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Alex, MS-Betroffener, 41 Jahre

Blog Starke Worte

Zu neuer alter Kraft durch Stellenreduzierung & Fitness

14 Minuten

Veröffentlicht am 30.01.2020  von  Alex

Stress rausnehmen, seine Energie im Auge behalten und mit seiner Kraft haushalten. Bei MS- Betroffenen sind diese Grundsätze sicher noch wichtiger als bei gesunden Menschen. Manchmal muss man Entscheidungen treffen und Veränderungen vornehmen, um sich selbst und seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. In meinem neuen Blogbeitrag möchte ich Euch darüber berichten, wie ich zu neuer Kraft gekommen bin, indem ich meine Arbeitszeit reduziert habe, und was sich dadurch für mich, vor allem gesundheitlich, verändert hat.

Die Ausgangssituation

Seit 2013 arbeite ich als Sozialarbeiter/Sozialpädagoge und bin hierbei vor allem begleitend und beratend tätig. Ich arbeite von Montag bis Freitag in Vollzeit. Für den Otto Normalverbraucher ist das sicher nichts Ungewöhnliches.

Meine überwiegend sitzende Tätigkeit am PC und die Unterstützung von Menschen, die Hilfe benötigen, macht mir sehr viel Spaß. Die Arbeit „am Menschen“ ist aber dennoch intensiv und anstrengend. Um gute Arbeit zu leisten, benötigt man neben dem fachlichen Wissen auch jede Menge Empathie und psychische Belastbarkeit. Mit der Zeit gab mir mein Körper Signale, dass ich etwas den „Fuß vom Gas“ nehmen sollte: Nackenschmerzen vom Sitzen, verstärkt durch den bestehenden Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule, stärker werdende Fatigue, Kopfschmerzen – ja, teilweise eine gewisse Gereiztheit, die immer unterschwellig in der damaligen Situation mitschwang. Ich will nicht sagen, dass ich mich von Woche zu Woche schleppte, aber um die Arbeitsfähigkeit auf dem bisherigen Niveau zu halten, biss ich mich durch und kehrte die „Wehwehchen“ zur Seite. Das alles ist auch mein Anspruch an mich selbst, man möchte schließlich gute Arbeit leisten. Dennoch bemerkte ich einfach, dass ich am Ende der Woche mehr und mehr, vor allem körperlich, an meine Grenzen gelangte und ich an den Wochenenden immer mehr Zeit zur Erholung brauchte.

Der Körper rebellierte

Die Wochenenden fühlten sich aber immer kürzer an, dennoch motivierte ich mich immer wieder aufs Neue. Mich selbst und andere motivieren kann ich, aber auch bei mir nur bis zu einem gewissen Grad. Es ist ja schließlich nicht nur der Kopf, der einen durchs Leben bringt, sondern auch der Körper. Wie sagt man im Volksmund: „Der Wille ist da, doch das Fleisch ist schwach.“

Wenn der Körper rebelliert, muss man sich auch manchmal eingestehen, dass es eben nicht immer geht, auch wenn man will.

Nicht falsch verstehen, ich bin generell dafür, sich selbst zu motivieren. Dies funktioniert auch meistens gut, aber auch bei mir gab es Phasen, in denen ich von der Arbeit heimkam und einfach nur fertig und platt war. Mein Körper schrie nach Pause und ich wurde im letzten Jahr immer öfter krank: grippaler Infekt, Schnupfen, Beschwerden an der Halswirbelsäule und sogar eine Lungenentzündung streckten mich nieder und ich fühlte mich zunehmend ausgelaugter. Freunden und Bekannten fiel das auch auf und sie meldeten einem oft zurück: „Bist du schon wieder krank? Das gibt es doch nicht.“ Es konnte auf Dauer so nicht weitergehen. Und so entschied ich mich, zumindest temporär, einen Antrag auf zeitliche Stellenreduzierung zu stellen.

Veränderung – der Plan

Manchmal muss man eben etwas verändern – auch beruflich. In vorangegangenen Blogs habe ich ja schon von meiner Umschulung berichtet. Das war die erste Veränderung, die ich beruflich vollzog. Diesmal geht es aber um den Arbeitsumfang in Stunden. Mir fiel auf, dass ich immer unfitter wurde und deshalb musste ein neuer Plan her.

Lange Zeit vorher habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, meine Arbeitszeit zu reduzieren, wollte aber nicht auf eine 75-Prozent-Stelle gehen, sondern nur ein paar Stunden in der Woche abgeben, sprich den Freitag (6 Stunden) zu reduzieren. Bei 75 Prozent hätte ich 10 Stunden reduzieren müssen, was ich mir finanziell aber nicht erlauben wollte. Deshalb hatte ich mich bisher dagegen entschieden.

Ich strebte an, einen Tag mehr frei zu haben – den Freitag hatte ich schon lange im Auge. Nicht nur, weil dieser ein längeres Wochenende bereiten würde und ich dadurch gestärkt in eine neue Woche gehen könnte, sondern schlicht und einfach auch, weil dieser auch der stundenmäßig kürzeste Tag in meiner Arbeitswoche ist. Also blieb ich an meinem Ziel hängen (meinem Traum), eine Stellenreduzierung durchzubringen, und stellte einen Antrag bei meinem Arbeitgeber.

