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Alex, MS-Betroffener, 42 Jahre

Betroffene

Wie aus der „Multiplen“ eine „Metallische Sklerose“ wurde

11 Minuten

Veröffentlicht am 18.06.2020  von  Alex

Ende der Achtziger Jahre hat mich die Welle der Metalmusik erreicht. Hier fand ich etwas, das mich von der äußeren Welt abgrenzte. Ich fühlte mich besonders. Metal schuf etwas Neues in mir. Etwas, das mir Halt und Stärke gab, die ich bis heute nicht verloren habe. Trotz meiner MS habe ich mir schließlich den Traum vom eigenen Metalalbum erfüllt.

Ich eiferte immer mehr meinen damaligen Idolen hinterher. Bands wie Metallica, Anthrax, Slayer oder S.O.D. (Stormtroopers of Death) haben mich mehr und mehr in ihren Bann gezogen. Freunde und Bekannte kopierten mir Vinyl auf Kassette. Die Zeit war echt cool. Mit Musik auf dem Walkman saß ich im Bus auf dem Weg in die Schule oder lief in der Pause über den Schulhof. Meine Teenagerzeit war so unbeschwert, frei von Sorgen. Aber alles war irgendwie auch eine Art Rebellion.

Anders sein – und Gleichgesinnte finden

Mein Kleidungsstil änderte sich und die Haare ließ ich wachsen. Ich wollte „Moshen“ können (Moshen = Headbangen). Meine erste eigene Kutte verzierte ich mit Bandpatches. Ich ließ mir einen Nasenring stechen. Eine lange Kette am Geldbeutel und „Doc Martens“-Stiefel unterstrichen meinen neuen Look. Alles begann sich mehr und mehr zu einer (sub-)kulturellen Identität für mich zu entwickeln. Ich war froh, einer „Szene“ anzugehören – das gab mir pure Energie. Ich begann, mir Gleichgesinnte zu suchen. Von einem Freund erstand ich meine erste E-Gitarre für 50 DM.

MS-Betroffener Alex auf der Bühne

Erste musikalische Gehversuche

Ich fing an, Gitarre zu spielen und mir nach und nach das nötige Equipment zuzulegen: Verstärker, Verzerrerpedale, Kabel – ich begann die ersten Töne zu produzieren. Da ich noch keinen Gitarrengurt besaß, um mir die Gitarre umzuschnallen, band ich die Schnürsenkel meiner Schuhe zusammen und befestigte sie an der Gitarre. Vorm Spiegel sah das schon gut aus, nur schnitt mir der Schnürsenkel irgendwann ins Schulterfleisch. In den ersten Monaten klang ich mit der Gitarre noch recht bescheiden. Man muss bedenken, dass es damals noch kein Youtube gab, um sich Spieltechniken anzueignen. Also spielte ich bis die Finger weh taten.

MS-Betroffener Alex macht Musik

Aller Anfang ist schwer

Ich begann recht schnell, meine allerersten eigenen Songs zu schreiben. 1992/93 gründete ich meine erste Band mit zwei Leuten aus meiner damaligen Jugendgruppe. Nach einigen Proben konnten wir unsere Songs in der Halle eines Blumenhandels in Saarlouis/Lisdorf live zum Besten geben. Es war schon witzig, wie uns die Leute mit großen Augen ansahen und wohl dachten, was das sei, was wir darboten. Es war, wenn ich heute darüber nachdenke, sehr experimentell (um es gelinde auszudrücken).

Nach diesen ersten Anfängen folgten weitere Bands, die etwas professioneller wurden. Wir bewegten uns eher im Untergrund und nahmen unsere Songs auf Kassettenrecorder auf, obwohl es auch zu der Zeit weitaus professionellere Aufnahmemöglichkeiten gab. Mein erstes Demo hielt ich 1995 in den Händen. Danach wurde alles besser. Es war cool, seine ersten eigenen Covers oder Bandlogos, die meist noch von Hand gezeichnet wurden, zu entwerfen.

Zeiten ändern sich – doch die Wurzeln bleiben erhalten

CD und Minidisc lösten Mitte der Neunziger nach und nach die Kassette ab. Die Zeit änderte sich, und auch ich veränderte mich. Ich begann, mich einer weiteren Szene angehörig zu fühlen: Hardcore (Punk). 2008 begann ich dann, mich mehr der akustischen Musik zu widmen, die bis in die heutige Zeit auch noch gemacht wird. Mit den Jahren erkannte ich, dass ich nicht unbedingt einer „Szene“ angehören muss. Dennoch liegen meine Wurzeln sowohl im Metal, im Hardcore Punk und auch im Old School Hip Hop.

In Eigenregie zum langersehnten Ziel

Ende 2019/Anfang 2020 war es dann endlich soweit und ich konnte in Eigenregie mein erstes, selbst eingespieltes Metalalbum produzieren. Schon zuvor hatte ich mir einen Namen überlegt: „Stiffneck“ sollte mein Projekt heißen. Aus dem Englischen übersetzt, bedeutet es so viel wie „steifer Nacken“. Mit der Produktion flüchtete ich mich aus einer ziemlich schwierigen Zeit meines Lebens: Es war so viel in mir angestaut, dass dies einfach einen Kanal verlangte – einen Weg, meine Gefühle nach außen zu tragen. Es tat einfach gut, sich alles von der Seele zu schreien und ein Stück weit zu kompensieren. Meine MS habe ich während der gesamten Produktionszeit komplett ausgeblendet. Sie war überhaupt nicht präsent. Warum auch? Muss sie das? Ich finde nicht. Aus der „Multiplen“ ist quasi eine „Metallische Sklerose“ geworden.

Ein Traum wird wahr

Vier Monate intensive Arbeit, vier Monate, in denen ich nun fast täglich im Studio an diesem Album gesessen habe, ließen mich schlussendlich mein großes Ziel erreichen: Mein erstes eigenes und selbstproduziertes „Stiffneck“-Mini-Album ist fertig geworden.

Für mich ist hier ein großer Teenagertraum wahr geworden. Ich kann ein Stück Musikgeschichte meiner Nachwelt hinterlassen. Ich bin unheimlich stolz, dies überwiegend allein geschafft zu haben. Die Songs sind von besonderer Bedeutung für mich – nicht nur, weil Gefühle verarbeitet werden, die von Einsamkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Suizidgedanken, Wut und Enttäuschung handeln. Nein, für mich habe ich auch ein Ziel erreicht und einen Traum realisiert, den mir jetzt keiner mehr nehmen kann. Meine MS hat mich nicht davon abgehalten!

Die Songs sind sowohl im Stream, als auch als Download auf allen gängigen Online Stores (Spotify, Amazon Music, iTunes, Deezer, Google Play, Audible, Tidal usw.) erhältlich:

STREAM:

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DOWNLOAD:

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ITunes

SMSTracks

Stiffneck, die Band von MS-Betroffenem Alex

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