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Jennie, MS-Betroffene, 41 Jahre

Betroffene

Unsichtbare MS-Symptome und sichtliches Unverständnis der Mitmenschen

6 Minuten

Veröffentlicht am 28.02.2019  von  Jennie

Viele unserer durch MS verursachten Beschwerden sind äußerlich nicht sichtbar. Zum Beispiel sind Schwindel, Krämpfe, Seh- oder Empfindungsstörungen, kognitive Störungen und Fatigue-Symptome (schnellere Ermüdbarkeit, Abgeschlagenheit, allgemeine oder plötzliche tiefe Erschöpfung), wie auch eine ganze Reihe anderer Krankheitssymptome, unsichtbar. Ein Gipsverband oder ein Arm in einer Schlinge erregen wesentlich mehr Verständnis, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

Verständnis für Unverständnis

Ich versuche, Verständnis für dieses Unverständnis aufzubringen, denn schließlich sind unsere Probleme tatsächlich meist unsichtbar. Das gelingt mir je nach Situation, meiner Laune, Art und Schwere des Unverständnisses nicht immer ... Sind es nur harmlose, aber vielleicht unsensible und unachtsame Bemerkungen wie: „Kopf hoch!“ oder „Ach, wird schon wieder“ oder sind es schlimmstenfalls böswillige Unterstellungen im Austausch mit einer dritten Person: „Die simuliert nur!“ oder „Die ist einfach nur faul“? Erstere sind leicht zu entschuldigen, denn das sind bestimmt keine böswilligen, sondern vielleicht gut gemeinte, aber etwas flache und gedankenlose Bemerkungen. Zweitere sind unentschuldbar und gemein und zeugen von mehr als nur einem leichtem Empathiemangel. Einfach zu unterstellen, der andere simuliere, sei faul oder ein Jammerlappen, nur weil man die Probleme äußerlich nicht sieht, zeigt schlichtweg dessen Unzulänglichkeit und Ignoranz.

Cartoonillustrationen: „unsichtbar-ueberfordert“ & „unsichtbar-unterfordert“

Cartoonillustrationen: „unsichtbar-ueberfordert“ & „unsichtbar-unterfordert“

Einfach nur zu unterstellen, der andere sei faul, zeigt seine Ignoranz.

Man kann nicht in die Köpfe anderer hineinsehen, wohl aber versuchen sich in diese hineinzuversetzen: durch Nachfragen, Zuhören und Nachdenken. Dadurch gelingt es vielleicht besser, Rücksicht zu nehmen und Mitgefühl zu zeigen. Aber bitte immer mit Fingerspitzengefühl: Mitgefühl und Verständnis – aber bitte nicht übertrieben oder geheuchelt. Hilfsbereitschaft gerne, aber bitte ohne Aufdringlichkeit und ohne dem Gegenüber seine Selbstständigkeit zu nehmen.

Gute und weniger gute Tage

In der Regel sind MS-Patienten ja nicht bettlägerig, sondern trotzdem aktiv, wenn auch teilweise auf eingeschränkte Art. Dazu sollte man wissen: Es gibt gute und schlechte Tage. Das heißt, was man gestern getan hat (z. B. eine lange Wanderung), kann heute nicht unbedingt wiederholt werden. Dies kann morgen oder ein paar Stunden später oder bei einer anderen Art Aktivität schon wieder anders sein. Menschen ohne MS kennen sie auch: diese guten und schlechten Tage, aber die Unterschiede der Tagesform sind bei weitem nicht so stark ausgeprägt.

Was steckt hinter dem Jammern?

Auch ich kann nicht in Köpfe hineinsehen: Sind der schmerzende Kopf, die Rücken- oder die Gelenkschmerzen meines Gegenübers wirklich so arg wie behauptet? Bei einigen weiß ich: Wenn die/der jammert, dann ist das Problem echt. Bei anderen frage ich mich: Sind die heutigen Beschwerden nur wieder eine Schutzbehauptung, eine Ausrede für „Null Bock“ oder ist dieses mal echt und arg? Wer gerne und viel jammert, der erfährt erst recht weniger Verständnis – besonders, wenn es sich wieder um ein unsichtbares Problem handelt. Auch ich arbeite daran, die unsichtbaren Probleme meiner Mitmenschen zu sehen, zu verstehen und darauf angemessen zu reagieren.

Ich bin mir sicher, auch mir gelingt es leider nicht immer so, wie von meinem Gegenüber erhofft und erwartet ... Aber ich gebe mir die größte Mühe und arbeite dran:-)

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