Eine reduzierte Arbeitszeit bringt natürlich einen finanziellen Einschnitt mit sich, aber Geld ist nicht alles im Leben. Die Gesundheit ist wichtiger, denn die gibt Dir keiner mehr zurück. Und wenn meine Gesundheit nicht funktioniert, kann ich nachher vielleicht gar nicht mehr arbeiten gehen. Also auf was sollte man achten? Richtig, die Gesundheit. Dies muss man sich auf jeden Fall immer vor Augen halten.

MS-Betroffener Alex

Dann war es soweit

Dann endlich kam die Chance, mein Ziel zu erreichen, nach über anderthalb Jahren „sich durchbeißen“. Organisatorisch tat sich eine Chance auf. Ich konnte den Antrag auf die von mir gewünschte Reduzierung der Arbeitszeit aus gesundheitlichen Gründen stellen. Gott sei Dank habe ich einen so verständnisvollen Arbeitgeber, der dem Antrag zustimmte. Noch nie war ich nach einer Zusage so überglücklich gewesen. Ich bin so dankbar. Für mich begann ab dem Tag, wo es zur Realität wurde, ein neues Leben. Freitags frei! Langes Wochenende, mehr Zeit für Erholung. Gestärkt in eine neue Woche gehen. Wie geil ist das eigentlich? Endlich habe ich auch zwischendurch mal die Zeit, um zum Arzt zu gehen oder Dinge zu erledigen, für die ich erst spät Wochenende Zeit und Kraft fand, ohne mich dabei zu stressen. Endlich habe ich wieder genug Zeit, um aufzutanken und mit viel mehr Kraft in eine neue Woche zu gehen. Endlich habe ich Zeit, um meinem Körper und meiner Seele wieder das zurückzugeben, um mich weitestgehend gesund zu halten. Ich atme auf, bin motivierter, meine Stimmung ist viel besser und ich habe die Möglichkeit, meinen Körper wieder in Form zu bringen und fitter zu werden. Das alles kommt nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld und meiner Arbeit zugute. Selbst Arbeitskollegen fiel das auf. Ich bin dadurch zu neuer Kraft gekommen, lebe gesünder, bin viel besser drauf und war seitdem auch nicht mehr ein einziges Mal krank.

Fit, fitter, Firmenlauf

Sport ist Mord? Ganz im Gegenteil: Sport und Fitness sind vor allem auch bei MS wichtig. Mit neuer Motivation ging ich das Thema Fitness an. Und Fitness ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch für den Geist. Der über die Zeit angefressene Bauch musste auch wieder abtrainiert werden (lol). Zuerst begann ich mit Rehasport, dann nach und nach immer etwas mehr: Krafttraining an den Geräten und Ausdauertraining in verschiedenen Kursen meines Fitnessstudios, um mich zu steigern. Parallel dazu ging ich laufen und fuhr Fahrrad. Ich wurde wieder fitter und der Bauch wurde auch kleiner.

Absoluter Höhepunkt für mich war dieses Jahr der Firmenlauf, den ich tatsächlich bestritt: 5 Kilometer – die bin ich in meinem Leben noch nie an einem Stück gelaufen! Es war heiß in Dillingen-Saar am Tag des Laufs und es waren Tausende von Menschen dabei. Und ja, ich hab es geschafft – ich lief durchs Ziel, wenn auch nicht in Bestzeit ;-). Darum geht es aber nicht. Mein Ziel war es, durchs Ziel zu laufen. Ich wollte es schaffen und hab es geschafft. Dies wäre sicher nicht möglich gewesen, wenn ich vorher nicht die Stelle reduziert hätte und mit Fitness begonnen hätte. Deswegen bin ich heute noch dankbar für die damalige Zustimmung zur reduzierten Arbeitszeit.

Manchmal lohnt es sich beharrlich zu bleiben und an Zielen und Träumen festzuhalten, denn die sind es, die uns immer wieder neu motivieren und mit neuer Kraft versorgen.

Fazit

Man muss Körper und Geist als MS-Betroffener immer im Auge behalten und sich nicht allzu viel Stress aufhalsen. Gesundheit im Leben ist wichtiger als Geld. Gesundheit gibt Dir niemand mehr zurück, wenn man sie nicht im Auge behält. Achte auf Dich und Deine Gesundheit. Das Leben besteht aus viel mehr als nur aus Arbeit. Wenn es möglich ist und sich die Chance auftut, auch wenn es ein finanzieller Verlust ist, reduziere Deine Arbeitszeit – es ist ein Gewinn für Deine Gesundheit. Schaffe Dir freie Zeit und tue Dir und Deinem Körper etwas Gutes in Deiner Freizeit. Beweg Dich. Es wird Dir und Deinem beruflichen sowie privaten Umfeld gut tun.

Mir geht es seitdem wirklich gut, ich bin wesentlich fitter und dadurch zu neuer alter Kraft gekommen.

Grüße Euer Alex

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