Zurück

Sandra, SPMS-Betroffene, 60 Jahre

Blog Starke Worte

Mit dem E-Bike on tour – trotz MS

9 Minuten

Veröffentlicht am 03.11.2021  von  Sandra

Diesmal möchte ich Euch an meiner Entscheidung, wieder Fahrrad zu fahren, teilhaben lassen. Wie Ihr bestimmt schon in meinen vorherigen Berichten gelesen habt, war ich schon immer ein sportlicher Mensch: angefangen beim Line-Dance über Motorradfahren, Walken, Klettern bis zum Reiten – und natürlich war auch das Fahrradfahren bei mir fest im Programm.

Aber 2007 kam mit der Diagnose „Multiple Sklerose“ gleichzeitig ein Schock für meine positive Lebenseinstellung. Fragen über Fragen, wie „Was kann ich überhaupt noch von meinen Lieblingssportarten wahrnehmen?“ Lange gab es keine Antworten, die mir halfen, meine Freizeitgestaltung mit der MS zu verschmelzen. Die ersten Jahre drehte sich alles erstmal vorrangig um die Diagnose, Rehas, Ärzte und Psychologen, Ernährungsumstellung, Krankengymnastik und die Ungewissheit, wie ich damit gut weiterleben kann. Aber Ihr kennt das ja alle selbst. Zweifel und Gespräche mit Ärzten und Betroffenen – mehr ging einfach nicht.

Sportarten anpassen und einfach weitermachen!

Dann fing ich aber irgendwann an, mein Selbstmitleid auf Seite zu schieben und mein Leben ab jetzt neu zu sortieren. Die Motorradtour mit meinem Chopper wurde als erstes von meiner Liste gestrichen. Sieben Jahre machte ich mit meinen Freunden und meinem Ehemann schöne Ausflüge zu den Badeseen oder ganz gechillt nur in den nächsten Biergarten in der fränkischen Schweiz. Die schönen Erinnerungen daran kann mir keiner nehmen. Das Motorrad verkaufte ich, weil ich einfach immer unsicherer beim Fahren wurde und die Kraft dafür nicht mehr ausreichte, mit den anderen mitzuhalten. Das Gute daran aber war, dass ich bei meinem Mann noch mitfahren konnte und die Gruppe mich immer integrierte.

Zudem kamen einige Rehas auf mich zu, obwohl ich nie gerne länger von zu Hause weg wollte.

Diese neuen Erfahrungen konnte ich erst annehmen, nachdem ich mit einem guten Psychologen über Ängste, Zukunft und Familie sprechen konnte. Diese Gespräche waren für mich ausschlaggebend, weiter zu kämpfen. Somit fing ich in der Reha mit Nordic Walking an und spürte, dass das Laufen mit den Stöcken und die Gemeinschaft der Mitläufer mich voll inspirierten. Diese positiven Erfahrungen nahm ich mit nach Hause und erzählte sie meiner Physiotherapeutin Mia.

Genau zu diesem Zeitpunkt sagte ich mir: „Sandra, Du kannst Deine Lieblingssportarten weitermachen, nur halt anders als gewohnt“. Mia hat einen super tollen Kletterturm und ich konnte wieder mein Ziel erreichen: bis hoch an die Decke – mit ihrer stützenden Hilfe und ihrer Motivation. Hoch hinaus, das war schon immer mein Ziel. Auch das Reiten, die Hippotherapie, fand auf diesem Therapiehof statt. Jetzt nach 15 Jahren Hippo und Behindertenreitsport habe ich mir selbst ein Pferd gekauft, das mir weiterhin das Reiten ermöglicht. Mit meiner besten Freundin schaffe ich sogar heute noch kleine Ausritte auf meiner Sunny.

Sandra in der Natur auf ihrem E-Bike

Dank E-Bike wieder gemeinsam auf Tour

Aber jetzt kommt der Hammer: Mein Mann hat es sehr bedauert, dass ich nicht mehr Motorrad fahre und er die Fahrradtouren immer allein machen muss. Zum 50. Geburtstag, also genau vor 10 Jahren, kaufte er für mich ein E-Bike. Erst dachte ich, das schaffe ich nicht mit Gleichgewichtsproblemen und Sensibilitätsstörungen in den Händen. Er ermutigte mich so lange, bis ich es eines Tages schaffte, mich drauf zu setzen und los ging die erste Tour. Einmal um den Häuserblock. Ich fühlte mich wie 18. Fragte mich, wieso traue ich mir immer nicht so viel zu? Es geht alles, wenn man es nur versucht. Jetzt fahren wir einmal die Woche gemeinsam eine leichte Tour. Es schweißt uns wieder mehr zusammen. Allein das ist es uns schon wert, trotz MS gemeinsam stark zu sein. Seit einem Jahr fahren wir mit unserer Enkelin Louisa, die jetzt sieben Jahre alt ist, und unserem Enkel Bastian, der mit fast fünf Jahren schon gut mithalten kann, schöne Waldwege mit einem ausgedehnten Picknick am See. Es macht mich sehr stolz, noch so vieles mit meinen Enkeln und meiner ganzen Familie zu erleben.

Mit Bewegung gegen die Fatigue

Nebenbei hat der Sport ja gerade für uns MSler viele positive Effekte: Ich fühle mich deutlich wohler und mein Blutdruck hat sich dadurch auch wieder verbessert. Meine Gelenke und meine Muskeln fühlen sich stärker an und in der Gesellschaft zu fahren, lenkt auch von der Krankheit sehr gut ab. Ich kann nur sagen, probiert es einfach mal aus und Ihr werdet spüren, dass durch das Radeln auch positive Gedanken wieder mehr Platz finden. Auch bei fortgeschrittener MS kann man mithilfe eines E-Bikes Sport machen, an der frischen Luft sein und vor allem die Natur genießen.

Mein größtes Ziel war: Die Fatigue darf mein Leben nicht bestimmen. Durch die leichte Anstrengung auf dem E-Bike schone ich meine Muskeln und kann mich nach der Tour viel besser entspannen. Am liebsten fahre ich mit dem Fahrrad, wenn meine Fatigue im Anmarsch ist. Danach leg ich mich hin und spüre, dass mir die frische Luft und die Bewegung sehr gut getan haben. Es hält mich einfach fit und hoffentlich macht Ihr auch diese positive Erfahrung. Egal ob mit dem E-Bike, beim Reiten, Walken oder einfach nur beim Spazierengehen.

Deine Empfehlungen

Hast Du Fragen?
Unser Team von
trotz ms MEIN SERVICE
ist Mo-Fr von 8-20 Uhr
kostenlos für Dich da: