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Nicole, MS-Betroffene, 47 Jahre

Blog Starke Worte

Der lange Weg zum Glück

15 Minuten

Veröffentlicht am 20.08.2020  von  Nicole

Wie ich in meinen vorigen Beiträgen bereits vielfach berichtet habe, hatte ich in den letzten Jahren mit einigen körperlichen und auch privaten Problemen zu kämpfen. Diese sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. All das hat dazu geführt, dass ich mich total leer und ausgebrannt fühlte. Also habe ich im Frühjahr 2019 bei der Rentenversicherung eine stationäre Reha beantragt, um mir eine Auszeit zu ermöglichen und professionelle Unterstützung zu holen. Doch es hat nicht lange gedauert, bis die erste Absage kam. Da ich seit 2010 die volle Erwerbsminderungsrente beziehe und nicht mehr am Arbeitsleben teilnehmen kann, sei die Rentenversicherung nicht zuständig, was ich auch verstehe. Also habe ich einen neuen Antrag an meine Krankenkasse gestellt.

Die Zeit verging und mir ging es immer schlechter – dann kam die zweite Absage, mit der Begründung: Eine Reha würde nicht zur Heilung meiner MS beitragen. Und dabei weiß doch jeder Mensch mit MS selbst, dass Multiple Sklerose bisher nicht heilbar ist! Doch ich war überzeugt, eine Reha könnte meine Symptome lindern und mir bei der Bewältigung meiner MS helfen. Also habe ich Einspruch eingelegt. Es dauerte und dauerte. Ständig rief ich bei meiner Krankenversicherung an, um nachzufragen, wie der aktuelle Stand ist. Doch niemand fühlte sich zuständig. Ich gab nicht auf, suchte alle erdenklichen Unterlagen wie MRT-Bilder und sonstige Befunde zusammen, reichte sie zusätzlich ein und erläuterte meine besondere Situation. Ich war echt am Boden. Dann bekam ich endlich doch die Zusage – nach zwei Ablehnungen und fast einem Jahr, das verstrichen war, konnte ich 2020 nun doch zur Reha. Halleluja! Also: Gebt nicht auf, sondern kämpft für Euer Recht.

Endlich angekommen

Es war eine tolle Klinik: schöne Zimmer, eine große Auswahl an Speisen, das Team ging auf alle Bedürfnisse ein (in Bezug auf Schonkost, Vollkost, Allergien usw.). Es waren viele Therapeuten, Neurologen, Psychologen, Schwestern und andere Experten vor Ort. Für jeden einzelnen Teilnehmer wurde eine Aufnahmekonferenz mit den behandelten Ärzten und Therapeuten durchgeführt. Ich stellte mich vor, erzählte von meinen Problemen und welche Erwartungen ich an die Reha habe. Daraufhin erarbeitet das Team einen persönlichen Plan – das fand ich total klasse. Denn jeder ist einzigartig und hat individuelle Ansprüche und Bedürfnisse.

Zeit nur für mich

Jeden Freitag bekam ich den Plan für die folgende Woche. Meiner bestand aus diesen regelmäßigen Anwendungen:

  • Einzelgespräche mit einem Psychologen
  • Gruppengymnastik
  • Ressourcengruppe
  • Qi-Gong
  • Wassergymnastik
  • Schwimmen
  • Ergotherapie (zum Beispiel Töpfern oder Malen)
  • Rückenschule
  • Kochkurs
  • Lymphdrainage
  • Massage
  • Paraffinbad
  • Vorträge (zum Beispiel zum Thema Rente, Glaubensfragen, Ernährung oder Stressbewältigung).

Das hört sich alles nach sehr viel an, war aber zu bewältigen. Da das Frühstück immer um 7 Uhr anfing, hatte man viel vom Tag. Wenn es jemandem einmal nicht so gut ging, reichte natürlich eine Entschuldigung. Es waren echt tolle Anwendungen, die mir so gut taten – vor allem das Paraffinbad kannte ich bis dahin noch nicht. Da ich durch meine MS Probleme mit den Händen beim Schreiben habe, habe ich es mir öfter auf die Liste zu behandelnder Symptome setzen lassen. Dabei habe ich meine Hände jeweils für 10 Sekunden in Eiswasser getaucht, dann kurz trocken getupft und sofort wieder ins 60 Grad heiße Paraffin gelegt. Dabei bildet sich ein Film auf der kompletten Hand, den ich einfach abziehen konnte. Das Ganze sollte ich 4-mal wiederholen, um die Durchblutung zu fördern und so Blockaden zu lösen. Es war eine Wohltat für meine Hände. Nach der Reha fiel mir das Schreiben viel, viel leichter – zuvor ging das nur unter Schmerzen und Krämpfen.

Innerlich Angekommen

Das Gefühl, zuhause immer für jeden erreichbar sein zu müssen, kennen bestimmt viele. In der Reha hatte ich mein Handy jedoch in einen Tresor gelegt und nur einmal am Tag rausgeholt – ein tolles Gefühl. Auch wenn ich es vorher nie geglaubt hätte: Mein Handy ist ein wahrer Stressfaktor für mich. In der Reha wurde ich von Tag zu Tag innerlich ruhiger und meine Schlafprobleme lösten sich nach nur einer Woche in Luft auf. Ich war morgens um 6 Uhr erholt und total zufrieden. Auch die Gesprächstherapien haben zu diesem Gefühl beigetragen.

