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Steffi H., MS-Betroffene, 50 Jahre

Betroffene

MS und Job – geht das?

15 Minuten

von  Steffi H.

Im Allgemeinen entscheiden wir uns als Teenager für einen Beruf. Okay – es ist zugegebenermaßen schon ein zwei Tage her, dass ich Teenager war, aber in machen Dingen hab ich wohl ein Gedächtnis, wie ein Elefant. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, in welchem Dilemma ich mich vor – sagen wir einfach – zig Jahren befand, als es darum ging, dass ich mich für einen Beruf entscheiden sollte. Ich hatte Ideen im Kopf wie Friseurin, Grundschullehrerin, Innenarchitektin oder Stewardess. Aber es kam anders und ich wurde Facharbeiterin für Textiltechnik und ich landete in einer Fabrik. Das war alles – nur nix für mich. Also habe ich mich ganz schnell aus dem Staub gemacht und mir was Neues gesucht.

Ich hatte schon als Schülerin eine Affinität zum Ordnen. Ich brachte es fertig, aus der Schule nach Hause zu kommen und ein ganzes Schulheft nochmal abzuschreiben, weil ich in der Schule „geschmiert“ hatte. Es musste alles ordentlich und sauber aussehen und wenn das in der Schule wegen Zeitmangel nicht ging, dann machte ich das eben zu Hause nochmal. Es gab mir ein unglaublich gutes Gefühl, Dinge zu entwirren und in Ordnung zu bringen. Auf gut Deutsch: Gibt es ein Problem, dann löse ich es – auch von anderen. Ich sehe und oder höre mir das Problem an und sofort laufen meine Gedanken auf Hochtouren und entwickeln praktikable Lösungen.

Es war also keine große Zauberei oder ein Wunder, dass ich Anfang der 90-iger Jahre (Wendezeit – ich bin ja ein gebürtiges DDR-Kind) in der Stadtverwaltung meines damaligen Wohnortes landete und hautnah und höchstpersönlich mit dabei war, als dort das Sozialamt aufgebaut wurde.

Der Job war genau mein Ding

Ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, als sich zum ersten Mal die Bürotür öffnete und mein erster „Klient“ hereinkam. Ich glaube, ich war aufgeregter als er. ABER, es war von der ersten Sekunde an klar: DAS IST MEIN JOB! Der Mann hatte ein Problem, erzählte mir davon und meine grauen Zellen liefen auf Hochtouren und begannen schon damit, eine Lösung zu finden. Es wurde mein täglich Brot, mich um die Menschen am Rande unserer Gesellschaft mit finanziellen Problemen zu kümmern. Diesen Job machte ich sehr, sehr gerne, auch wenn er oftmals alles und noch ein bisschen mehr von mir geforderte.

Insgesamt blieb ich diesem (meinem) Sozialamt zwölf Jahre treu, machte nebenbei eine zweite Berufsausbildung zur Verwaltungsfachwirtin und stieg in eine Führungsposition auf.

Die MS führte zu einem beruflichen Neustart

(M)eine private Katastrophe veranlasste mich schließlich dazu, diesen (meinen) Job aufzugeben und neben einer örtlichen Distanz auch einen beruflichen Neuanfang zu wagen. Ich arbeitete für insgesamt sechs Jahre im Bereich des Personalwesens, machte nebenbei eine Ausbildereignungsprüfung und bekam mein zweites Kind. Nach der Babypause stieg ich beruflich erst einmal wieder im Personalwesen ein, um ganz schnell festzustellen, dass das zwar alles gut und schön, aber leider nicht „mein“ Job ist. Also ergriff ich die erste Gelegenheit beim Schopfe und kehrte mit Anfang 40 zurück in meinen „alten“ Job und konnte anderen Menschen bei ihren Problemen helfen. Diesmal mit einer kleinen Abwandlung: Es waren/sind nicht mehr die Menschen, die aus rein finanziellen Gründen zum „Amt“ kommen; es sind auch Menschen mit Behinderung(en) und deren Angehörige, die mit ihren Problemen zu mir kommen. Sie vertrauen darauf, dass ich ihnen weiterhelfen kann und werde, dass ich ihre Probleme erkenne, ernst nehme und Lösungen finde – oder eben Ordnung schaffe.

Büro von Steffi H.

Gerade als ich in dem neuen/alten Tätigkeitsfeld Fuß gefasst hatte, ereilte mich die Diagnose Multiple Sklerose. Am Anfang war das – trotz persönlichem Schock – für mich kein Grund, irgendetwas zu verändern. Okay, da stand ich plötzlich mit dem Wissen, dass das Taubheitsgefühl in meinen Händen vermutlich mein Leben lang bleiben würde. Das es wahrscheinlich sein kann, dass noch ganz andere Beeinträchtigungen auf mich zu kommen können, dass ich künftig vielleicht öfters mal länger aus gesundheitlichen Gründen auf der Arbeit fehlen würde. Alles in allem war in mir ein riesiges Durcheinander – die Diagnose MS stellte alles auf den Kopf. Aber so what, es würde schon irgendwie weitergehen.

Und ja, das tut es. Es geht weiter, aber mit Sicherheit nicht so wie bisher!

Zeit, umzudenken

Wenn man einen Stein in eine Pfütze wirft, wirbelt man alles an Staubteilchen auf, was bisher am Grund lag. Dann dauert es eine Weile, bis sich jedes Staubteilchen wieder am Boden absetzt und die Pfütze wieder ganz klar ist – inklusive Stein, der da jetzt zusätzlich am Boden liegt. Die Diagnose MS war der Stein, der bei mir alles veränderte. Aber im Nachhinein betrachtet auch eine riesige Chance, längst fällige Veränderungen endlich umzusetzen.

