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Steffi B., MS-Betroffene, 44 Jahre

Blog Starke Worte

Glücklich sein mit MS erfordert Geduld

9 Minuten

Veröffentlicht am 05.08.2020  von  Steffi B.

Hallo, Ihr Lieben! Heute habe ich wieder ein Thema, das wir alle nur zu gut kennen: In einer Welt, in der alles perfekt sein muss, wo jeder seinen Platz hat, an dem er funktionieren und immer erreichbar sein soll, gibt es uns: die Nicht-Perfekten. Die mit Handicap. Die, die sich anstrengen können, soviel sie wollen – wir können da nicht mithalten. Aber wir müssen es, laut Gesellschaft, tun. Ich denke, ich spreche für viele, wenn ich sage: „Ich möchte nicht nur müssen, nein, ich möchte mit meinem Leben, mit meiner MS einfach nur glücklich sein.“

Geduld – wo bist du?

Früher und vielleicht auch heute noch sah mich der ein oder andere als „Superwoman“. Ja, ich konnte viele Dinge auf einmal erledigen. Ich habe stundenlang Sport gemacht und nebenbei noch den Haushalt erledigt und dazu noch Vollzeit gearbeitet. Das alles geht jetzt nicht mehr und trotzdem will ich so normal wie möglich leben. Der Schlüssel dazu heißt da wohl: Geduld. Geduld, die ich aufbringen muss, wenn die Fatigue wieder mal zuschlägt. Geduld, wenn ich was unternehmen möchte und es nach der Arbeit nur noch bis unter die Dusche schaffe. Geduld mit meinem Umfeld, dem ich wieder einmal absagen muss. Geduld war noch nie meine große Stärke. Wozu auch? Ich konnte das ja alles. Schon immer ist mein Motto: „Ich muss gar nichts, außer irgendwann einmal sterben.“

Glücklichsein mit MS erfordert Geduld

Müssen, will ich das?

Nun sieht es mit dem Müssen etwas anders aus. Ich muss schauen, was ich wann erledigen kann. Wem muss ich erzählen, wie es mir geht? Wem kann ich vertrauen? Von wem muss ich mich trennen? Ganz schön viele „müssen“ auf einmal! Da ich davon keine allzu große Ahnung hatte, musste (da ist es schon wieder) ich herausfinden, wer mir dabei helfen kann, mich in meinem neuen gehandicapten Leben zurechtzufinden. Aber auch, wer in diesem neuen anderen Leben keinen Platz mehr hat. Menschen, die mir guttun, mir beistehen, auch wenn ich ihnen noch so auf den Nerv gehe, fanden sich recht schnell. Es sind die Menschen in meiner direkten Nähe: mein Partner, meine Mum, meine Schwiegermutter … Nur da gibt es auch diejenigen, die mir nicht guttun. Die nur aus Gewohnheit fragen, wie es mir geht. Von denen immer die Antwort kommt: „Das habe ich auch.“ Wie soll ich mich von denen trennen, ohne jemandem auf die Füße zu treten? Denn eines muss ich ganz deutlich sagen: Ich möchte niemanden verurteilen, kritisieren oder schlecht machen. Jeder geht mit seinem Leben anders um und das ist für mich in Ordnung. Ihr kennt ja bestimmt den Vergleich mit der Zugfahrt: Der Zug fährt mit der Geburt los. Das Ziel ist das Sterben. Wie lange die Fahrt dauert, ist bei jedem anders. Die Passagiere sind Menschen, die uns in unserem Leben begleiten: Familie, Freunde, Bekannte. Mit manchen fährt man sein Leben lang, mit anderen nur Etappen, die wiederum unterschiedlich lang sein können. Und deshalb ist es völlig ok, wenn diejenigen, die mir nicht gut tun beziehungsweise mit meiner MS nicht klarkommen, wieder aussteigen.

Können kann man lernen

Mich auf jeden so einzustellen, dass es für alle passt, hat mich in den letzten fünf Jahren viel Zeit gekostet. Denn zu wissen, dass man Entscheidungen treffen muss, ist eine Sache. Das auch zu können, ist eine andere. Und das Glücklichsein darin zu sehen, das musste ich erst einmal lernen. Im Großen und Ganzen habe ich das bis heute ganz gut geschafft. Man kann nicht alles Negative um sich herum in Luft auflösen, mit manchen Dingen muss man sich arrangieren. Aber so, wie es jetzt ist, kann und darf ich mich auf mich konzentrieren. Ich kann wieder klarer sehen, habe einen freieren Kopf und ein leichteres Herz. Ich mache wieder Sport, wenn auch etwas dosierter. Ich erledige wieder alles, was ich mir vorgenommen habe. Mit einem größeren Zeitplan. Ich mache meine Arbeit gerne, bin aber auch gerne zu Hause. Ich habe gelernt, nicht immer jedem alles recht machen zu müssen und kann auch mein Handy ganz gut ignorieren.

Ich habe das „Müssen“ in „Können“ verwandelt und die große Katastrophe ist tatsächlich ausgeblieben. Mein Partner ist noch bei mir (dickes Danke an dieser Stelle!), ich habe immer noch Freunde und einen Job. Auch wenn es mir nicht leicht fällt, über mich selbst zu urteilen, möchte ich doch sagen, dass mir das alles recht gut gelungen ist! Es hat schon seine Zeit gebraucht, bis ich wieder ich geworden bin. Ein neues anderes Ich, ohne mich dabei zu verlieren. Ich bin mit mir und meinem gehandicapten Leben zufrieden, glücklich, und ich glaube, das strahle ich auch aus. Denn von meinen Lieben um mich herum bekomme ich das auch zurück: Sie fragen mich nicht jeden Tag aufs Neue, wie es mir geht. Im Gegenteil, immer wieder kommt auch mal der Satz: „Man vergisst manchmal, dass du krank bist.“ – Ein größeres Kompliment kann man als chronisch Kranker doch gar nicht bekommen!

Aus einer Welt voller „müssen“ in eine Welt aus „können“ zu gehen, erfordert definitiv viel Geduld. Wenn am Ende aber ein „Glücklichsein“ steht, lohnt es sich, genau diese zu haben!

Ich wünsche Euch ganz viel „Glücklichsein“! Habt dafür ein bisschen Geduld!

Danke für Eure Zeit und bis bald

Eure Steffi

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