In den Gesprächen merkte ich immer wieder, wie wichtig es ist, achtsam zu sein und auf sich und auf seinen Körper zu hören – gerade bei MS. Es tat so gut, all die Anwendungen zu bekommen und zu genießen und sonst für rein gar nichts sorgen zu müssen. Nur ICH zählte.

Der schönste Tag

Wie so oft bildeten sich Gruppen unter den Teilnehmern und ich muss sagen: Wir waren so eine klasse Truppe! So viel gelacht hatte ich die ganzen letzten Jahre nicht mehr – und Lachen ist bekanntlich die beste Medizin. Wir liefen täglich zusammen in die Stadt, bummelten dort und tranken Kaffee oder gingen in der Natur wandern. Dabei sprachen wir auch oft über unsere ganz persönlichen Probleme. Das trug dazu bei, dass wir uns verstanden fühlten. Denn jeder hatte sein Päckchen zu tragen.

Einmal wöchentlich wurden Ausflüge angeboten, für nur 15 bis 20 Euro inklusive einer Stadtführung. Einmal fuhren wir nach Erfurt: eine tolle Stadt, in der es echt viel zu sehen gibt und die immer in Bewegung ist. Unsere nächste Tour ging zur Wasserkuppe. Als wir ankamen, traute ich meinen Augen nicht: Schnee, überall Schnee – ich liebe Schnee. Wir sind wie kleine Kinder herumgetobt, haben eine Schneeballschlacht gemacht und Schneemänner gebaut. Während ich so einen Schneeengel machte, schaute ich in den Himmel und war einfach glücklich. In diesem Moment kannte ich keine Sorgen – das vergesse ich nie.

Der Abschied

Die Zeit verging wie im Flug und die ersten 3 Wochen waren schon fast vorbei. Mein Arzt bat mich zu einem Gespräch, denn er wollte eine Verlängerung der Reha beantragen, da ich gute Fortschritte machte. Doch da ich über die Krankenkasse an der Reha teilnehme und diese in der Regel nur 3 Wochen Aufenthalt bewilligt, brach Panik in mir aus. Ich fühlte mich so wohl und wollte noch nicht Heim – das hätte ich nie geglaubt. Nach nur drei Wochen hatte sich all das Erlernte bei mir noch nicht genug gefestigt, sodass ich es daheim hätte umsetzen können. Der Arzt schrieb einen Brief an meine Krankenkasse und bat um eine Verlängerung, machte mir aber wenig Hoffnung. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, rief selbst bei der Krankenkasse an und erklärte mein Anliegen. Und Gott sei Dank: Nach vielen Telefonaten erhielt ich die Zusage für eine Verlängerung um zwei weitere Wochen.

Als die 5 Wochen fast vorbei waren, hatte jeder noch ein Abschlussgespräch mit seinem Arzt. Mir wurde klargemacht: Wenn ich in meinem Leben immer so weiter mache, ständig 100 Prozent zu geben, wird mein nächster MS-Schub deutliche Spuren hinterlassen. Ich sollte mehr Pausen und Ruhe in meinen Alltag einbauen sowie Dinge unternehmen, die mir und meiner Psyche guttun. Am Tag der Abreise ging ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Natürlich freute ich mich auf meinen Mann, meine Enkelin und meine gesamte Familie, aber die Reha-Truppe war mir echt ans Herz gewachsen. Ich hatte so nette Menschen kennengelernt: Wir haben viel zusammen gelacht und auch geweint, ganz nach dem Motto: Einer für alle, alle für Einen. Das war ein toller Zusammenhalt. Auf alle Fälle wollen wir uns wiedertreffen, das ist sicher. Bis jetzt hat Corona uns dabei leider einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber wie man so schön sagt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Zuhause angekommen

In den ersten Wochen nach der Reha habe ich mir noch viel Ruhe gegönnt. Mein Mann kaufte mir ein Paraffinbad für meine Hände – das tut so gut, das empfehle ich jedem. Wir fahren viel Fahrrad und auch das Laufen habe ich beibehalten – dass es so viel Spaß macht, hätte ich nie gedacht. Die Natur hilft mir, zu entspannen und abzuschalten. Nur ertappte ich mich gerade beim Schreiben, dass ich schon wieder auf dem Weg bin, 100 Prozent geben zu wollen und lieber einen Gang zurückschalten sollte.

Es ist nicht alles genauso umsetzbar, wie ich es in der Reha gesagt bekommen habe. Denn dort war ich in der besonderen Situation, mich einmal nur um mich selbst kümmern zu müssen. Doch zuhause sieht das wahre Leben mit Haushalt, einkaufen, Arztbesuchen und und und ein wenig anders aus. Aber die Gesundheit geht vor! Ich gebe jetzt alles dafür, dass es mir gutgeht.

Denn ein Gesunder hat viele Wünsche, ein Kranker nur Einen. Denkt mal darüber nach!

Bis bald

Eure Nicole

MS-Betroffene Nicole in der Reha

MS-Betroffene Nicole in der Reha

MS-Betroffene Nicole in der Reha

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