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Carsten, MS-Betroffener, 47 Jahre

Carsten

Was hat sich im Umgang mit meiner MS durch unseren Sohn geändert?

9 Minuten

Veröffentlicht am 12.03.2018 von Carsten

Diese Frage beschäftigte meine Frau und mich schon lange im Vorfeld. Wie sich der Umgang mit der MS dann letztendlich ändern wird, konnte natürlich keiner voraussagen. Eines aber war uns beiden klar: Unser Sohn wird für mich immer oberste Priorität haben. Die MS kann und wird keine erste Geige spielen. Unser Sohn ist nun knapp elf Monate alt und ich kann ein erstes Resümee ziehen, was sich für mich tatsächlich geändert hat.

Kein durchgetakteter Tagesablauf

An meinem oder unserem Tagesablauf lässt sich ganz schnell erkennen, dass dieser mit einem Baby nicht so strukturiert und minutiös planbar ist wie im „normalen“ Arbeitsleben. Während meines Arbeitsalltags bin ich immer gegen 6:30 Uhr aufgestanden, habe geduscht, die Zähne geputzt, anschließend ab in die Küche und mein Medikament genommen. Das war alles klar getaktet und hier bin ich eigentlich nie vom Plan abgekommen, höchstens im Urlaub.

Nun ist dies ein wenig anders: In der Nacht stehe ich ein- bis zweimal auf, um Colin sein Kuscheltier oder auch den Schnuller wieder zu geben, sodass er wieder einschläft. Der Tag selbst beginnt dann in der Regel zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Dann wird gefüttert, gewindelt und gespielt. Bei dem ganzen Trubel ist es dann nicht immer einfach, rechtzeitig an die Einnahme der Medikamente zu denken.

Dies ist also ein Punkt, den ich durchaus als schwieriger als zuvor beurteile. Ich habe mich hier allerdings an das „Nicht Planbare” gut gewöhnt und auch angepasst.

Gibt es Ruhephasen trotz Baby?

Hört sich im ersten Augenblick vielleicht ein wenig komisch an, aber es geht durchaus. Wenn ich mit Colin spiele, lege ich mich zusammen mit ihm auf den Boden. Beschäftigt er sich alleine mit seinen Spielsachen, bleibe ich einfach liegen und schaue ihm zu. Dies ist entspannend und erholsam zugleich. Meiner MS kommen diese Ruhephasen dann auch zugute.

MS-Betroffener Carsten liegt in Netzschaukel

Wenn Colin mittags, oder auch schon einmal vormittags schläft, nutze ich diese Zeit dann auch zur Entspannung, um Zeitung zu lesen oder in aller Ruhe Dinge im Haushalt zu erledigen. Im Job ist so etwas nicht denkbar. Daher habe ich auch wesentlich weniger Probleme mit meinen Beinen. Im Büroalltag haben sie recht schnell angefangen zu schmerzen. Zu Hause habe ich nur Socken an oder laufe barfuß. Das tut mir gut.

Therapeutische Aspekte

Im Umgang mit Colin baue ich selber spielend eigene therapeutische Maßnahmen ein, wie zum Beispiel Gleichgewichtsübungen oder auch motorische Übungen. Sehen, zeigen, fühlen – diese Dinge lebe ich unserem Colin vor. Dies hat letztendlich für mich einen klaren Vorteil, da ich hier auch verstärkt auf meinen eigenen Körper und auch mehr auf meine eigene Wahrnehmung achte als zuvor.

Kleinkind beim spielen

Mein Geist wird selbst wieder geschärft und Achtsamkeit wird stark in den Fokus gesetzt.

Mit Gleichgewichtsproblemen hatte ich zu Beginn meiner MS sehr zu kämpfen. Daher ist dies auch ein Punkt, der für mich immens wichtig ist und viel Training erfordert. So besteht eine meiner Gleichgewichtsübungen zum Beispiel darin, mit Colin auf dem Arm unsere Treppe herauf- und hinunterzugehen, da sich auf der ersten Etage sein Zimmer mit dem Wickeltisch befindet.

MS-Betroffener Carsten zieht Schlitten

Im Arbeitsalltag sind solche Dinge meist zu kurz gekommen. Auch wenn ich nur einen Teilzeitjob mit 30 Stunden die Woche ausgeübt habe, war nach Feierabend kaum Zeit, Lust oder Energie für solche Elemente vorhanden. Jetzt besteht mein Job fast ausschließlich darin, Colin diese für ihn wichtigen Dinge zu vermitteln.

Ein Nachteil ist für mich allerdings, dass ich bereits öfter meinen Physiotermin verschieben oder absagen musste. Dies liegt daran, dass ich Colin während der Therapie bei meiner Schwiegermutter „parken” muss, dies allerdings nicht immer funktioniert. Beispielsweise kann es vorkommen, dass unser Sohnemann, kurz bevor wir zur Oma fahren wollen, mal einen „Schlafanfall“ hat. Den möchte ich natürlich nicht unterbrechen, sonst ist er total unruhig, sodass ich ihn nicht gebändigt bekomme. Oder ich bin mit meinem Zeitmanagement, was wickeln, anziehen und so weiter anbelangt, einfach ein bisschen zu optimistisch gewesen.

Sonstige Veränderungen

  • Ich gehe jetzt regelmäßig schwimmen, okay, es ist Babyschwimmen, aber immerhin. Am Wochenende versuchen wir dann auch regelmäßig mit unserer kleinen Familie, also meine Frau, Colin und ich, in eine nicht weit entfernte Therme zu fahren.

  • Ich gehe regelmäßig, in diesem Fall fast jeden Tag, für knapp ein bis eineinhalb Stunden mit dem Kinderwagen spazieren. Dies war vor der Geburt von Colin nicht der Fall, das kommt meinem Kreislauf und meiner Kondition zugute.

  • Wir achten noch mehr auf eine gesunde Ernährung. Colin sitzt jetzt bei uns mit am Tisch und bekommt auch von unseren Gerichten zu essen.

Last but not least

Alles in allem kann ich sagen, dass sich durch die Geburt von unserem Colin Einiges im Umgang mit der MS verändert hat und dies überwiegend zum Positiven. Ich bin jetzt nicht nur für mich und meinen Körper verantwortlich, sondern in erster Linie für Colin. Hiervon profitiere ich selber dann genauso.

Vielleicht kann ich mit meinen Worten ja dem einen oder anderen helfen, der sich hier in einer ähnlichen Situation auch so seine Gedanken macht – ich würde mich sehr freuen.

In diesem Sinne: Don't give up, wer resigniert verliert!

Euer Carsten

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