Mein Leben bestand bis dahin zu einem nicht unerheblichen Teil aus Arbeit, wie das bei vielen Menschen der Fall ist. Zum Teil hatte ich in der Vergangenheit sogar durch und mit der Arbeit sehr schmerzhafte private Einschnitte in meinem Leben betäubt. Das hatte sogar – so glaubte ich zumindest – funktioniert.

Natürlich war mir nicht verborgen geblieben, dass es Veränderungen bei mir selbst gab. Hatte ich früher mit Leichtigkeit mir gestellte Aufgaben erfasst und erledigt, kam es in letzter Zeit immer öfter vor, dass ich mich total überfordert fühlte. Das erzeugte die Angst in mir, dass ich eventuell dabei war, verrückt zu werden.

Hatte es bisher hervorragend funktioniert, jegliche Katastrophen in meinem Leben mit Arbeit zu kompensieren, sah ich mich plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob ich mit der Diagnose MS überhaupt noch in der Lage sein würde, meinen Job zu machen. DAS war nun wirklich eine Katastrophe! Allein die Tatsache, dass ich mich mit solchen Gedanken auseinandersetzen musste, verunsicherte mich zutiefst.

Irgendwann gewann in dem kompletten Durcheinander meines Lebens die offenbar in meinen Genen liegende Gabe die Oberhand: Probleme zu erfassen, zu analysieren und zu lösen.

Problem: Kann ich trotz MS noch meinem Job nachgehen?

Analyse: Ich bin nicht mehr so leistungsfähig, wie ich es in den ganzen Jahren meines Berufslebens war. Ja, ich brauche mehr Pausen. Ja, ich kann Stress, Hektik und Lärm nicht mehr in dem Maße wie bisher filtern, um trotzdem noch gut zu funktionieren. Nein, ich habe keine Ahnung, was noch alles auf mich zukommen wird.

Bin ich bereit für ein Dasein als Rentnerin? NEIN – denn bei allen Einschränkungen, die ich habe, fühle ich mich noch immer fit genug, wenigstens zum Teil meinem Job nachzugehen.

Lösung: Ich muss mit meinem Arbeitgeber, meinen Ärzten und der Rentenversicherung reden und eine für alle Seiten praktikable Lösung finden.

Mein Lösungsungsansatz: Eine Teilerwerbsminderungsrente beantragen

Nachdem der Weg in meinem Kopf klar war, begann ich damit, all die notwendigen Gespräche zu führen. Insgesamt hat es wohl ein halbes Jahr gedauert, bis alle Gespräche, Untersuchungen, Formalitäten erledigt waren und seit nunmehr vier Jahren beziehe ich eine sogenannte Teilerwerbsminderungsrente, die es mir ermöglicht hat, meine bis dahin bestehende Vollzeitstelle in eine Teilzeitstelle mit 20 Stunden pro Woche umzuwandeln.

Auch mit den vier Stunden täglich komme ich an manchen Tagen an die Grenze meiner Belastbarkeit. Dann komme ich nach Hause und muss mich erst einmal für eine kleine Weile aus allem herausnehmen, eine Pause machen. Aber nach dieser Pause kann ich mich trotzdem noch um meine Familie und meinen Haushalt kümmern. Eigentlich muss ich gestehen, dass diese Situation meinem Naturell sehr entgegen kommt. Im Gegensatz zu früher, als ich noch Vollzeit-Karriere-(Ehe)frau und Mutter war, habe ich heute das Gefühl, dass ich durch die (ungewollte) Entschleunigung meines Lebens wesentlich besser zurechtkomme. In mir hat sich im Laufe der Zeit eine sehr wohltuende Ruhe und Ordnung breit gemacht und ich muss zumindest momentan nur noch selten an den Stellschrauben drehen.

Ich habe die beste Lösung für mich gefunden

Für mich ist das eine maßgeschneiderte Ideallösung: Ich kann meiner Berufung/meinen Beruf weiter nachgehen, ohne Gefahr zu laufen, mich zu überfordern. Vier Stunden täglich im Büro sind für mich machbar und seither bin ich vielleicht mal wegen einer Erkältung oder Ähnlichem ausgefallen, aber nie mehr wegen Überforderung und einem dadurch provozierten Schub meiner MS.

Die Diagnose MS verdammt einen nicht dazu, seinen Job aufzugeben.

Natürlich kann und wird das nicht für alle Berufe und/oder MS-Verläufe möglich sein. ABER es zeigt, dass die Diagnose MS nicht zwangsläufig bedeutet, dass man dazu verdammt ist, seinen Job aufzugeben. Vielleicht ist eine Neu- oder Umorientierung erforderlich, aber es ist sehr viel möglich, wenn man mit offenen Karten spielt UND bereit ist, Veränderungen anzunehmen und zuzulassen sowie Hilfe anzunehmen.

Prominentestes Beispiel in Deutschland für die Realisierbarkeit von MS und Job ist die derzeitige Rheinland-Pfälzische Ministerpräsidentin „Malu“ Dreyer.

… und falls ich es in meinen bisherigen Blog-Beiträgen noch nicht erwähnt habe: Es ist verdammt viel möglich – auch mit der Diagnose MS (und manchmal gerade deswegen).

Bis bald – bleibt zuversichtlich.

Eure Steffi

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