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Nicole, MS-Betroffene, 48 Jahre

Blog Starke Worte

Wie ich meine Mobilität wiederfand

10 Minuten

Veröffentlicht am 04.03.2021  von  Nicole

Es ist nicht immer alles Sonnenschein. Wie Ihr ja alle aus meinen vorherigen Berichten erfahren habt, ist das Leben mit MS nicht immer einfach. Auch mich haben schon einige Schübe in die Knie gezwungen. Aber wenn man an sich arbeitet, kommt man auch wieder auf die Sonnenseite des Lebens trotz MS – das ist meine Erfahrung.

Von ganz unten nach oben

Bei meinem letzten Schub war ich echt ganz unten, ich konnte nur noch am Stock laufen und da hätte mich noch eine Schnecke überholt. Auch beide Arme waren taub und kraftlos. Ich muss keinem sagen, was das für ein mieses Gefühl ist. Das Gedankenkarussell fängt an, sich wie wild zu drehen und findet kein Ende: „Kann ich je wieder laufen, greifen?“ und und und… Dann spielt die Psyche eine ganz große Rolle: Ich zog mich total zurück und dachte: „Das war’s. Jetzt musst Du in den Rollstuhl und bist immer auf die Hilfe von anderen angewiesen.” Ich war in kurzer Zeit echt ganz unten, aber da wollte ich nicht bleiben. Ich wollte wieder nach oben. Also habe ich alles getan, was in meiner Macht stand. Als erstes war die Kortisontherapie das Wichtigste für mich. Es dauerte Wochen, bis ich langsam eine Besserung spüren konnte. Aber wie heißt es immer so schön? Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Langsam konnte ich an Krankengymnastik denken – auch wenn diese nur in Mini-Schritten zu bewältigen war. Denn jede Übung forderte all meine Kraft. Oft hatte ich auch Schmerzen dabei. Mit Tränen in den Augen dachte ich: „Nicole, Du schaffst das! Das musst Du einfach!”

MS-Betroffene Nicole im Wald

Aufgeben ist keine Option

In den folgenden Wochen ging ich also fleißig zur Krankengymnastik. Am Anfang musste ich mich noch fahren lassen, obwohl es nur drei Minuten von meiner Wohnung entfernt ist. Aber im Laufe der Zeit habe ich es zwar langsam, aber schließlich doch geschafft, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Das war ein toller Erfolg für mich. So ging es immer weiter und weiter. Auch zuhause zu üben war sehr wichtig für mich in der Zeit. Oft bin ich an meine Grenzen gegangen, aber ich wollte ja meine Mobilität wiederherstellen.

Übung macht den Meister

Auch dieses Sprichwort hat seinen Sinn, denn je mehr man übt, umso besser wird man. Ich habe in der Zeit viel Ergotherapie gemacht, denn das Greifen ging sehr schlecht. Also habe ich Erbsen und Linsen ausgelesen. Das war sehr, sehr mühsam und anstrengend, aber je mehr ich übte, desto besser funktionierte es. Die Therapeuten gaben mir weitere ganz tolle Tipps:

  • Bäder mit warmem und kaltem Wasser
  • Steckspiele (eine tolle Übung!)
  • mit Wachsmalstiften Kreise malen
  • einfach nur die Wäsche zusammenlegen
  • Paraffinbad für die Hände (Das kann ich nur empfehlen – ich habe es mir sogar für zuhause gekauft!)

Als ich das Laufen lernte

Oft war auch ich in dieser Zeit müde und lustlos, wenn es nicht alles so lief, wie ich wollte. Es dauert eben alles seine Zeit, bis man wieder dorthin kommt, wo man vor einem Schub war. Ich habe in dieser schwierigen Zeit viel gelernt: Es ist nicht alles selbstverständlich. Man kann und muss auch etwas dafür tun. Bei meinem Reha-Aufenthalt habe ich sehr nette Menschen um mich gehabt, die viel gewandert sind. Ich war nie so der Läufer. Aber dort habe ich mich der Gruppe angeschlossen. Anfänglich war es anstrengend für mich, aber je mehr ich mich daran beteiligte, desto leichter wurde es. Ich fand so viel Gefallen daran, dass ich letztlich jeden Tag mit jemanden freiwillig laufen ging. Am Ende der Reha-Maßnahme habe ich sogar den Weg in den Ort, der weit entfernt und sehr steil war, mit Bravour bewältigt.

MS-Betroffene Nicole auf dem Fahrrad

Wer rastet, der rostet

Ja, auch in diesem Satz ist viel Sinn. Ich möchte meine Mobilität erhalten und sogar verbessern. Das ist für jeden wichtig – mit oder ohne MS. Ich habe alte Gewohnheiten abgelegt, zum Beispiel nutze ich heute nicht mehr so häufig das Auto. Jetzt laufe ich viel, gehe mit meiner Enkelin im Kinderwagen spazieren, was mir sehr viel Freude macht. Ich gehe mit meinem Mann wandern: in der Natur schöpfe ich viel Energie und Kraft. Auch fahre ich viel mit dem Fahrrad: ich habe ein E-Bike, dessen Motor ich aber nur dazuschalte, wenn es mir zu anstrengend wird. Mein Mann ärgert mich und meint ich sei ein “Akku-Schoner”. Ich bin schon fast süchtig nach Bewegung: Je weiter, desto lieber. Denn es tut mir so gut, zu wissen, dass ich noch aktiv sein kann und trotz MS voll im Leben stehe.

Ziel erreicht: Du tust es für Dich

Zum Schluss möchte ich Euch einfach nur den Rat mit auf den Weg geben: Egal, was Ihr tut – und sei es ein noch so kleiner Mini-Spaziergang ums Haus oder aber auch eine große Wanderung: Alles ist besser, als nichts zu tun. Bleibt so oft und gut es geht in Bewegung, denn Ihr tut es für Euch und Eure Gesundheit.

Ich hoffe, ich konnte Euch einige Tipps mit auf den Weg geben, was Ihr für Eure Mobilität tun könnt. Es muss nicht immer der Therapeut sein, der Euch hilft, denn auch schon kleine Dinge im Alltag haben oft eine große Wirkung. Ihr müsst sie nur kontinuierlich machen. Und alles, was Spaß macht, geht leicht und tut gut. Ich denke, jeder kann etwas finden, das genau für ihn geeignet ist. Einfach mal ausprobieren.

Bis bald

Eure Nicole

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