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Steffi B., MS-Betroffene, 42 Jahre

Steffi B.

Vom Blechknäuel zum Traumauto

11 Minuten

Veröffentlicht am 26.03.2018 von Steffi B.

Hallo ihr Lieben! Heute möchte ich euch erzählen, wie aus meinem geliebten Blechknäuel ein Traumauto wurde.

Mein kleiner Polo wurde letztes Jahr erwachsen: Er wurde 18 Jahre alt, hatte über 208.000 km, eine Katastrophe von Servolenkung und leider eine Kupplung. Mit MS, wenn das Gefühl in den Beinen nicht ganz da ist, ist ein Automatikauto viel einfacher zu fahren. Und eine gut funktionierende Klimaanlage ist ein Segen, wenn man auf Hitze mit Herrn Uhthoff reagiert. Also fasste ich den Entschluss: Ein neues Auto muss her! Nur welches sollte es sein? Bezahlbar musste es ja auch sein. Auf meiner Liste standen die Punkte:

  • Modell
  • Automatik
  • Servolenkung (was anderes gibt es wohl heutzutage gar nicht mehr)
  • Klimaanlage (bei fast allen Modellen Serienausstattung)
  • Finanzierung (komplette Barzahlung = keine Option!)

MS-Workshop brachte die zündende Idee

In unserem Workshop „trotz ms TRÄUME WAGEN“ hatten wir uns über Unterstützungen (Gehhilfen, Rollstuhl, Finanzen etc.) unterhalten. Da erinnerte ich mich, dass ich irgendwo schon einmal gelesen habe, dass die Deutsche Rentenversicherung KFZ für Menschen mit Handicap bezuschusst, wenn diese voll im Arbeitsverhältnis stehen. Also, wieder einmal Internet an und suchen, was man für solch einen Antrag alles braucht und tun muss. Außerdem setzte ich mich mit dem VDK, bei dem ich Mitglied bin, in Verbindung. Die kennen sich nämlich mit solchen Dingen super gut aus.

Um den Antrag stellen zu können, braucht man die Formulare von der Deutschen Rentenversicherung mit folgenden Nummern: G0140, G0141 und G0142. Am besten ist es, alle drei Formulare zusammen loszuschicken, sonst dauert die Bearbeitung noch länger, weil Ihr ja dauernd etwas nachsenden müsst. Das Formular G0140 ist von Euch selbst auszufüllen, das Formular G0141 dagegen von der Behörde (es geht darum, ob Ihr von Eurem Wohnort zu eurem Arbeitsplatz auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen könnt). Das Formular G0142 muss Euer Arbeitgeber ausfüllen (hier wiederum wird nach einem befristeten/unbefristeten Arbeitsvertrag gefragt, nach dem Gehalt und der Anzahl der Fehltage). Der Zuschuss richtet sich nach dem Bruttoeinkommen – zum ersten Mal in 27 Jahren war es gut, nicht so viel zu verdienen: Je niedriger das Bruttoeinkommen ist, desto höher ist der Zuschuss.

Nachdem ich alle Formulare zusammen hatte, sie ausgefüllt und losgeschickt waren, erfuhr ich nach einigen Wochen, welchen Zuschuss ich bekommen könnte. Jetzt konnte ich mir überlegen, welches Auto ich denn haben möchte und was ich eventuell auch ohne Zuschuss bezahlen könnte.

Klein, Automatik, bezahlbar

Nun ging es los, Ideen hatte ich genug im Kopf, die einen scheiterten am Preis: Da gibt es eine Firma in Bayern, die macht total witzige Autos, für mich aber leider nicht bezahlbar. Die anderen sind wohl etwas „wartungsintensiver“. Die Italiener haben so eine kleine Knutschkugel, davon riet mir meine Werkstatt des Vertrauens aber ab. Zu guter Letzt kam da so ein kleiner Franzose um die Ecke, an dem alles passte. Der Preis war für mich okay, auch wenn es keinen Zuschuss gäbe, meine Werkstatt hatte auch nichts zu meckern und den kleinen Flitzer fand ich mit allen Ansprüchen, die ich an mein neues Auto hatte. Also ab ins Autohaus, vorher noch einen Termin zur Probefahrt ausgemacht.

