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Heike, MS-Betroffene, 56 Jahre

Heike

Umgang in der Familie

9 Minuten

Veröffentlicht am 30.11.2017 von Heike

Es ist wichtig für jeden, liebe Menschen an seiner Seite zu haben. Aber Menschen mit ihren Bedürfnissen ändern sich. Und Krankheiten wie die MS können vieles verändern. Mich hat die MS gezwungen, auf mich zu achten. Deshalb habe ich mein Leben geändert.

Die Familie – noch ein sicherer Hafen?

Ich hatte mir den Traum vom Leben erfüllt: war verheiratet, hatte eine Tochter und ein Eigenheim. Aber trotzdem war ich unglücklich in meiner Ehe. Weil ich an der Situation nichts änderte, zeigte mir mein Körper die Grenzen. Meine Kräfte ließen täglich nach, sichtbar für die Umwelt. Ich hatte mit meiner Tochter, mit Bekannten und mit Kolleginnen und Kollegen über eine mögliche Scheidung gesprochen, konnte mir aber nicht vorstellen, sie wirklich einzureichen. Bedenken hatte ich zu viele: Würde ich oder würde mein damaliger Ehemann allein zurechtkommen?

Mein behandelnder Neurologe wies mich in eine Spezialklinik für MS ein. Dort lernte ich, dass der einzige Weg der ist, auf den eigenen Körper zu hören. Mit dem Verinnerlichen des Gelernten wurde das schnelle Fortschreiten der Krankheit endlich gestoppt.

Der einzige Weg ist es, auf den eigenen Körper zu hören

Zu Hause angekommen suchte ich einen Rechtsanwalt zur Beratung auf, aber es dauerte dann nochmals Monate, bis ich den Anwalt bat, die Scheidung einzureichen. Das Getrenntleben im gemeinsamen Haus war eine schwierige Phase. Ich konnte aber eigene Wege gehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und Mathilde stand mir immer bei.

Heike und Mathilde

Heike mit Kinderwagen auf einer Bank

Heike barfuß am Bach

Heike mit Frau am Arm

Eine Freundin von mir packte mit Mathilde schließlich die Umzugskartons und sortierte dabei sehr großzügig aus. Als ich dann nach dem Hausverkauf mit Mathilde in eine kleine Mietwohnung zog, fühlte ich mich plötzlich so leicht. Nun waren wir zwei die kleine Familie.

Der Alltag von Mutter und Tochter mit dem Störenfried MS

Fortan hatten wir unser eigenes Reich, dass es einzurichten galt. Am Umzugstag stürzte ich und brach mir den rechten Arm. Ich wurde operiert und von der Krankenkasse gab es keine Unterstützung. Zum Glück kamen meine Eltern und sie fuhren mit mir in Möbelgeschäfte, bauten die Möbel zusammen, wuschen Wäsche und kochten. Mathilde musste für die Ausbildung lernen und ich fühlte mich mit allem überfordert.

Ich fühlte mich von allem überfordert

Als wir dann allein waren, kam die Arbeitsteilung: Jeder ist für die Ordnung im eigenen Zimmer verantwortlich. Darüber hinaus ist Mathilde für die Küche und ich bin für das Bad zuständig. Das Putzen des Bades strengt mich schon sehr an. Außerdem habe ich das Problem, dass mit zunehmendem Alter die Augen schwächer werden. Mir wird oft Schmutz gezeigt, den ich allein gar nicht gesehen hätte. Im Wohnzimmer und im Flur saugt Mathilde oft Staub und schimpft dabei manchmal über Krümel oder über Haare, die ich oft gar nicht gesehen habe. Falls ich sie doch entdecke, ist mir das Staubsaugen oft zu anstrengend.

Manchmal sind die kleinsten Handgriffe zu viel

Für das Wäschewaschen bin ich verantwortlich. Wenn die Fatigue zu groß ist, gehe ich zu Bett und bitte Mathilde, die Wäsche später aufzuhängen. In diesen Momenten würde ich viel darum geben, die Fatigue loszuwerden. Wenn die Fatigue mich übermannt, hilft es nur noch, sich eine gewisse Zeit hinzulegen. Dann bin ich nicht mehr in der Lage, die kleinsten Handgriffe zu erledigen, wie etwa das Wäscheaufhängen oder nach dem Essen den Tisch abzuräumen. Mathilde versteht das oft nicht. Wie auch, ich kann es selber oft nicht begreifen. Fatigue ist ja äußerlich auch nicht zu erkennen.

Einfacher zu erkennen sind die Gehstörungen mit der Fußheberschwäche. Dabei ist es für Mathilde selbstverständlich geworden, mich beim Treppengehen zu stützen und Einkäufe aus dem Auto zu tragen. Außerdem schaut sie beim Laufen nach mir und trägt Taschen und Gepäckstücke für mich.

Durch die MS hat der Rollenwechsel zwischen den Generationen schon begonnen.

Durch die MS hat der Rollenwechsel zwischen den Generationen schon begonnen: Mathilde sorgt sich um mich und bis zu meinem 60. Geburtstag fehlen noch etliche Jahre!

Sie hat sich dieses Jahr ihren Traum erfüllt und ist für zehn Monate auf Weltreise gegangen. Ihre Pläne sind, in Asien Kinder zu unterrichten, eine Woche in einem buddhistischen Kloster zu leben, Yoga zu lernen und mehr. Vor ihrer Abreise bat sie ihren Freund, sich um mich zu kümmern, wenn ich ein Problem hätte. Das war für mich ungewohnt, zeigt aber ihre Fürsorge.

Ich sehe voll Optimismus in die Zukunft und habe eine Familie, meine Eltern und Brüder, die mich unterstützen. Weiterhin habe ich liebe Freunde und auch im Kreis meiner Kirchengemeinde und der MS-Selbsthilfegruppe fühle ich mich geborgen.

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