Zurück

Alex, MS-Betroffener, 42 Jahre

Betroffene

Integration von MS – die „Miteinander Solution“

9 Minuten

Veröffentlicht am 28.03.2019  von  Alex

MS ist uns im ersten Moment fremd, wenn wir die Diagnose bekommen. Oft beginnen wir, sie zu verurteilen oder pauschale Behauptungen über sie aufzustellen – egal ob als Betroffener oder als Außenstehender.

MS – erstmal dagegen

MS ist zu Anfang erstmal negativ besetzt und führt zu einer negativen Bewertung, speziell ab dem Tag der Diagnosestellung. Freuen wird man sich sicher nicht. Menschen, die hören, dass man MS hat – so zumindest bei mir – sind, im ersten Moment etwas perplex, vielleicht sogar geschockt, weil man die einem MS nie so deutlich ansieht. Oft geht es dann los mit Fragen. Fragen, die sich gerne wiederholen und Aussagen, die häufig widerspiegeln, dass MS in der Gesellschaft eher als eine schwere Erkrankung angesehen wird. Oftmals findet man sich mit Aussagen konfrontiert wie: „Oh mein Gott, Du Armer“, „Das ist wirklich schlimm – hätte ich nicht gedacht“ oder auch „Man sieht es Dir gar nicht an“. Okay, ich könnte mir auch ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe MS“ um den Hals hängen, damit rumlaufen und den ganzen Tag rumjammern. Dann würden sich doch alle auch bestätigt sehen, wie sie darüber denken.

Aber ist MS von Grund auf so negativ? Nein, MS birgt Chancen als auch Risiken. Ja, wir haben Schwierigkeiten – auch ich, als Stehaufmännchen und meist optimistischer Mensch (liegt vielleicht an meinem Sternzeichen Schütze). Jeder hat mal Probleme – ob mit oder ohne MS. Im Leben läuft nicht immer alles rund. Es birgt immer Risiken, aber eben auch Chancen. Hier Sorgen und Ängste, da kleines oder großes Leid. Das Leben ist ein Auf und Ab. Die einen haben finanzielle Sorgen, die anderen haben zwischenmenschliche Hürden zu nehmen und wieder andere haben gesundheitliche Probleme und so weiter. Sich nicht auf diese Probleme zu konzentrieren, fällt einem schwer und man kommt gerne in einen Kreislauf, bei dem man nahezu kontinuierlich über diese Probleme nachdenkt – ohne sie auch nur ein Stück zu verändern oder zu neutralisieren. Man stellt sich Fragen, die man vielleicht gar nicht beantworten kann. Man schränkt sich selbst gerne ein, nur weil man „vernünftig“ sein will. Man denkt sich: Mein Problem lässt es einfach nicht anders zu.

Vergeben – vergessen – verzeihen

Das Leben besteht aber nicht nur aus einem oder mehreren Problemen. Manchmal muss man das Leben nehmen, wie es eben kommt. Manchmal hilft es einfach nur, diese Probleme zu vergessen oder beiseite zu schieben. Ja, tatsächlich ist Vergessen eine „Coping-Strategie“ (Bewältigungsstrategie), die wirklich hilft. MS ist eins von diesen Problemen, das wir schleunigst vergessen sollten – vergessen im Sinne von ausblenden können. Oder besser gesagt wir sollten lernen, die MS auch mal ausgeblendet zu lassen. Was aber auch nicht heißt, dass MS nicht wieder ins Gedächtnis gerufen wird. Das wird sie irgendwann wieder – spätestens dann, wenn man sich mit seiner Medikation beschäftigen muss.

Dennoch ist nichts schlimmer, als den lieben langen Tag nur über eine Sache nachzudenken oder zu reden. MS sollte nicht Euren Alltag bestimmen, sondern Du solltest den Alltag bestimmen mit der MS – so mache ich es jedenfalls. Wenn ich den lieben langen Tag nur noch die MS präsent habe, dann werde ich ehrlich gesagt nicht glücklich. Also: Ausblenden! Ausblenden hilft. Bei mir zumindest. Für mich gibt es Wichtigeres, über das ich nachdenken will. Vor allem will ich nicht nachdenken, dass ich mich geistig einschränke und mir verbiete Dinge zu tun, die ich mit MS nicht gerade tun sollte. Deswegen habe ich es mir als Aufgabe gemacht, die MS zu vergessen und einfach zu leben. Mal ernsthaft, auch MS wird mich nicht davon abhalten, das zu tun, was mir Spaß macht – selbst wenn es für die MS vielleicht nicht immer ganz förderlich ist.

Ich lebe so, wie es mir Spaß macht und zwinge die MS dazu, dieses Leben mit mir zu teilen – nicht umgekehrt. MS bestimmt nicht mein Leben – nein, ich bestimme das! Es ist mein Leben – mit und auch ohne MS.

Alex steht am Meer

MS zu hassen oder gegen sie zu sein, ist keine Lösung.

Dagegen – daneben – dafür

Integration beginnt im Kopf. Integration bedeutet, vom Gegeneinander ins Nebeneinander bis hin zum Miteinander zu gelangen. Ich habe es irgendwie gelernt, mit der MS zu leben – in ein Miteinander zu gelangen. MS zu hassen oder gegen sie zu sein, ist keine Lösung. Man muss sich, meiner Meinung nach, mit ihr „anfreunden“, sich arrangieren. MS mag uns anspannen, aber zerreißen darf sie uns nicht. Zu Anfang war ich gegen sie, weil sie mir fremd war. Erst dann bin ich mit ihr, bildlich gesprochen, in einen Dialog getreten – habe von ihr und sie von mir gelernt, um in ein Nebeneinander zu gelangen. Im Nebeneinander haben wir uns öfter gesehen und uns aneinander gewöhnt – auch wenn es etwas Zeit erfordert hat. Dann aber war der Weg endlich frei ins Miteinander. Im Miteinander lässt es sich viel besser leben.

Ich habe gelernt die MS zu akzeptieren – nicht gegen sie zu sein. Gegen sie zu sein, kostet mich auch zu viel Kraft. Also hab ich mich dazu entschieden, mit ihr weitestgehend ein Team zu werden. Integration von MS kann nur so ablaufen: Das Gegeneinander abbauen, ein Nebeneinander ermöglichen, um im Endeffekt in ein Miteinander zu gelangen. Dies gilt sowohl für die Betroffenen selbst, als auch für die Gesellschaft um uns herum.

Euer

Alex

Deine Empfehlungen