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Carsten, MS-Betroffener, 50 Jahre

Blog Starke Worte

Bin ich als MS-Betroffener weniger wert?

8 Minuten

Veröffentlicht am 17.03.2021  von  Carsten

Eigentlich ist das eine komische Frage. Wieso sollte ich weniger wert sein, für etwas, was ich selber gar nicht haben will oder wollte. Denn mal ehrlich: Wer wünscht sich eine schwere Krankheit? Egal ob es wie in meinem Fall die Multiple Sklerose ist oder eine andere chronische Erkrankung wie Diabetes, Morbus Crohn, etc. Oder denken wir an Krebs: Wer wünscht sich Krebs? Genau – niemand. Und trotzdem bekommen Menschen wie Du und ich diese Krankheiten. Aufgrund dieser schweren Erkrankungen sind wir einfach nicht mehr so leistungsfähig wie ein gesunder Mensch – Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

Positiver Aspekt für den Arbeitgeber

Wenn wir es positiv sehen wollen: Aufgrund der Tatsache, dass wir als Menschen mit Behinderung oftmals früher in Rente gehen, machen wir Platz für andere und schaffen somit Arbeitsplätze. Also unterstützen wir im Umkehrschluss sogar die Wirtschaft ;-) Unsere Nachfolger sind in der Regel leistungsfähiger, also ist dem Unternehmen damit durchaus geholfen. Abgesehen von der Schwerbehindertenquote…

Mein Chef hatte vollstes Vertrauen in mich

In diesem Punkt hat mich mein damaliger Chef auch einmal positiv überrascht: Wir haben für unser Unternehmen einen neuen Großkunden gewinnen können und aufgrund der Größenordnung war ein Projektleiter notwendig. Er fragte mich, welcher Mitarbeiter aus meiner Sicht in Frage kommen könnte. Meinen Vorschlag hat er allerdings schnell abgeschmettert und stattdessen meine Person ins Spiel gebracht. Mein Argument mit meinen Beeinträchtigungen hat er dahingehend weggewischt, dass er meinte, andere Personen im Unternehmen haben zwar meine Erkrankung nicht, bringen aber auch nicht das gewünschte Fingerspitzengefühl, welches für dieses Projekt notwendig war.

Ich kann recht gut mit Menschen kommunizieren – auch mit höher gestellten Personen. Ich bin also nicht unbedingt auf den Mund gefallen und denke, dass genau das der ausschlaggebende Punkt gewesen ist – ebenso wie meine analytischen Fähigkeiten, falls nicht gerade die Kognition dazwischen grätscht...

Auf der einen Seite war ich natürlich stolz, auf der anderen Seite hatte ich allerdings auch ein wenig Bedenken, was meine Leistungsfähigkeit, speziell die Konzentration, anbelangte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Arbeitszeit ja schon seit Jahren auf sechs Stunden pro Tag reduziert. Dies konnte während der Projektphase (anberaumt waren vier bis sechs Monate) natürlich nicht mehr funktionieren. Da mein Chef und ich in einem Büro zusammengesessen haben, hat er mir hier auch seine Hilfe und Unterstützung angeboten, also war das Thema damit durch.

Im Endeffekt war das ganze Projekt schon recht anstrengend und zehrte an den ein und anderen Stellen auch arg an den Nerven, da nicht jeder der anderen Kollegen so mitgezogen hat, wie es hätte sein können und sollen. Aber letztendlich hat alles funktioniert und der Kunde ist nach wie vor bei meinem alten Arbeitgeber.

MS-Betroffener Carsten betrachtet ein Gemälde

Aber wie bin ich überhaupt auf diese Frage gekommen?

Eigentlich braucht man sich die oben erwähnte Frage gar nicht stellen. Dennoch kann es passieren, dass im Laufe der Erkrankung bei dem ein oder anderen die Frage, ob man weniger wert ist, auftaucht. Das ist einfach bzw. war zumindest bei mir der Fall.

Als ich meiner Schwiegermutter das Thema zu meinem neuen Beitrag sagte, hat sie erst einmal kräftig mit dem Kopf geschüttelt und meinte: Das ist doch totaler Quatsch, dem ist nicht so.

Die Antwort zur Frage ist ganz einfach: Wenn man nicht mehr Vollzeit arbeiten kann bzw. wie ich mit 50 Jahren voll berentet ist, kann und darf man sich diese Frage durchaus stellen. Man fühlt sich einfach nicht mehr „vollwertig“, zumindest was das berufliche Leistungsvermögen anbelangt. Wenn man oft unkonzentriert ist oder Dinge vergisst, dann schaut man durchaus zurück und stellt fest: Das hatte ich vor der Erkrankung nicht und dann fängt man an zu grübeln.

Lass die Leute reden...

Um eins vorweg zu nehmen: Egal was andere Leute sagen, MS-ler oder auch andere Menschen mit Behinderung sind nicht mehr oder weniger wert wie andere, nicht eingeschränkte Menschen. Ich sage es einfach mal so: Menschen mit Behinderung sehen und leben einfach intensiver, sind oft in vielen Dingen des Lebens toleranter und auch entspannter. Zumindest ist es so bei mir und den Menschen, welche ich durch meine MS kennengelernt habe. Gerade weil wir nicht mehr so aktiv am Arbeitsleben teilhaben können, bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, weniger wert zu sein. Wir stellen eher eine Art Gleichgewicht in der Gesellschaft dar.

Es ist alles eine Frage des Selbstbewusstseins und hier gilt es, dran zu arbeiten. Gerade in schwierigen Zeiten – sei es bei einem neuen MS-Schub oder familiären oder beruflichen Problemen – kann es dazu kommen, dass man auf die seltsamsten Gedanken kommt wie z. B. das oben angesprochene Thema. Dabei ist wichtig, den Kopf immer oben zu halten! Mein Leitspruch lautet ja auch nicht ohne Grund: „Don’t give up – wer resigniert, verliert“. Auch wenn es manchmal nicht so einfach ist.

In diesem Sinne wünsche ich allen viel positive Energie und bleibt gesund!

Euer Carsten

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