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Forschung

Taugt der Geruchssinn als Frühwarnsystem für MS?

7 Minuten

Veröffentlicht am 25.04.2018 von Onmeda

Wer an multipler Sklerose erkrankt ist, nimmt Düfte schlechter wahr – und zwar schon im Frühstadium der Nervenkrankheit. Je länger sie andauert und je mehr Schübe hinter den Patienten liegen, desto stärker leidet offenbar der Geruchssinn.

Mann riecht an Croissant

Dass bei multipler Sklerose (MS) der Geruchssinn leidet, ist nur eines von sehr vielen Symptomen, unter denen die Betroffenen leiden. Dass der Geruchssinn nicht vernachlässigt werden sollte und bei MS vielleicht sogar als Frühwarnsystem taugen könnte, zu diesem Schluss kommt eine kleine Studie von Forschern vom Istanbul Education and Research Hospital in der Türkei. Einbußen beim Riechen treten demnach offenbar schon im Frühstadium einer multiplen Sklerose auf. Doch Ärzte diagnostizieren die Fehlfunktion des Geruchssinns offenbar häufig nicht.

Die Neurologen um Arife Çimen Atalar wollten herausfinden, inwiefern der Geruchssinn mit der Dauer einer MS, den Behinderungen sowie den geistigen Fähigkeiten der Erkrankten zusammenhängt. Dafür rekrutierten sie 31 Patienten mit multipler Sklerose und 24 gesunde Probanden als Kontrollgruppe an der Istanbuler Klinik. Sie wurden so ausgewählt, dass sie vom Alter und dem Geschlecht her miteinander vergleichbar waren. Mindestens fünf Jahre lang wurden sie beobachtet.

Geruchssinn und kognitive Fähigkeiten unter der Lupe

Alle Probanden unterzogen sich einem speziellen Test, der Aufschluss über ihr Riechvermögen geben sollte. An diesem sind der Riechnerv und verschiedene Bereiche im Gehirn beteiligt. Eingesetzt wurde der sogenannte Connecticut Chemosensory Clinical Research Center (CCCRC)-Test. Dabei müssen Patienten mehr als 100 verschiedene Duftstoffe erkennen und benennen, indem sie an vielen kleinen Duftproben schnuppern. Diese umfassten alltägliche Düfte wie Erdnussbutter, Seife, Schokolade, Kaffee, Zimt, Mottenkugeln oder Babypuder. Außerdem prüfen die Forscher bei diesem Test, welche Riech- beziehungsweise Wahrnehmungsschwelle ein Mensch für den stechenden Duftstoff Butanol besitzt. Dafür schnupperten die Probanden an Lösungen, die Butanol in verschiedenen Konzentrationen enthalten.

Zudem testeten die Forscher die kognitiven Fähigkeiten aller Probanden mit Hilfe des sogenannten Montreal Cognitive Assessment (MOCA). Dieser Test überprüft unter anderem das Gedächtnis, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, zeitliche und räumliche Orientierung sowie das Sprachvermögen. Zusätzlich bestimmten die Forscher mittels der Expanded Disability Status Scale das Ausmaß der Behinderungen der MS-Patienten.

MS-Patienten mit schlechterem Geruchssinn

Die Forscher fanden heraus, dass sämtliche MS-Patienten im Geruchstest schlechter abschnitten als gesunde Probanden. Je länger die Patienten schon an multipler Sklerose erkrankt waren und je mehr Schübe sie hinter sich hatten, desto schlechter funktionierte ihr Geruchssinn. "Vielleicht sind das zentrale Nervensystem und das Netzwerk des Geruchssinns viel stärker an der MS beteiligt, als bislang gedacht", spekulieren die Forscher. Dieser Aspekt ist unter Wissenschaftlern umstritten, weil Schäden am Riechnerv bisher nicht nachgewiesen werden konnten.

Die Ergebnisse des Riechtests korrelierten mit jenen aus dem MOCA-Test. Dies bedeutet: MS-Patienten, die schlechter riechen konnten, zeigten zugleich stärkere kognitive Beeinträchtigungen. Dagegen konnten Patienten mit hohen Werten im kognitiven Test Gerüche besser identifizieren, und ihre Schwelle für die Wahrnehmung des Butanols lag niedriger.

Keine Verbindung fanden die Forscher zwischen dem Ausmaß der körperlichen Behinderungen und dem Geruchssinn. Dies könne damit zusammenhängen, dass die Teilnehmerzahl der Studie sehr gering und das Ausmaß der Behinderungen bei den Patienten sehr niedrig gewesen sei, so die Forscher.

Geruchssinn als Biomarker für MS?

"Die Studie unterstreicht, dass Störungen des Geruchssinns in frühen Stadien der MS vorhanden sind", schreiben die Autoren. "Wir wissen jetzt zudem, dass es eine Verbindung zwischen kognitiven Beeinträchtigungen und Störungen des Riechvermögens gibt." Das gelte auch für Frühstadien der MS bei jungen und körperlich noch fitten Patienten. Der Test des Geruchssinns sei vielleicht sogar hilfreich, um den Fortschritt der multiplen Sklerose über die Jahre zu bestimmen, so die Forscher.

Auch bei anderen neurologischen Erkrankungen leidet der Geruchssinn, etwa bei Morbus Parkinson oder der Alzheimer-Krankheit. Störungen des Riechvermögens gelten als Frühwarnzeichen für diese Erkrankungen. Deshalb arbeiten Forscher daran, diese als Biomarker in der Frühdiagnostik einzusetzen.

Quelle:

Atalar, AC et al.: Olfactory dysfunction in multiple sclerosis. Multiple Sclerosis and Related Disorders (März 2018)

Online-Informationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): www.dmsg.de (Abrufdatum: 5.4.2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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