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Steffi H., MS-Betroffene, 53 Jahre

Blog Starke Worte

Meine erste eigene Reha bei MS

17 Minuten

Veröffentlicht am 10.12.2020  von  Steffi H.

Es ist ein kalter, nasser und trüber Tag im Herbst 2019, als ich am späteren Nachmittag recht unlustig zu meinem Briefkasten watschle, um nachzuschauen, ob da eventuell etwas drin sein könnte, was meine Laune hebt. Tatsächlich fische ich neben den üblichen Werbeprospekten einen unscheinbaren Briefumschlag aus dem Kasten der so gar nicht erahnen lässt, was da wohl drin sein könnte. Na wenigstens steht mein Name drauf, so dass ich mal davon ausgehe, dass es sich dabei nicht auch um ein Werbeversprechen handelt – nach dem Motto: An die Bewohner des Hauses – Sie haben mindestens garantiert den Hauptgewinn gezogen. Ich trolle mich also zurück auf meinen bequemen Platz auf der Couch und öffne den Brief – WOW !!!

Auszeit vom stressigen Alltag mit MS nötig

Mein Alltag zieht gerade alle Register in Sachen Überforderung. Eben erst aus dem Sommerurlaub zurückgekommen und erfreulicherweise trotz Aufenthalt im warmen Süden (Italien) sehr gut erholt, bin ich zwei Monate später mindestens an dem „Urlaubsreif-Tiefpunkt“ wie vor dem Urlaub.

Klar, ich könnte zu meiner Ärztin gehen und mich aus dem stressigen Alltag rausziehen lassen aber das bin nicht ich. Glücklicherweise erinnere ich mich genau in dem Moment daran, dass meine letzte Auszeit, die nichts mit Grippe, Erkältung, MS oder sonstigen Erkrankungen zu tun hatte, jetzt auch schon wieder zwei Jahre her ist – meine letzte Mutter-Kind-Kur.

Seit meine Tochter auf der Welt ist, habe ich wirklich alle meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Alle vier Jahre kann man eine Mutter-Kind-Kur bei der Krankenkasse beantragen und genau das habe ich auch in der Vergangenheit gemacht. Jede Kur war toll und hat sowohl uns als Mutter und Kind unvergessliche Momente beschert, sondern mir auch in Sachen MS und ihren Auswirkungen immer wieder eine gute Zeit zum Durchschnaufen und Runterkommen beschert.

Steffi H. im Urlaub

Eine Reha, die Gelegenheit mich mit meiner MS auseinanderzusetzen

Trotzdem war es letztlich nicht das, was ich eigentlich gebraucht hätte – ZEIT NUR FÜR MICH! Zeit, mich mit mir, der MS und meinem Leben mit MS ungestört auseinandersetzen zu können. Zulassen zu können, dass es auch Tage gibt, an denen es mir nicht so gut geht und ich dem auch einmal nachgeben darf, ohne mich zusammenreißen zu müssen, damit meine Familie nicht die volle Breitseite abbekommt.

Also setzte ich mich an den PC und recherchierte kurz, was ich wohl tun müsste, um an eine eigene Reha zu kommen. Anders als bei Mutter-Kind-Kuren ist bei Berufstätigen wie mir der Rentenversicherungsträger zuständig für die Entscheidung, ob – und wenn ja wo und wie lange – eine Reha gewährt wird.

MS-Reha beantragen – gar nicht so einfach

Nun bin ich ja beruflich ein „Sesselpupser“, „Verwaltungs Heini“ „Aktenschieber“ und man sollte meinen, so ein Antragsformular auszufüllen, ginge mir wie von selbst von der Hand. Weit gefehlt, wie ich immer wieder feststellen muss, wenn ich „fremde“ Vordrucke auszufüllen habe. Mein Vorteil ist eindeutig, dass ich keine Berührungsängste habe, irgendwo was falsch machen zu können. Wenn da was nicht so ganz richtig läuft, wird sich die Behörde schon melden und so war es auch: Ich hatte mangels einer Ahnung, WAS genau für ein Formular ich denn nun ausfüllen soll, lieber eines mehr ausgefüllt und prompt kam ein paar Tage später auch der Rückruf der Deutschen Rentenversicherung (DRV), dass ich eine berufliche Reha nur beantragen müsste, wenn ich nach Abschluss der Reha das Ziel verfolgen würde, nicht mehr in meinem bisherigen Beruf zu arbeiten. Wenn das nicht der Fall sei, müsse ich einen Antrag auf eine medizinische Reha stellen (was ich ja, Gott sei Dank, gleichzeitig gemacht hatte).

