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Forschung

Warum Männer seltener an MS erkranken

7 Minuten

Veröffentlicht am 21.02.2018  von  Onmeda

Forscher sind der Antwort näher gekommen, wieso Frauen wesentlich häufiger an multipler Sklerose erkranken als Männer. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron scheint als Schutzfaktor eine entscheidende Rolle zu spielen, so eine aktuelle Studie.

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Etwa 70 Prozent aller Patienten mit der Nervenerkrankung multiple Sklerose (MS) sind Frauen. Aber warum haben Frauen ein höheres Risiko, an multipler Sklerose zu erkranken? Bekannt war bisher, dass das männliche Geschlechtshormon Testosteron wesentlich daran beteiligt ist. Das Rätsel um den Mechanismus dahinter wollen Forscher der Northwestern University Feinberg School of Medicine (USA) jetzt geknackt haben: Das Testosteron stoße einen Schutzmechanismus an, der das Myelin, also eine schützende Biomembran um die Nervenzellen, vor der Zerstörung bewahrt.

"Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum die multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen Männer viel seltener betreffen als Frauen", erklärt Melissa Brown, Professorin für Mikrobiologie und Immunologie. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Niedriger Testosteron-Wert – wenig Schutz

Ihre Untersuchungen führten die Wissenschaftler an Mäusen durch, die unter einer der menschlichen MS sehr ähnlichen Erkrankung litten. Das Testosteron regt bestimmte Immunzellen – die Mastzellen – dazu an, verstärkt ein Schutzmolekül namens Interleukin-33 freizusetzen. Dieser Botenstoff löst die Produktion einer ganzen Kaskade chemischer Substanzen aus. Sie bremsen wiederum die Entwicklung eines anderen Typs von Immunzellen (Th17), der das für die Nervenzellen so wichtige Myelin direkt attackiert und zerstört.

Die Forscher fanden heraus, dass weibliche Tiere viel größere Mengen an krankmachenden Th17-Immunzellen als männliche Nager besitzen. Behandelten sie aber die weiblichen Mäuse mit IL-33, verschwanden die MS-Symptome. "Erwachsene Frauen haben einen sieben- bis achtmal niedrigeren Testosteronspiegel als Männer", erklärt Studienleiterin Brown. "Wir vermuten deshalb, dass sie diesen Schutzmechanismus aufgrund der niedrigen Werte nicht aktivieren können." Die Wissenschaftler konnten aber zeigen, wie sie ihn mit dem Schutzmolekül IL-33 in Gang setzen haben.

Maßgeschneiderte MS-Therapie in Sicht?

Frauen haben nicht nur ein drei- bis viermal höheres Risiko für MS als Männer, sondern sie erkranken auch in jüngeren Lebensjahren und entwickeln eine andere Form der multiplen Sklerose. Unter Patientinnen leiden die meisten Frauen unter der schubförmig-remittierenden MS, während Männer häufiger die primär progrediente Form der MS entwickeln. Bei dieser verläuft die Nervenkrankheit nicht in Schüben, sondern sie schreitet kontinuierlich voran. Dies scheint bei Männern auch damit zu tun haben, dass mit steigendem Lebensalter der Testosteronspiegel sinkt.

Erste klinische Studien haben gezeigt, dass eine Behandlung mit Testosteron bei männlichen MS-Betroffenen über zwölf Monate die Myelinschäden und die Zerstörung der Nervenzellen teilweise rückgängig machen kann. Auch die MS-Symptome besserten sich. Eine Testosterontherapie sei aber aufgrund der vielen unerwünschten Nebenwirkungen weder für Männer noch für Frauen geeignet, betonen die Autoren. "Wir haben jetzt spezifischere Ziele in der Immunabwehr identifiziert, an denen wir ansetzen können", erklärt Mikrobiologin Melissa Brown. "Neu entwickelte Therapien sollten das Immunsystem möglichst intakt lassen." Sie könnten den Anstieg des Testosterons vermeiden und seien damit auch für Frauen eine Möglichkeit.

Hoffnung auch für andere Autoimmunerkrankungen

Viele Medikamente, die Ärzte derzeit gegen MS einsetzen, unterdrücken die Aktivität des Immunsystems und machen Patienten anfälliger für Infektionen. "Unsere Ergebnisse könnten zu einer ganz neuen Art der MS-Therapie führen, die wir dringend brauchen", hofft Brown.

Neben der MS gibt es noch andere Autoimmunerkrankungen, die Frauen deutlich häufiger betreffen. Beispiele sind die rheumatoide Arthritis (Rheuma) und der systemische Lupus erythematodes (SLE). Auch bei diesen Krankheiten könnten Forscher nun genauer untersuchen, ob und inwiefern der Schutzmechanismus durch das Testosteron eine Rolle spielt.

Quelle:

Russi, A. et al.: Male-specific IL-33 expression regulates sex-dimorphic EAE susceptibility. PNAS (29.1.2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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