innerhalb weniger Augenblicke durchleben. Es kann aber auch sein, dass es ein Prozess von mehreren Tagen oder sogar Wochen ist. Vor allem sei Dir bewusst: Es ist „nur EIN Teil“ von Dir. In dem Moment, in dem eventuell dieses schwierige Gefühl da ist, können gleichzeitig noch viele andere da sein, die in Dir wirken.

Das Magische daran ist, dass schwierige Situationen und Gefühle meist ein Geschenk mitbringen. Und zwar die Möglichkeit zu wachsen und gegebenenfalls neue Fähigkeiten zu entwickeln. Die Option, etwas zu verändern. Denn wenn wir ganz ehrlich sind: Solange im Leben alles wunderbar läuft, haben wir auch keinen Grund irgendetwas zu verändern. Warum auch. Aber: wenn’s nicht läuft – und bei mir ist das in einem akuten Schub übrigens wortwörtlich zu verstehen - dann weiß ich immer, dass es an der Zeit ist ganz genau hinzuschauen und aktiv etwas zu verändern. Das ist bei Weitem nicht immer leicht, aber es lohnt sich.

Übung: Dein persönlicher Herzschlag des Lebens

Wenn ich Coaching-Klienten über eine längere Zeit hinweg begleiten darf, beginne ich unsere gemeinsame Reise immer gerne damit, dass ich sie dazu einlade eine ganz besondere Übung als Vorbereitung für unser erstes Treffen zu machen: die Lebenslinie – oder wie ich sie auch gerne nenne, den persönlichen Herzschlag.

Vielleicht magst Du diese Übung auch bei Gelegenheit machen:

  • Nimm Dir dafür ein Blatt Papier zur Hand eventuell mehrere im Querformat nebeneinander oder am besten gleich ein langes Stück helles Backpapier.
  • In der Mitte zeichnest Du eine Achse, sodass sowohl oberhalb als auch unterhalb des Striches Platz ist. Der Beginn der Achse auf der linken Seite ist Deine Geburt.
  • Dann trägst Du punktuell entlang der Lebenslinie alle Erlebnisse ein, die Du als einschneidend in Erinnerung hast – sowohl die positiven (oberhalb) als auch die negativen (unterhalb). Je nach Intensität sind die Ausschläge höher oder flacher – sowohl nach oben als auch nach unten. Dabei geht es gar nicht darum, alles bis ins letzte Detail vollständig zu dokumentieren, sondern erstmal alles festzuhalten, was Dir spontan in den Sinn kommt. Das kann auch gerne über mehrere Tage entstehen. Oft kann es helfen alte Fotoalben oder Tagebücher zur Hand zu nehmen.
  • Zum Schluss verbindest Du diese Punkte dann zu einer Linie und es ergibt sich Dein ganz individueller Herzschlag Deines Lebens. Wenn Du auf ihn schaust und hineinfühlst, stellst Du bestimmt fest, dass oft gerade die herausfordernden Zeiten jene waren, in denen Du neue Fähigkeiten entwickelt hast oder Dein Leben eine bestimmte Wendung genommen hat.

Ich finde dieses Bild immer genial. Denn genau all diese Erlebnisse – egal ob sie oberhalb oder unterhalb der Achse liegen – machen Dich zu dem Menschen, der Du heute bist. Es ist Dein persönlicher, einzigartiger Herzschlag. Es gibt ihn nur einmal auf der ganzen Welt. Du bist ein Unikat.

Mach Dir bewusst, dass Du die Heldin oder der Held in Deinem Lebensfilm bist. Und wie in jedem guten Film gehört auch eine Spannungskurve und das Drama dazu, aber letztendlich bist Du die Regisseurin oder der Regisseur und kannst entscheiden, wie Du auf gewisse Dinge reagierst. Schreib Dein Drehbuch möglichst bunt und wunderbar – und lass dabei alle Teile und Gefühle da sein, die zu Dir und Deinem Drehbuch gehören.

In diesem Sinne:

Enjoy the heartbeat

Andrea

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