Ich füllte zu Hause soweit wie möglich alle möglichen Vordrucke mit seltsamen Bezeichnungen aus. Anschließend vereinbarte ich Termine bei meinem Hausarzt und bei meinem Neurologen, um mir von ihnen die noch fehlenden ärztlichen Angaben ins Formular eintragen und mir alle nur möglichen vorliegenden Befunde kopieren zu lassen. Dann schickte ich alles an meine zuständige DRV nach Berlin...

… und da war sie, die Antwort auf meinen Reha-Antrag – JAAAAAAAAA, ohne weitere Nachfragen teilte mir meine Rentenversicherung mit, dass meinem Antrag stattgegeben wurde UND zur Krönung des Ganzen auch noch an meinem Wunschort – dem Berchtesgadener Land.

Reha-Klinik für MS-Betroffene

Im Mai 2019 war zum Welt-MS-Tag der Leiter der Klinik zu einem Vortag bei uns und ich werde nie das Schlussbild seiner Präsentation vergessen. Darauf zeigte er ein Bild „seiner“ Klinik. In diesem Augenblick habe ich mich geradezu schockverliebt. Damals reifte mein Entschluss, dass ich meine erste eigene Reha genau DORT machen wollte. Und nun saß ich mit ungläubigen, staunenden Augen da und hielt sie in der Hand, die Genehmigung meiner ersten, ganz eigenen Reha.

Steffi H. vor ihrer Reha

Zu spontan: Den Reha-Beginn organisieren

Ich rief sofort die Nummer an, die auf dem Brief stand, um einen Termin zu vereinbaren. Die nette Dame am anderen Ende sagte mir, wenn ich mag, kann ich quasi sofort kommen. Nun, ganz so spontan war ich dann doch nicht und nachdem sie mir versichert hatte, dass die Genehmigung zur Reha mir auch einen Reha-Beginn in einem Zeitraum von bis zu einem halben Jahr ermöglichen würde, entschloss ich mich, die Maßnahme doch besser erst im Frühjahr des kommenden Jahres anzutreten.

Zum einen war auf der Arbeit gerade die Hölle los, weil wir wegen einer Gesetzesänderung sämtliche Bescheide den neuen Gegebenheiten anpassen mussten und zum anderen liebe ich zwar die Berge, aber ganz ehrlich – nicht so sehr im Winter und bei Schnee. Ich bin eher der Wanderer und nicht der Schneehase. Außerdem würde es das erste Mal sein, dass ich von meine Tochter mehr als nur ein paar Tage getrennt sein würde. Nun ist sie mit fast 15 durchaus in der Lage, auch mal auf mich zu verzichten (immerhin hat sie ja auch einen Vater, der sich in der Zeit vermehrt um sie kümmert), aber ich musste feststellen, dass auch ich einen gewissen Vorlauf brauchte, um mein Kind für vier Wochen loslassen zu können. Also einigten wir uns auf Reha-Beginn Anfang Mai 2020 und alle waren glücklich und zufrieden.

Corona machte mir einen Strich durch die Rechnung

Ihr kennt ja einen meiner Lieblingssprüche von wegen Gott und die Pläne, die ihn zum Lachen bringen: Der Mai 2020 rückte näher und wir waren mittendrin im Lockdown wegen Covid-19. Der Anruf der Klinik kam nicht ganz unerwartet, aber war trotzdem erst einmal ein Schock für mich: Aufnahmestopp. Ob und wann ich meine Reha würde antreten können, stand plötzlich in den Sternen. Dann plötzlich wieder ein Anruf zwei Wochen später „Sie können, aber kommen Sie am vereinbarten Tag möglichst bis 10 Uhr morgens hier an. Wir müssen Sie testen und bis das Ergebnis vorliegt, dürfen Sie Ihr Zimmer nicht verlassen“.

