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Alex, MS-Betroffener, 40 Jahre

Alex

Vom Schreiner zum Sozialarbeiter – Umschulung bei MS

18 Minuten

Veröffentlicht am 27.03.2018 von Alex

Die MS hat nicht nur gesundheitlich zu einigen Veränderungen in meinem Leben beigetragen – sie hat auch meine berufliche Laufbahn komplett umstrukturiert. Was nicht immer schlimm sein muss. Herausforderungen sind dazu da, um sie anzunehmen. Manchmal muss man neue Wege einschlagen. MS hat mein Leben beruflich und privat in eine positive Richtung verändert, auch wenn es anfangs ein Schlag ins Gesicht war. In dem folgenden Beitrag möchte ich euch davon berichten, wie ich vom Tischler/Schreiner zum Sozialarbeiter (B.A.) umschulte.

Von der Ausbildung ins Berufsleben

Im Jahre 1997 fing ich in einem kleinen Betrieb (Innenausbau/Ladenbau/Gaststätteneinrichtungen) eine Lehre zum Tischler/Schreiner an, die ich im Jahre 2000 als Landessieger (ja, tatsächlich) im Schreinerhandwerk beendete. In meinem Lehrbetrieb konnte ich leider nicht übernommen werden. Daher machte ich nach meiner Ausbildung mein Fachabitur im Bereich Bauingenieurwesen. Leider konnte ich danach nie wirklich weiter in Schreinereien arbeiten, wo man das Handwerk noch so ausübte, wie man es sich vorstellt. Schon in meiner Ausbildung musste ich mich von der Vorstellung trennen, wie Meister Eder zu arbeiten und bemerkte, dass ich eher industriell und an größeren Projekten mit höheren Stückzahlen arbeitete. Im Bereich, ich nenne es mal „individuelle Einzelmöbelfertigung“, war einfach zu wenig zu finden.

Aber dennoch wollte ich arbeiten und versuchte Fuß zu fassen, nicht nur aus finanziellen Gründen. Es folgten Jobs, die mich nicht unbedingt glücklich machten: Als Berater und Verkäufer im Holzbereich, vom Küchenmonteur bis hin zum Messebau war so gut wie alles dabei. Dennoch wollte ich als Berufseinsteiger nicht aufgeben. Es war sehr stressig, teilweise kalt und dreckig. Man arbeitete von morgens bis abends, um sich durch die Überstunden noch etwas dazu zu verdienen. Ich fühlte mich in der Umgebung aber nie so richtig wohl. Ich war unglücklich mit dem, was ich machte. Es erfüllte mich nicht. Ich dachte mir oft: „Ich kann doch mehr. Ich habe doch Abitur. Ein Leben lang das hier? Soll es das gewesen sein?“. Ich musste es aber machen, um über die Runden zu kommen. Es gab keine Alternative. Schließlich hatte ich mich für das Handwerk entschieden.

Fluchtversuch aus dem Handwerk und erster Schub

Finanzielle Sorgen, berufliche und private Probleme bestimmten mein Leben bis ins Jahr 2006. Ich hangelte mich von Job zu Job. Es war immer ungewiss, wie lange es diesmal dauern würde, bis ich nicht mehr gebraucht würde. Dieser Ungewissheit wollte ich entfliehen und studieren. Architektur sollte es sein. Also begann ich ein Studium für Architektur an der Hochschule in Saarbrücken. Dieses konnte ich über eine Stelle als Wochenendarbeiter in der Metallindustrie bei einer renommierten Firma finanzieren. Leider konnte ich auch da nur ein halbes Jahr bleiben, weil die Befristung auslief und nicht verlängert wurde. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Studium abzubrechen. Zudem zerrüttete mich damals eine Trennung von meiner Partnerin, die zu der Zeit ein Auslandspraktikum in den USA absolvierte. Die Psyche war definitiv am Ende.

