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Steffi B., MS-Betroffene, 44 Jahre

Blog Starke Worte

Floskel oder echtes Interesse: „Wie geht es Dir?“

10 Minuten

Veröffentlicht am 16.04.2020  von  Steffi B.

Hallo Ihr Lieben, heute gibt es von mir einen Beitrag über ein Thema, das mich schon öfters gereizt hat. Die leicht dahingesagte Frage „Wie geht es Dir?“. Die Frage kennt Ihr sicher alle. Könnt und wollt Ihr sie immer so leicht beantworten? Ich nicht!

Mit der Zeit muss man einfach lernen, wer die Frage aufrichtig meint und wer nicht. Neulich bei mir auf der Arbeit: Ein Kunde kommt zur Tür herein, ich kenne ihn bestimmt schon seit 20 Jahren, und er fragt: „Und?“ Ich antworte: „Alles gut.“ Er darauf: „Weitermachen!“. Für Odenwälder klingt das dann so: „Un?“, „Alles goud“, „Weidermache“. Fünf Worte, mit denen alles gesagt ist. Man könnte jetzt denken: Wie reden die denn miteinander?! Aber wir kennen uns schon lange und er war selbst sehr krank, inklusive Nahtoderfahrung. Das heißt, wir haben schon öfters ernsthafte Gespräche geführt und ich weiß, dass er wirklich wissen möchte, wie es mir geht.

Schauen sie bei der Frage an Euch vorbei?

Auch das kennt Ihr sicher selbst recht gut: Ihr werdet gefragt, wie es Euch geht und Ihr wisst nicht, ob es den Gegenüber wirklich interessiert oder ob es nur der Einstieg ist, um von sich selbst zu erzählen. Schauen sie bei der Frage an Euch vorbei? Sind sie mit den Gedanken schon einen Schritt weiter oder bleiben sie wirklich vor Dir stehen, schauen Dich an und hören Dir zu? Jetzt kann jeder entscheiden, welche Antwort er geben mag: Ein simples „gut”, oder doch etwas ausführlicher. Am Anfang der Diagnose, als noch viele nachfragten, habe ich auch ausführlicher geantwortet – wenn ich denn zu Wort gekommen bin. Denn ganz oft wurde ich mit den Leiden der anderen – entschuldigt bitte – zugequatscht.

Mit Grabesstimme und Mitleid im Ton – als sei Gott weiß wer gestorben

Dazu kommt dann noch die Sensationslust, Neugierde, die üblichen Dorfgespräche, die ja auch bedient werden wollen. Viele kennen es: Bei einem Schub kann man schlecht oder gar nicht laufen, man sitzt im Rollstuhl, sprich: Man kann sehen, wie es einem geht. Dann diese leichten Berührungen am Arm, mit Grabesstimme und Mitleid im Ton. Das „Wie geht es Dir?“, das sich anhört, als sei Gott weiß wer gestorben. Also nein, wie bitte soll man denn da wahres Interesse aus so einer einfachen Frage erkennen? Dann gibt es noch diejenigen, die auf ein „Mir geht es gut” noch einmal nachfragen. Wo ein „Und wirklich?“ die nächste Frage ist, weil sie merken, dass da was nicht stimmt.

MS-Betroffene im Gespräch

Na, wieder gesund?

Hier noch eine kleine Story von der Arbeit: Ich war fast vier Wochen zu Hause. Die Beine taub vom kleinen Zeh bis zur Hüfte. Mehr muss ich Euch nicht erzählen – alles, was dazugehört, kennt Ihr selbst. Ich bin also wieder im Geschäft. Habe sieben Kilo weniger als vorher, sprich man kann wieder sehen, dass etwas nicht stimmt. Ein Kunde fragt: „Na, wieder gesund?“, in einem Tonfall, der sich anhört als hätte ich blau gemacht und einfach keine Lust zu arbeiten. Ich antworte: „Nein, und ich werde es auch nicht mehr!“ Das Kinn fällt bis auf die Brust und es kommt ein entsetztes „Ach je, was hast Du denn?“ Auf solche Fragen gebe ich mittlerweile nur noch kurze, ausweichende Antworten.

Keine leichte Antwort, aber eine hilfreiche

Denn irgendwann beginnt man zu sortieren und aufzupassen, aufmerksamer zu werden und im schlimmsten Fall gar nichts mehr zu sagen. Wenn man sich aber mal mit anderen erkrankten und auch gesunden Menschen zu dem Thema unterhält, stellt man schnell fest: Denen geht es ja auch so! Wenn man diese Menschen gefunden hat, kann aus einem schnell gefragten „Wie geht es Dir?“ vielleicht nicht immer eine einfache Antwort werden, aber vielleicht eine hilfreiche. Wenn man nämlich anderen zuhört und sie ausreden lässt, kann das für einen selbst manchmal auch hilfreich sein.

Deshalb habe ich beschlossen, die Frage in Zukunft über mich ergehen zu lassen und mich nicht mehr an mangelndem Interesse an mir zu ärgern. Besser hinzuhören und versuchen herauszuhören, ob meine Antwort eigentlich erwünscht ist. Mit der Zeit merkt man doch recht schnell, wen es wirklich interessiert, wer nur anstandshalber fragt oder nur seine eigene Geschichte loswerden möchte. Wie Ihr Euch sicher denken könnt, bin ich den ganzen Tag bei der Arbeit unter anderem mit Reden beschäftigt. Natürlich stelle ich die Frage „Wie geht es Dir?“ auch sehr oft, aber nur noch Menschen, von denen ich wirklich wissen will, wie es ihnen geht. Denn ganz ehrlich, ich war doch früher auch nicht besser. Es ist einfach eine gute Frage, um in ein Gespräch einzusteigen.

Nicht alles ist schlecht, nur weil ich MS habe

Wenn dann aber wirklich jemand vor mir steht, der eine ehrliche Antwort von mir erwartet, traue ich mich mittlerweile auch eine ehrliche Antwort zu geben. Außerdem geht es mir ja auch nicht immer schlecht. Bei einem „Wie geht es Dir?“ muss man ja nicht immer davon ausgehen, dass alles negativ ist. Denn wenn es mir gerade gut geht, kann ich das ja auch mitteilen und muss mich deshalb nicht verstecken. Nur weil ich MS habe, heißt das nicht, dass ich jeden Tag mit nichts anderem beschäftigt bin als mit meinem Leid. Nein, im Gegenteil: Die meiste Zeit geht es mir gut und sollte mich der Nächste fragen, wie es mir geht, werde ich lustig und fröhlich antworten. Und auf dieses Gesicht bin ich dann mal gespannt!

Ihr Lieben, in diesem Sinne, bleibt positiv und findet heraus, wer Euch guttut. Danke für Eure Zeit!

Liebe Grüße

Eure Steffi

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