Damit hatte sich auch die Frage erübrigt, ob ich mit der Bahn oder mit dem Auto fahren würde. Wenn ich bis 10 Uhr vormittags in der 400 Kilometer entfernten Klinik sein wollte, konnte ich auf eine Beförderung mit der Bahn nicht zählen – oder ich müsste einen Tag vorher fahren und mich irgendwo noch für eine Nacht einquartieren. Also stand ich am Anreisetag um halb fünf auf und machte mich auf den Weg in meine Wunsch-Reha-Klinik. Wenn diese verrückte Zeit einen Vorteil hatte, dann waren es die fast leeren Autobahnen. Noch nie in meinem Leben war ich so schnell und gechillt vorbei an den Metropolen Nürnberg und München. Ich brauchte von Haustür zu Haustür gerade einmal dreieinhalb Stunden und ich bin nicht gerast. Der Tempomat stand auf 120 km/Std. In der Klinik angekommen, wurde ich auf mein Zimmer gebracht, ließ mich testen – und war, Gott sei Dank, negativ. Dann konnte es losgehen mit der ersten eigenen Reha.

Reha mit MS: Endlich aufatmen

Allein die unglaubliche Landschaft ließ bereits bei der Anreise jeglichen Stress und Hektik verpuffen. Ich hatte schon ganz vergessen, wie es ist, einfach nur dazusitzen und in die Gegend zu starren. Als Kind habe ich das geliebt, aber in der Hektik des Alltags gelang mir das schon lange nicht mehr. Doch jetzt durfte ich loslassen: Ich musste nichts tun, nicht arbeiten, nicht aufräumen, nichts einkaufen, nichts kochen – nur zu den auf meinem Therapieplan festgelegten Zeiten erscheinen und mich fallen lassen.

Neben psychologischen Gesprächen und einigen Tests durfte ich mich im hauseigenen Fitnessraum „austoben“. Das war ein besonderes Vergnügen, weil die Fitnessstudios ja seit Mitte März Corona-bedingt geschlossen hatten. Auch therapeutisches Klettern, Feldenkrais, Sensi-Training, 4-Zellen-Bad, Hydrojet, Nordic Walking und noch so einiges mehr konnte ich genießen. Das Essen wurde unglaublich gut logistisch ausgeklügelt in mehreren Schichten serviert, damit die erforderlichen Abstandsregeln eingehalten werden konnten. In der Zeit ohne Therapieanwendung machte ich mich mit einer Bekannten auf den Weg in die Berge und Wälder in der Umgebung.

Die Reha verging wie im Flug

Anfangs hatte ich fast ein paar Bedenken, wie ich es denn vier Wochen in der Fremde aushalten sollte. Doch meine MS-Reha war so schnell vorbei, dass ich eigentlich noch gar nicht nach Hause zurück wollte. Natürlich war es auch wieder schön, bei meiner Familie zu sein, aber ich gestehe, dass mich alleine bei dem Gedanken an diesen wundervollen Ort ein lange nicht mehr gekanntes Fernweh ergreift. Eines steht schon jetzt felsenfest: In zwei Jahren beantrage ich meine nächste medizinische Reha und zwar genau wieder in dieser Klinik.

Was habe ich von der Reha für mich mitgenommen? Auf jeden Fall die Erkenntnis, dass es mich viel weiterbringt, wenn ich mich von meinem bisherigen Muster „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ein ganzes Stück befreie. Ich komme viel besser mit meinen knappen Kraftreserven zurecht, wenn ich unter dem Tag die eine oder andere Pause einlege. Dabei muss die nicht einmal besonders lang sein, oft reicht schon eine Viertel- oder halbe Stunde, um den Akku wieder weitestgehend aufzuladen.

In diesem Sinne werde ich mir jetzt eine Pause gönnen, meine Gedanken ins Berchtesgadener Land schweifen lassen und meinen Akku so wieder aufladen für den Rest dieses Tages.

Lasst es Euch gut gehen, bleibt gesund und bis denne

Eure Steffi

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