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Nicole, MS-Betroffene, 45 Jahre

Nicole

Die innige Beziehung zu meiner Tochter kann die MS nicht zerstören

11 Minuten

Veröffentlicht am 29.03.2018 von Nicole

Nach einem langen Krankenhausaufenthalt und der geplatzten AIDA-Reise (aufgrund meiner MS) folgte ja mein Mega-Schub. Ich fühlte mich nur noch leer und kraftlos. Die vielen Arztbesuche und Krankengymnastik-Termine raubten mir alle Kraft. Ich hatte auch keine Geduld, was bei der MS aber sehr wichtig ist. Die Einschränkungen, die ich noch hatte, machten mir schwer zu schaffen.

Jeder Mensch hat einen Engel

Während der ganzen Zeit unterstützte mich unsere Tochter Jenny sehr: Sie besuchte mich täglich im Krankenhaus, wusch und föhnte mir die Haare, brachte mir Essen und vieles mehr. Auch kochte sie für ihren Papa und bügelte, obwohl sie nicht mehr Zuhause wohnt und selbst bereits arbeiten geht. Ich fühlte mich so hilflos in der Zeit, wie ein kleines Kind. Nicht mal die einfachsten Dinge konnte ich mehr. Alle Hoffnung verlor ich, als ich zu Hause war und die vielen Arztbesuche und Krankengymnastiktermine nur langsam Besserung brachten. Ich will immer alles und zwar sofort! Schreiben, laufen, anziehen – die banalsten Dinge konnte ich nicht ohne Hilfe. Also war die Depression vorprogrammiert!

Lachen ist die beste Medizin

Unsere Tochter sagte immer zu mir: „Du musst auch mal hier raus!“ Ich wollte nicht, hatte die Ausrede, dass ich nicht lange laufen kann und mich selbst nicht anziehen konnte. Aber keine Chance: Sie half mir einfach bei allem und nahm mich mit zu sich nach Hause oder in Möbelgeschäfte (sie steckte gerade mitten im Umzug). Auch ihr Freund begleitete uns und macht immer seine Späße mit mir. Ich bin ihnen unglaublich dankbar, die Ablenkung tat mir so gut: Ich konnte für einige Stunden mal meine Krankheit vergessen und grübelte nicht über die Zukunft nach. Oft lachte ich sogar wieder! Jenny fuhr mich in der langen Zeit auch zum Arzt und ging sogar mit mir in die Sprechstunde, was mir sehr viel bedeutete.

Es geht immer weiter

Die Krankengymnastik zeigte langsam Fortschritte, da ich all meine Übungen auch zu Hause durchführte. Schließlich ging es ja um meine Gesundheit und ich wollte mit aller Gewalt wieder die Alte werden. So kam auch meine Lebensfreude langsam zurück.

Glücksmomente

Am Muttertag lud uns unsere Tochter zu sich, besser gesagt in die Gaststätte ihrer Schwiegereltern ein. Eigentlich wollte ich nicht, denn dort waren immer viele Leute und ich war noch nicht soweit, da ich nicht alles 100-prozentig konnte – zum Beispiel mein eigenes Essen zu schneiden. Das war mir peinlich. Doch sie blieb beharrlich und meinte, dass Papa mir ja schließlich helfen könnte und keiner zu schauen würde. Nun gut, als wir die Wirtschaft betraten waren sehr, sehr viele Gäste dort. Ich traute meinen Augen nicht, brach sofort in Tränen aus – allerdings vor Rührung!!! Unsere Tochter hatte mir den Tisch liebevoll gedeckt: Ein riesiger Blumenstrauß stand in der Mitte zusammen mit zwei tollen selbstgemachten Geschenken, in denen unendlich viel Liebe steckte.

MS-Betroffene Nicole packt Geschenke aus

Türkises Ringbuch mit Aufschrift

Holzbrett mit Aufdruck und Federn

Ich zitterte am ganzen Körper, so überwältigt war ich. Geht es mir mal nicht so gut, denke ich immer an diesen Moment und sage mir:„Reiß Dich zusammen. Deine Tochter braucht Dich noch. Sie ist auch immer für Dich da.“ Das gibt mir dann immer wieder Mut.

Mit der Zeit verfliegt die Traurigkeit

Im Laufe der Monate ging es mir langsam etwas besser. Doch der abgesagten AIDA-Reise trauerte ich noch immer hinterher. An meinem Geburtstag – wir feierten wieder in der Gaststätte der Schwiegereltern – schenkte mein Schwiegersohn mir einen wundervollen Zimmerbrunnen. Ich liebe so etwas ja! Dann gab mir unsere Tochter ein Geschenk: Als ich es auspackte, war ich verunsichert – ein Hundekörbchen? Doch sowas hab ich doch schon … Ich war ganz verwirrt. Sie überreichte mir noch ein selbstgestaltetes Album, auf dem stand: “Für Mama und Papa zum Geburtstag und zur Silberhochzeit.” Ich verstand es nicht und klappte die erste Seite. Dort stand: am 12.10.2017 macht LUNA (das ist unser Hund) bei uns Urlaub, in ihrem neuen Körbchen. Und weiter war zu lesen: “Mama und Papa fliegen um 17.45 Uhr nach Venedig und erholen sich ein paar Tage im 4-Sterne-Hotel.” Einfach der absolute Wahnsinn! Gänsehaut pur! Ich war der glücklichste Mensch!

Jenny wollte, dass wir uns nach der schweren Phase einfach eine Auszeit verdient haben, damit wir all die Sorgen und Probleme einfach mal hinter uns lassen und nur genießen können. Mir fehlten die Worte. Was für eine wundervolle Tochter haben wir?!

Ich konnte es allerdings nicht glauben, dass wir wirklich fliegen würden. Die Angst, dass die MS mal wieder ihr böses Gesicht zeigt, war da. MS ist einfach unberechenbar. Aber ich bin davon überzeugt, dass man sich von der MS frei machen und ganz unabhängig planen sollte.

Erst, als der Flieger abhob, sagte ich zu meinem Mann: „Jetzt glaub ich es!“ In den folgenden Tagen sprühte ich voll Lebensfreude, lief ohne Ende und hatte keine Schmerzen. Es ging mir gut. Da sieht man mal wieder, welchen Einfluss die Psyche auf unsere Gesundheit hat.

Meine Tochter schenkt mir meine Lebensfreude

Die Zeit verging wie im Fluge und ich kam gestärkt, voller Kraft und glücklich wieder aus Venedig zurück. Ich war wieder ganz die Alte. Unsere Tochter hatte mir nicht nur einen Urlaub, sondern auch meine Lebensfreude wieder geschenkt. Der Tapetenwechsel hatte mir enorm geholfen.

Ich wünsche jedem so eine Tochter

Mein Wunsch ist, dass ich lange fit bleibe, damit ich noch viel Zeit mit meiner Tochter und hoffentlich bald auch mit Enkelchen, verbringen kann! Und ich bete zu Gott, dass meine Tochter die MS nicht von mir geerbt hat. Sie ist so ein wundervoller Mensch, wir sind wahnsinnig stolz auf sie und dankbar, sie zu haben.

Um das alles kurz zusammenzufassen: Ich kann in vier Wörtern alles zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe:

Es geht immer weiter!

Tschüss
Eure Nicole

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