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Steffi B., MS-Betroffene, 42 Jahre

Betroffene

Work-Life-Balance bei MS: Vollzeitjob versus Extremcouching

Hallo Ihr Lieben! Wie Ihr richtig vermutet, geht es mir in diesem Beitrag um das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben. Wobei ich ja der Meinung bin, dass nicht nur zwischen der Arbeit und dem Leben das Gleichgewicht stimmen sollte, sondern auch bei der Arbeit und im Leben! Das aber ist ein Thema für sich und würde diesen Rahmen hier sprengen. So versuche ich erstmal, die Balance zwischen Arbeit und Leben für mich zu finden und Euch ein Stück an meiner Work-Life-Balance teilhaben zu lassen.

Vollzeit arbeiten bei MS oder nix tun?

Die Entscheidung nach drei Jahren mit der MS Vollzeit als Friseurin zu arbeiten oder gar nicht mehr, musste ich bisher nicht treffen. Trotz dem ein oder anderen Symptom oder Rückschlag arbeite ich nach wie vor 42 Stunden in der Woche und das gerne. Es kostet mich manchmal viel Kraft, gerade in der heißen Jahreszeit, sodass ich zumindest schon mal daran gedacht habe, Stunden zu reduzieren. Ganz aufzuhören, ist keine Option aktuell, dafür mache ich meinen Job zu gerne und einen Sack voller Geld habe ich leider auch nicht unter dem Bett stehen!

Auf meine Chefin, meine Kolleginnen und viele Kunden möchte ich nicht völlig verzichten. Ich genieße die Zeit mit ihnen. Aber auch die Zeit mit meinem Partner möchte ich auskosten und nicht nur fix und foxi auf der Couch hängen. Sport mit einer Freundin zu machen und meine Freizeit generell sind mir wichtig. Das möchte ich so wenig wie möglich mit der MS teilen. Doch das alles funktioniert nur, wenn ich über meine Bedürfnisse rede und mir meine Zeit, die „gute“ Zeit, anders einteile als früher – im Job und in der Freizeit! Für mich ein komplett neuer Lernprozess, denn vor der MS war ich eher als „Flummy“ unterwegs.

Unterstützung bei der Arbeit und im Privaten

Die Einteilung meiner Abläufe während der Arbeitszeit zu ändern, war für mich der erste Schritt auf einem harten Weg. Mir mehr Zeit zu lassen, nicht alles auf einmal machen zu wollen, funktioniert mittlerweile ganz gut. Nur das Neinsagen fällt mir immer noch schwer, aber ich arbeite daran und bin auf die Idee gekommen, mir da vielleicht professionelle Unterstützung in Form einer Verhaltenstherapie zu holen. Außerdem ist es für mich unheimlich hilfreich, gerade in der heißen Jahreszeit, in der Nähe eines Klimagerätes zu arbeiten. Das hält Herrn Uhthoff in Schach – und wenn dann noch Schwüle zu der Hitze dazukommt, kommt die Kühlweste auch noch zum Einsatz.

Mehr Erholung bringen mir natürlich auch die fünf Tage mehr Urlaub durch den Schwerbehindertenausweis (LINK zu Artikel sh_3). Was mich dann zum Thema „Freizeit“ führt: Auch hier teile ich mir meine Zeit anders ein als früher: Morgens bin ich leistungsfähiger als abends. Deshalb stehe ich auch gerne mal um 5.30 Uhr auf, um zu putzen, zu bügeln oder vorzukochen. Um Dinge zu tun, die viele erst nach der Arbeit erledigen, für die ich dann aber nicht mehr die nötige Energie habe. Gleichgesinnte sind für mich in diesem Fall nicht zwangsläufig MSler, sondern Menschen, die einen ähnlichen Tagesrhythmus haben wie ich. Ihr wisst schon – die Sache mit dem frühen Vogel. Bei meinem Partner und mir klappt das richtig gut. Denn er ist auch ein „früher Vogel“ und er merkt meist eher als ich, wann ich mal wieder langsam machen sollte.

Mit meiner Freundin gehe ich abends zum Aquajogging. Da abzusagen fällt dann schwerer, als wenn ich alleine gehen würde, schließlich wartet da ja jemand auf einen. An dieser Stelle, DANKE, Heike! Wenn alles passt, keine Arzttermine oder familiären Verpflichtungen anstehen, gehe ich im Sommer, so oft es geht, ins Freibad: 40 Bahnen schwimmen (da sind sie wieder, die Ansprüche an mich selbst). Ansonsten habe ich gelernt, an solchen Tagen, an denen ich was für mich mache, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Da kann der Staubsauger dann gerne mal auf mich warten. Und wenn mir die Energie fehlt, gehe ich weder schwimmen noch sonst was, sondern lese ein Buch oder schlafe eine Runde. Das mache ich mittlerweile sogar fast ohne schlechtes Gewissen. Vielleicht klappt noch ein kleiner Spaziergang am Abend, aber auch da setze ich mich nicht unter Druck.

Abendhimmel

Meine Erkenntnis: Trotz MS bin ich gar nicht so anders

Weiterzumachen wie früher, einfach draufloszuleben, war für mich keine Option. Denn früher habe ich mir über die Work-Life-Balance keine Gedanken gemacht. Die MS war es, die mich darüber nachdenken ließ. Sehr schnell habe ich gemerkt, dass das Leben in „Highspeed“ nicht mehr funktioniert. Aber ist Work-Life-Balance nicht ein Widerspruch in sich – oder eher eine Chance?

Ich habe für mich einen Weg und meine Balance gefunden. So nutze ich die Chancen und Möglichkeiten, die ich habe, mein Leben mit der MS neu zu organisieren. Die Herausforderung ist, während der Arbeit die passende Balance zu finden und zu halten. Genauso muss ich aber auch in meiner Freizeit mal den Stopp-Knopf zu drücken. Was die anderen darüber sagen und denken, ist und war mir schon immer egal. Wichtig sind die Menschen direkt um mich herum. Menschen, für die ich auch wichtig bin, wenn ich mal nicht so funktioniere und es mir nicht so gut geht. Dass alles gut läuft und mein Umfeld mich versteht, erleichtert mir den Umgang mit der MS – und die Balance zu halten. Ich bin zufrieden, so wie es ist, und ich bin gar nicht so anders als die anderen.

Denn jeder, egal ob krank oder gesund, jung oder alt, dick oder dünn, arm oder reich, sollte für sich seine eigene Work-Life-Balance finden!

In diesem Sinne: Macht‘s gut und danke für Eure Zeit!

Eure Steffi

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