Es folgte der erste Schub, der sich aber erst im Nachhinein als Schub herausstellte. Damals kam ich mit linksseitigem Kribbeln und Taubheitsgefühlen ins Krankenhaus und man suchte nach den Ursachen. Alles war so unwirklich – ich dachte mir, ich habe es übertrieben mit den Überstunden und es gab einfach zu viel Stress und mein Körper würde sich dafür rächen. Ich wurde, nachdem ich beim Neurologen eine Einweisung ins Krankenhaus bekam, erstmal mit Cortison vollgepumpt. Viele Tests führten zu keiner konkreten Diagnose. Jeder druckste nur rum. Die Diagnose hieß „Rückenmarksentzündung“. Dann besserte sich alles zum Glück. Im späteren Entlassungsbericht stand „V. a. Encephalomyelitis disseminata“. Es dauerte ca. drei Monate bis ich wieder einigermaßen fit war. In der Zwischenzeit verlor ich meinen Job abermals.

Holzbox und Buch

Zweiter Schub – Ende des Schreinerdaseins

Nach längerer Zeit mit Krankenschein und dem wenigen Arbeitslosengeld, dass ich von der Agentur für Arbeit erhielt, musste ich wieder in den alten Beruf zurückkehren. Wieder war ich in dem gefangen, wo ich eigentlich nicht bleiben wollte. Ich wurde Möbelmonteur in einem Subunternehmen für ein renommiertes Möbelhaus im Saarland und lieferte schwere, teilweise sehr sperrige Möbel aus. Ein richtiger Knochenjob. Trotzdem machte ich berufsbegleitend eine Weiterbildung in der Abendschule zum Technischen Fachwirt (HWK), obwohl mein Akku schon ziemlich leer war. Dann meldete dieses Unternehmen ebenfalls Konkurs an und ich wurde von einer anderen Firma als Küchenmonteur übernommen. Schwere Arbeitsplatten aus Granit, der Stress, der Zeitdruck und das wenige Geld bestimmten schon wieder meinen Alltag. Arbeiten von früh morgens bis spät abends. Der Kreislauf des Unglücklichseins begann wieder von vorne.

Es kam wieder so, wie es kommen musste – so sehe ich das zumindest heute. Nach zwei Jahren, im Jahre 2008, hatte ich meinen zweiten und noch viel heftigeren Schub. Wieder das Gleiche: Halbseitenlähmung, Kribbeln über die gesamte Körperhälfte und Schmerzen, die einfach unerträglich waren: Körper und Psyche waren am Ende. Und der Job – wieder weg. Ich saß im Rollstuhl. Wieder Krankenhaus – kann das alles wahr sein? Ich dachte mir: „Für was werde ich eigentlich bestraft?“ Ich machte mich schlau und las den Entlassungsbericht von 2006 erneut. Ich suchte online nach „Encephalomyelitis disseminata“ und fand heraus, dass dies der medizinische Begriff für Multiple Sklerose ist. „V. a.“ bedeutete „Verdacht auf“. Ich begann nach Symptomen von Multipler Sklerose zu suchen und fand mich darin wieder. Trotzdem war es noch unklar, was ich hatte. Und dann, ja ich muss sagen, auch durch Druck von mir, mit Verlangen auf eine Diagnose, kam tatsächlich die Diagnose MS. Ich war einerseits geschockt, aber auch irgendwie erleichtert. Denn jetzt konnte endlich eine medikamentöse Therapie beginnen. Dennoch stürzte ein Teil von dem ein, was ich mir bis dato aufgebaut hatte.

Ich war über 18 Monate bis zur Aussteuerung krankgeschrieben. Nicht nur, weil ich nicht wusste wohin, sondern weil ich auch psychisch (Angst vor Verschlimmerung meines Gesundheitszustands) nicht mehr dazu in der Lage war, in den alten Beruf zurückzukehren. Körperlich musste ich schon einige Einbußen verzeichnen. Die Kraft war einfach weg. Wohin sollte mich der Weg führen? Es konnte so nicht weitergehen. In meinen alten Beruf konnte ich unmöglich wieder zurück.

Umstrukturierung – Neuausrichtung – Reha

Ich machte (innerhalb der angesprochenen 18 Monate) eine achtwöchige medizinische Reha in einer Klinik außerhalb des Saarlandes und lernte dort den Sozialdienst kennen. Mit einer dortigen Sozialarbeiterin begann ich über mich und eine Umschulung zu sprechen. Bis dahin wusste ich nicht, dass eine Umschulung in Form eines Studiums überhaupt möglich sei. Sie machte mir Mut und lernte mich immer besser kennen und sagte zu mir, dass ich vom Typ her eher sozial eingestellt sei und machte mir das Angebot über ein Studium Soziale Arbeit/Sozialpädagogik nachzudenken. Das Studium dauert drei Jahre und kann in Einzelfällen auch als Umschulung gemacht werden. Der Weg dorthin sei zwar nicht leicht, aber möglich. Ich war begeistert und motivierte mich immens, genau daraufhin zu arbeiten, und meinen Weg dorthin auszurichten.

