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Bildung & Beruf

Nachgefragt: Jura studieren mit MS – geht das?

9 Minuten

Veröffentlicht am 03.03.2020  von  trotz ms Redaktion

Jura zu studieren, war ihr großer Traum. Doch zu Beginn ihres Studiums hat die Instagramerin msninjaaa ihren ersten Schub. Erst ein knappes halbes Jahr später steht die Diagnose „Schubförmige MS“ fest. Wir wollten wissen: Wie gelingt es ihr, das Leben mit MS und ein anspruchsvolles Jurastudium zu vereinen? Wie ist es zu schaffen? Im Interview schildert uns msninjaaa ihre Erfahrungen.

Die Diagnose MS erhält msninjaaa mit 22. Zuerst versucht sie, die Diagnose zu verdrängen und zu ignorieren. Doch 2016 beginnt sie, auf Instagram anonym über ihre Gefühle zu bloggen. Sie ist sich sicher, dass es da draußen noch andere geben muss, die ähnlich fühlen wie sie. Auf ihrem Blog möchte sie deshalb Menschen, die sich in der gleichen Situation befinden, motivieren und ihnen die Gelegenheit zum Austausch bieten. Inzwischen folgen ihr über 13.000 Menschen und es hat sich eine richtige MS-Community gebildet, die sie liebevoll MSFAM nennt – für sie die beste Motivation weiterzumachen. Neben ihrem Blog liebt msninjaaa Musik wie Hip-Hop, Jazz und Soul. Dazu tanzt sie gerne oder lässt die Seele baumeln. Außerdem interessiert sie sich für Streetart, Kunst, liest, kocht und fotografiert gerne.

Wie wirkt sich die MS auf Dein Studium aus? Hast Du Dir mal überlegt, das Studium deshalb abzubrechen?

Die Diagnose hat mich psychisch sehr belastet. Im ersten Jahr hatte ich deshalb einige Probleme und Panikattacken. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht richtig abschätzen, zu welchen Begleiterscheinungen die MS führen wird. Ich musste meinen Körper mit MS erst kennenlernen. Nicht zu wissen, was morgen passieren könnte, hat mich fertiggemacht. Ich fühlte mich wie eine tickende Zeitbombe. Bei mir äußerte sich die MS in einem Taubheitsgefühl auf der rechten Körperseite – von der Kopfhaut bis zum kleinen Zeh. Wenn man die Hälfte des Körpers nicht fühlen kann, ist das extrem beunruhigend und belastend. Die ersten Jahre waren wie im Nebel. Dadurch war mir das Studieren zunächst nicht richtig möglich: Ich war zwar physisch da, aber in Gedanken ganz woanders.

Manchmal, wenn ich einen Schub habe, überlege ich mir natürlich auch, das Studium abzubrechen. Aber ich bin kein Typ, der aufgibt. Immer wieder kommt dann der Gedanke: Du willst das eigentlich schaffen – auch mit MS. Doch wie soll ich es schaffen, den Stoff nachzuarbeiten? Nach außen zeige ich das nicht – auch nicht vor meiner Familie. Dazu kommt, dass ich die Diagnose zu Beginn eher verdrängt habe und das Ganze nicht wahrhaben wollte. Im Gegenteil: Direkt nach dem Arztgespräch ging ich in die Bibliothek, um weiter für das Studium zu lernen. Im Nachhinein habe ich mir gewünscht, dass ich mir bewusst eine längere Auszeit genommen hätte, um die MS erst einmal kennenzulernen und mich auf die neue Situation einzustellen – aber ich bin nunmal ein Mensch, der immer irgendwie weitermachen muss.

Hast Du Deinen Kommilitonen und Deinen Dozenten von Deiner MS erzählt?

Ob man jemandem von seiner MS erzählt, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe einigen davon berichtet, doch das Jurastudium ist so anonym und es nehmen pro Vorlesung an die 500 Studierenden teil. An der Uni habe ich nicht viele andere Studierende kennengelernt, die auch MS haben. Meine Freunde wissen von meiner MS und das ist auch gut. Wenn ich Hilfe brauche – beispielsweise bei einem Schub –, kann ich mich an sie wenden und sie sind für mich da. Auch einem Dozenten, mit dem ich befreundet bin, habe ich davon berichtet.

Wie lässt sich Dein Studium mit der Krankheit vereinbaren und welche organisatorischen Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Eine Einschränkung bedeutete für mich die Medikamenteneinnahme. Damals musste ich mir die Therapie per Spritze verabreichen. Aus diesem Grund musste ich immer zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Hause sein. Das war schon eine organisatorische Herausforderung und dann musste ich die Medikamente auch richtig anwenden. Zumal der Heimweg damals gut 90 Minuten in Anspruch nahm. Später zog ich um und erhielt auch eine andere Therapie per Infusion. Das hat sich dann alles gut eingespielt.

Was mich im Unialltag oft einschränkt, ist die Fatigue. Diese erschöpfende Müdigkeit kann ganz unvermutet auftreten – egal, ob ich in der Bibliothek sitze, lerne oder in einer Vorlesung bin. Dazu kommt meine Reaktion in Stresssituationen – zum Beispiel damals während einer Klausur. Dann fühlt sich mein Körper, genauer gesagt meine Beine, vollkommen anders an. Ich musste erstmal meinen Weg finden, damit umzugehen.

Hast Du Tipps, wie man mit dem Druck im Studium umgehen kann? Was hilft Dir durchzuhalten?

Wir haben nur ein Leben. Das sollten wir so schön gestalten, wie wir nur können. Deshalb muss jeder für sich selbst die Balance finden. Mein Tipp ist: Macht Pausen. Ich zumindest gönne mir ganz bewusst Ruhe, atme und meditiere. Ich versuche nach dem Motto zu leben: Was ich heute nicht schaffe, mache ich morgen. Außerdem stärkt es mich, Sachen zu unternehmen, die mir guttun. Dazu gehört auch, mal früher nach Hause zu gehen, ehrlich zu sich zu sein und sich nicht zu viel zuzumuten. Früher habe ich mich viel zu sehr unter Druck gesetzt. Heute habe ich akzeptiert, dass ich krank bin und mich nicht mit gesunden Menschen vergleichen darf.

Was würdest Du anderen MS-Patienten raten, die vor der Wahl stehen: Studium, ja oder nein?

Studieren ja, aber mit einem Plan, der auf Dich zugeschnitten ist: zum Beispiel mit einem realistischen Lernplan und dazugehörigen Ruhezeiten. Sich beraten zu lassen, ist ebenfalls wichtig. Am besten von jemandem aus dem Fach, egal ob man sich jetzt für Jura, BWL oder ein anderes Fach interessiert. Bevor man sich für ein Studium entscheidet, sollte man sich vorher vielleicht auch einfach mal genauer anschauen, ob man das überhaupt machen möchte.

Ich kann allen nur raten: Setzt Euch nicht unter Druck. Jeder kann studieren und auch mit MS kann man alles machen. Man sollte sich nur bewusst machen, dass das Studium in diesem Fall belastender sein kann als für gesunde Menschen. Außerdem ist mein Alltag gut geplant und durchstrukturiert – nur so bringe ich Uni, Nebenjob und die Termine für meine MS-Therapie unter einen Hut. Deshalb mein Fazit: Mit MS ist alles möglich – auch ein Studium.

Schon gewusst: Damit sich auch MS-Patienten ihren Traum vom Studium verwirklichen können, gibt es die sogenannten Nachteilsausgleiche. Hier erfährst Du mehr darüber.

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