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Forschung

Hippotherapie: Auf dem Pferd gegen MS

9 Minuten

Veröffentlicht am 11.04.2018 von Onmeda

Das Glück auf dem Rücken der Pferde wird häufig beschworen. Für Patienten mit multipler Sklerose ist die Hippotherapie mehr als ein reines Freizeitvergnügen: Sie fördert die Balance und wirkt sich positiv auf die Psyche aus.

Nahaufnahme eines Pferdegesichts

Reiten ist nicht nur Freizeitvergnügen für Tierfreunde. Auch Menschen mit multipler Sklerose (MS) profitieren offenbar vom Sport auf dem Pferderücken. Die sogenannte Hippotherapie verbessert das Gleichgewicht, die Bewegungsfähigkeit und Koordination. Außerdem wirkt das therapeutische Reiten der Spastik und der chronischen Müdigkeit Fatigue entgegen.

Solche Erfahrungen haben bereits viele MS-Patienten berichtet. Jetzt konnten die Effekte auch Forscher der Universität Köln in Zusammenarbeit mit der DRK Kamillus Klinik Asbach im Westerwald in einer Studie nachweisen. Die Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachblatt Multiple Sclerosis Journal.

Reittherapie über drei Monate

An der Studie MS-HIPPO waren 70 Erwachsene mit multipler Sklerose beteiligt: 57 Frauen und 13 Männer, die im Durchschnitt 50 Jahre alt waren. Alle litten unter einer Spastik der unteren Extremitäten sowie körperlichen Beeinträchtigungen. Auf der sogenannten Expanded Disability Status Scale, kurz EDSS, erreichten sie Werte zwischen 4 und 6,5. Die Skala von 0 bis 10 Punkten ermöglicht es Neurologen, das Ausmaß der Behinderungen und den Schweregrad der MS einzuschätzen.

Zum Beispiel kann ein Patient bei einer Punktzahl von 4 ohne Hilfe und Pause mindestens 500 Meter gehen und ist mindestens zwölf Stunden täglich trotz erheblicher Behinderungen aktiv. MS-Patienten mit einem EDSS-Wert von 6,5 benötigen dagegen beidseitig Hilfsmittel wie Krücken oder Stöcke, um rund 20 Meter ohne Rast zu gehen.

Die MS-Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Hälfte absolvierte drei Monate lang einmal wöchentlich eine Hippotherapie nach den Richtlinien des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten e.V. Die anderen stiegen nicht aufs Pferd. Alle Patienten setzten ihre bisherige MS-Therapie wie gewohnt fort.

Nach sechs und zwölf Wochen testeten die Forscher, ob sich das Gleichgewichtsgefühl verbessert hatte. Dafür setzten sie die sogenannte Berg-Balance-Skala (BBS) ein, die das Gleichgewichtsvermögen anhand 14 verschiedener Bewegungsaufgaben (jeweils 0 bis 4 Punkte) testet. Insgesamt lassen sich beim BBS-Test 56 Punkte erzielen. Zudem wollten die Forscher wissen, wie sich die Reittherapie auf die Fatigue, Schmerzen, Spastik und die allgemeine Lebensqualität auswirkte. Physiotherapeuten erhoben die jeweiligen Befunde. Sie wussten nicht, welcher Patient geritten war und welcher nicht.

Verbessertes Gleichgewichtsgefühl

Erste positive Effekte des Reitens beobachteten die Forscher um Vanessa Vermöhlen und Dieter Pöhlau schon nach sechs Wochen. Zwar besserten sich die Gleichgewichtsstörungen in beiden Gruppen, viel stärker aber bei Probanden, die eine Hippotherapie absolviert hatten. Nach zwölf Wochen waren die Effekte sogar noch stärker ausgeprägt. Auf der Berg-Balance-Skala erzielten die reitenden Probanden sechs Punkte mehr als vor der Pferdetherapie. In der Gruppe der Nichtreiter waren es nur 2,9 Punkte. Dieser große Sprung nach oben bei der Punktezahl sei für den Alltag der MS-Patienten sehr relevant, so die beiden Studienautoren.

Am stärksten von der Hippotherapie profitierte das Gleichgewicht von Patienten, die einen EDSS-Wert von mindestens 5 aufwiesen. Diese Patienten können etwa 200 Meter ohne Hilfe und Pause gehen. Aber auch die Fatigue, Spastik und das Lebensgefühl besserten sich bei den Reitern stärker als ohne die Bewegung auf dem Ross. Keinen Unterschied fanden die Forscher in puncto Schmerzen. Ein möglicher Grund könnte sein, dass die Angaben der Patienten zur Schmerzstärke zu Beginn und im Verlauf der Studie äußerst unterschiedlich ausfielen und die Werte sehr breit gestreut waren.

Positive Effekte auf die Psyche

Auch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) ist von der Hippotherapie überzeugt: "Bei neurologischen Krankheitsbildern wie der multiplen Sklerose ist sie in ihrer Wirksamkeit mit keiner anderen Therapie vergleichbar", schreibt die DMSG auf Ihrer Website. Das Reiten kräftige die Rumpfmuskulatur, aktiviere die Becken-, Hüft- und Lendenmuskulatur, verbessere die Koordination von Rumpf- und Beinmuskeln und schule die Wahrnehmung.

Nach einer Hippotherapie berichten viele MS-Patienten, sie könnten schneller gehen und hätten im Alltag mehr Ausdauer. Positiven Einfluss habe das Reiten zudem auf die Spastik, besonders des Rumpfs und der Beine. "Vor allem MS-Patienten, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, profitieren in hohem Maße von einer Hippotherapie", so die DMSG. Denn das Rumpftraining stabilisiert jene Muskelpartien, die auch die Funktion der Arme stärkt. Für Rollstuhlfahrer sind starke Rumpf-, Schultergürtel- und Armmuskeln wichtig. Daneben ist das Reiten im Grünen und der Kontakt mit Pferden auch gut für die Psyche und verbessert das allgemeine Wohlbefinden.

In der Regel keine Kassenleistung

Wer die Hippotherapie ausprobieren möchte, braucht keine Vorkenntnisse als Reiter. Patienten reiten nicht "aktiv", sondern reagieren nur im Rahmen ihrer motorischen Fähigkeiten auf die Bewegungen des Pferdes. Ein Wermutstropfen ist derzeit, dass MS-Patienten die Kosten für die Hippotherapie meist selbst tragen müssen. Sie ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen, weil die Wirksamkeit noch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt ist. Die Kassen prüfen aber in Einzelfällen.

Fragen Sie also am besten vorher nach. Wichtig ist, dass das Reiten keine andere MS-Behandlung ersetzt, sondern als Ergänzung zu verstehen ist.

Quellen:

Vermöhlen, V. et al.: Hippotherapy for patients with multiple sclerosis: A multicenter randomized controlled trial (MS-HIPPO). Multiple Sclerosis Journal (August 2017)

Online-Informationen zur Hippotherapie der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): www.dmsg.de (Abrufdatum: 23.3.2108)

Online-Informationen des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten e.V.: www.dkthr.de (Abrufdatum: 23.3.2018)

Hippotherapie vermindert Behinderung bei Multipler Sklerose. Pressemitteilung der Willi Drache Stiftung: www.willi-drache-stiftung.de (20.11.2017)

*Quelle: www.onmeda.de

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