Endlich sah ich einen Ausweg aus der Misere. Ich fokussierte ein neues Ziel, das ich unbedingt erreichen wollte.

Kontakt zum Rehaberater der Agentur für Arbeit

Nach der Reha hatte ich ein festes Ziel: Ich wollte Sozialarbeiter/Sozialpädagoge werden. Nun musste nur noch ein Träger für die Umschulung gefunden werden.

Es gab zwei Möglichkeiten, wie ich an die Sache herangehen konnte: Entweder über die Rentenversicherung oder die Agentur für Arbeit. Der Weg über die Agentur erschien mir damals leichter, obwohl dieser Weg auch nicht leicht werden sollte. Bei der Agentur für Arbeit lernte ich meinen Rehaberater kennen, der mich über den Weg zur Umschulung informierte. Er sagte, dass es eine Chance gäbe, die aber nur in den wenigsten Fällen klappen würde. Er machte es mir nicht einfach – ich blieb aber trotzdem beharrlich. Ich hatte einen Traum, der wahr werden sollte. Endlich ein Studium hinter mich zu bringen und zu zeigen, was ich kann.

Ich musste von psychologischen Gutachten über Arbeitserprobungsmaßnahmen alles hinter mich bringen und lernte dabei auch das Wunsch- und Wahlrecht bei einer Umschulung kennen. Dies bedeutet, dass nicht nur die Voraussetzungen für verschiedene Umschulungen gegeben sein sollten, sondern auch das Wunsch- und Wahlrecht des Klienten zählen würden. Ergo bedeutete das, dass ich auch ein Wörtchen mitzureden hatte und nicht wahllos in irgendeine Umschulung gesteckt werden konnte.

Studium – Ein neues Leben

Nach langem Hin und Her kam der Tag: Meiner Umschulung in Form eines Studiums zur Sozialen Arbeit wurde zugestimmt. Es war ein harter, aber auch erfüllender Weg bis hin zum Abschluss meines Studiums. Ich war schon wesentlich älter als meine Kommilitonen und konzentrierte mich lediglich auf mein Ziel, das Studium zu beenden. Party und Feiern waren für mich nebensächlich – immer im Hinterkopf, dass dies meine einzige Chance ist. Auch wenn es nicht immer einfach war, am Ende hat es sich aber ausgezahlt. Ich absolvierte von 2010 bis 2013 mein Studium in Heidelberg mit Bravour, obwohl ich schon so lange aus der Schule war.

MS-Betroffener Alex lachend und glücklich

Heute bin ich Sozialarbeiter (B.A.) und bin nach meinem Studium direkt in den Beruf eingestiegen und seitdem auch beschäftigt. Mein Leben hat sich ins Positive verändert. Ich bin weg vom körperlichen Stress und die Arbeit macht mir Spaß. Auch privat hat sich alles positiv verändert. Ich lebe auch nicht mehr so stark mit Ängsten, die damals sehr präsent waren. Meiner Meinung nach war die Diagnose MS für mich eine Art „Aufrüttler“, mein Leben neu auszurichten. Mein Körper hat mir eindeutige Signale gesendet etwas zu verändern. Das habe ich auch gemacht. Heute achte ich mehr darauf und versuche Stress (körperlich und psychisch) zu vermeiden. Seitdem bin ich auch schubfrei. Toi toi toi – vielleicht ein Zufall, vielleicht gibt es aber auch einen Zusammenhang. Wichtig für mich ist, einfach glücklicher zu sein – mit meiner neuen Partnerin Manuela.

Es ist nie zu spät, sein Leben neu auszurichten und Träume zu wagen. MS gab mir das Signal dazu, mein Leben zu verändern.

Auch ist es nie zu spät, an Zielen und Träumen festzuhalten. Wer will – der kann – der soll. Es sollte so sein: Vom Schreiner wurde ich zum Sozialarbeiter.

Euer Alex

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