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Forschung

MS-Risiko: So gefährlich sind Lacke und Lösungsmittel

8 Minuten

Veröffentlicht am 19.02.2019  von  Onmeda

Lacke, Farben und andere Lösemittel können das Risiko für multiple Sklerose erhöhen. Kommen noch eine genetische Veranlagung oder Nikotinkonsum hinzu, erhöht sich die Gefahr weiter, zeigt eine neue Studie aus Schweden.

Bunte Farben auf einer Wand

Die Ursachen der multiplen Sklerose (MS) sind noch immer nicht ganz aufgeklärt. Forscher kennen jedoch einige Faktoren, die das Risiko für die MS erhöhen. Sie diskutieren unter anderem Nikotinkonsum, Vitamin-D-Mangel oder Virusinfektionen, etwa mit dem Epstein-Barr-Virus. Jetzt bringen Wissenschaftler aus Schweden neue mögliche Einflussfaktoren für die MS ins Spiel: Farben, Lacke und andere Lösungsmittel, mit denen viele Menschen beruflich zu tun haben.

Wer häufiger mit diesen hantiert, erhöht offenbar sein Risiko für die Nervenerkrankung. Und bei Personen, die sowieso schon ein erhöhtes genetisches Risiko haben, an MS zu erkranken, oder Raucher sind, steigt die Gefahr weiter an. Dies berichten Forscher vom Karolinska Institut in Stockholm (Schweden) im Fachjournal Neurology.

Gefährliche Kombination: bestimmte Gen-Ausprägung, Lösungsmittel, Rauchen

Für ihre Studie identifizierten die Wissenschaftler 2.042 Personen, die erst kürzlich die Diagnose MS erhalten hatten. Diese stellten sie 2.947 Menschen gleichen Alters und Geschlechts ohne die Autoimmunerkrankung gegenüber. Über Bluttests bestimmten die Forscher, ob die Probanden Träger bestimmter Genvarianten sind – des sogenannten Human Leukocyte Antigen (HLA). Die eine Ausprägung des Gens macht Menschen anfälliger für MS, während die andere das Risiko für die Nervenkrankheit senkt. Alle Studienteilnehmer sollten außerdem angeben, ob sie beruflich mit organischen Lösungsmitteln, Farben oder Lacken in Kontakt gekommen waren und ob sie jemals in ihrem Leben geraucht hatten:

  • In der Gruppe, die weder eine der beiden Genvarianten besaß noch geraucht hatte oder mit Lösungsmitteln und dergleichen in Berührung gekommen war, waren 139 Personen an MS erkrankt. 525 Probanden hatten die Erkrankung dagegen nicht entwickelt.
  • Unter den Personen, welche die Risiko-Genvariante besaßen und sich Lösungsmitteln ausgesetzt haben, aber niemals zum Glimmstängel gegriffen hatten, waren 34 Menschen an MS erkrankt und 19 nicht.
  • In der Gruppe, auf die alle drei Punkte zutrafen (gefährliche Genvariante, Kontakt mit Lösungsmitteln und Raucher) identifizierten die Forscher 40 Patienten mit MS und fünf ohne die Krankheit.

Risiko bis zu 30-fach erhöht!

Auf das MS-Risiko bezogen ermittelten die Forscher daraus folgende Risikowerte: Wer sich Farben, Lacken und anderen Lösungsmitteln aussetzt, besitzt ein um 50 Prozent höheres Risiko für MS als Personen, die keinen Kontakt damit haben. Das gleichzeitige Hantieren mit Lösungsmitteln und die fatale Ausprägung des Risikogens bedeuten eine siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit für MS. Wer obendrein Raucher ist, lebt am gefährlichsten: Bei Menschen, die alle drei Faktoren auf sich vereinen – Lösungsmittel, riskante Genvariante und Nikotinkonsum –, steigt das Risiko für die Nervenerkrankung auf das 30-Fache an im Vergleich zu Personen, auf die nichts von alledem zutrifft.

Fazit

Insgesamt ergab sich nach diesen Berechnungen folgendes Bild: Die Kombination aus entsprechender Ausprägung des Risikogens und dem Kontakt zu Lösungsmitteln, Lacken, etc. war für etwa 60 Prozent des MS-Risikos verantwortlich.

"Dies sind signifikante Wechselwirkungen. Die Kombination dieser Faktoren wirkt sich viel schlimmer aus als jeder Faktor einzeln für sich genommen", erklärt die Studienautorin Anna Hedström vom Karolinska Institut. "Wir müssen weiter forschen, um zu verstehen, welche Wechselwirkungen diese Faktoren untereinander haben und wie sie zur Risikoerhöhung beitragen." Möglich sei, dass die Lösungsmittel und das Rauchen entzündliche Prozesse und Reizungen in der Lunge befeuern, die wiederum eine Immunreaktion auslösen.

Lebensstil ändern, MS-Risiko senken

Gabriele DeLuca von der britischen Universität Oxford schreibt in einem begleitenden Artikel zur Studie: "Wie dieser Cocktail aus MS-Genen, organischen Lösungsmitteln und Rauchen das MS-Risiko so deutlich erhöht, müssen wir näher untersuchen." So lange dies noch unklar sei, sollten Personen besser auf Zigarettenrauch und unnötiges Hantieren mit organischen Lösungsmitteln – besonders die Kombination aus beidem – verzichten. "Den Lebensstil entsprechend zu verändern wäre vernünftig, um das MS-Risiko zu senken. Dies gilt besonders, wenn MS schon in der Familie vorkommt", so DeLuca weiter. Dennoch gibt es Faktoren, welche die Aussagekraft der Studie begrenzen: Zum Beispiel sollten sich die Probanden an jeden Kontakt mit Lösungsmitteln erinnern. Vielleicht seien manchen dabei Fehler unterlaufen, schränken die Forscher ein.

Quellen:

Hedström, AK et al.: Organic solvents and MS susceptibility: Interaction with MS risk HLA genes. Neurology (Juli 2018)

Solvents and smoking linked to increased risk of MS. Pressemitteilung des Karolinska Institutet: http://ki.se (4.7.2018)

Exposure to paint, varnish, other solvents linked to increased risk of MS. Pressemitteilung der American Academy of Neurology (AAN): www.aan.com (3.7.2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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