Ich hatte mich für einen Twingo entschieden. Nach der Probefahrt war klar – meins! Die Modellvariante war ganz schnell entschieden, denn durch die Automatik war vieles schon vorgegeben. Ich musste mir nur noch die Reifen und Felgen aussuchen und die Farbe des Wagens. Als ich hörte, was man heutzutage für eine Wagenfarbe bezahlt, habe ich erstmal nachgefragt, welche Farbe denn nichts kostet. Denn, hallo, es ist eine Wagenfarbe – keine Jeans, Haarfarbe oder sonst was. Dazu müssen weder meine Handtasche noch meine Schuhe passen, schon gar nicht zu dem Preis. Jetzt ist „Emma“ weiß; weiß kostete nämlich nix. Dass das Innenleben von Emma serienmäßig schwarz/weiß ist, passt da wie A... auf Eimer.

weißes Auto

No Risc, no Fun

Die Probefahrt war vorbei und es fühlte sich an, als hätte ich die ganze Zeit ein Bobbycar gefahren und würde jetzt aus einem Raumschiff aussteigen. Klar, wollte ich das haben, doch war da immer noch die Sache mit dem Bezahlen. Ich habe es aber gemacht, ich habe Emma unverbindlich bestellt. Die Lieferzeit betrug laut Autohaus ca. drei Monate. In der Zeit, so dachte ich, werde ich wohl von der Deutschen Rentenversicherung Antwort erhalten. Doch weit gefehlt: Das Ganze ist jetzt schon fünf Monate her und ich habe immer noch keinen Bescheid.

Termin beim Amtsarzt

Stattdessen kam ein neues Schreiben: Ich musste zum Amtsarzt. Der Termin und der Ort wird einem vorgegeben. Kann man diesen nicht einhalten, bekommt man irgendwann einen neuen. Das heißt, am besten zu dem vorgegebenen Termin erscheinen. Was bei voller Erwerbstätigkeit nicht ganz einfach ist, wenn man den Termin erst vier Tage vorher mitgeteilt bekommt. Ich war dort, das Ganze ging relativ schnell vonstatten und der Arzt war ein netter, hilfsbereiter Zeitgenosse. Laut ihm ging es sinngemäß darum festzustellen, dass der vor ihm sitzende zwar eine Erkrankung hat, aber dem deutschen Arbeitsmarkt noch lange erhalten bleibt. Schließlich will die Deutsche Rentenversicherung nicht für was Geld ausgeben, was bald nicht mehr zu 100 % funktioniert. Kann ich aber verstehen, würde ich auch nicht anders machen. Überdies war noch ein Schreiben (Formular 57030) dabei, das ich an den Neurologen weitergeben sollte. Hier sollte quasi ausgeschlossen werden, dass es Reha-Maßnahmen gibt, die meinen Zustand dahingehend bessern, dass ich das entsprechende KFZ nicht brauche. Ihr könnt euch ungefähr denken, was in dem Antwortschreiben stand? Genau, mit Reha geht es uns MSlern vielleicht besser, weg geht die MS davon (leider) nicht.

Das war das Letzte, was ich ich von offizieller Stelle gehört habe. Emma ist mittlerweile zu Hause (die Lieferzeit dauerte fünf Wochen!!!). Mit dem Autohaus habe ich eine Lösung gefunden und ich hoffe, dass ich bald eine Zusage bekomme und der ganze Zauber dann erledigt ist.

Manchmal denke ich, es wird einem mit Absicht so schwer gemacht.

Ich selbst hatte von den ganzen Anträgen etc. vorher auch keine Ahnung und dachte mir schon ein paarmal – auch bei anderen Anträgen – ich lass’ es sein. Aber vielleicht ist das ja genau die Taktik dabei, wer weiß?
Auf jeden Fall macht Autofahren jetzt wieder Spaß! Und gerade nach der Arbeit nach Hause fahren, macht jetzt doppelt so viel Spaß! Ich hoffe, auch Ihr hattet Euren Spaß beim Lesen!

Bis bald, macht’s gut und danke
Eure Steffi

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