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Steffi H., MS-Betroffene, 52 Jahre

Betroffene

MS in der Mitte des Lebens – und nun?

Veröffentlicht am 21.11.2019 

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich ein Teenager war. Damals war die Vorstellung, dass es ein Leben jenseits der 30 geben soll, geradezu utopisch! Mein Ex-Mann war so freundlich, mich an meinem 25. Geburtstag mit den Worten zu beglücken: „Jetzt gehst du auf die 30 zu“. Er war 20 Jahre älter als ich und fand das sicher lustig. Das führte jedoch dazu, dass ich von dem Moment an bei dem Gedanken, ich könnte 30 werden, geradezu panisch wurde.

Bei dem Gedanken an meinen 30. Geburtstag wurde ich panisch.

In wenigen Wochen werde ich zarte 53 – das spricht sehr dafür, dass ich nicht nur ohne weiteres 30 geworden bin, sondern auch noch 40 und über 50. Es tat und tut nicht weh, älter zu werden. Doch heute erschrecke ich mich manchmal ganz furchtbar, wenn ich im Fernsehen Menschen sehe und darunter lese „Lieschen Müller, 49 Jahre alt“ und dann steht da jemand, den ich persönlich viel älter geschätzt hätte – in jedem Fall älter als mich.

Inzwischen spielt das Alter keine Rolle mehr

Vielleicht liegt das daran, dass ich mich nicht wie 53 fühle, dass diese Zahl im Laufe der Zeit eben einfach nur noch eine Zahl ist. Mental bin ich irgendwo zwischen Mitte 30 und Mitte 40 stehen geblieben und das ist gut so! Ich mache mir heute weit weniger Gedanken darüber, wie alt ich bin. Wenn ich gefragt werde, muss ich tatsächlich fast immer erst einmal schnell nachrechnen. Ok, dass ich die 50 überschritten habe, weiß ich auch ohne zu rechnen, aber ob da nun zwei oder drei Jahre dazugekommen sind, spielt keine Rolle.

Als ich am 28.10.2011 die Diagnose MS bekam, war ich eine Woche vorher 45 Jahre alt geworden. Ich fühlte mich viel zu jung, um mich mit der Krankheit auseinandersetzen zu müssen. Prinzipiell fühlte ich mich zu jung, um mich mit irgendeiner Krankheit auseinandersetzen zu müssen!

Als ich die Diagnose MS bekam, war ich 45 Jahre alt.

Ich war voll in der Mitte meines Lebens. War immer und überall ganz vorne mit dabei. Egal, ob es darum ging, im Fitnessstudio alles zu geben, mit Kollegen Badminton zu spielen oder Nordic Walking über einen vom Arbeitgeber angebotenen Kurs der AOK kennen und lieben zu lernen – ich war überall zu finden. Vollzeit berufstätig, Mama einer kleinen Tochter – trotzdem konnte mich niemand bremsen, auch beim nächsten Projekt dabei zu sein und Überstunden zu machen. Für mich war damals die Frage „Geht das alles?“ keine Option, sondern alles nur eine Frage der Organisation.

Klar, gab es die eine oder andere Situation, in der ich an meine Grenzen kam, aber zu der Zeit waren Grenzen für mich lediglich die Aufforderung, selbige zu überschreiten.

Alterserscheinung oder MS – ich musste mit Zipperlein klarkommen

Wie schon gesagt, rein mental bin ich weit hinter der Zahl, die da mit mir in Verbindung gebracht wird, aber mittlerweile gibt es durchaus Momente, in denen ich ins Grübeln komme. Langsam, bin ich zu dem Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr unterscheiden kann, ob die (oftmals vermeintlichen) „Problemchen“ nun zur MS gehören oder ob sie einfach daran liegen, dass auch ich nicht jünger werde und so langsam lernen muss, mit dem einen oder anderen Zipperlein zurechtzukommen.

MS-Betroffene Steffi H.

Altersgemäße Mode ist ok, aber meine körperlichen Defizite ...

Ich habe null Probleme damit, für mich zu akzeptieren, dass „meine“ Zeit in Sachen Minirock und kurze Shorts vorbei ist. Das liegt unter anderem auch an der Tatsache, dass ich realistisch genug bin, um zu sehen, dass ich heute nicht mehr den Körper einer 20-Jährigen habe, sondern dank einiger Kortisongaben und nicht zuletzt der Gene meiner Eltern, mittlerweile zu den „Dicken“ dieser Gesellschaft gehöre. Ich fühle mich nicht dick, aber Fakt ist, dass uns allen eine Konfektionsgröße jenseits der Größe 40 als „Plus-Size“ verkauft wird. Mit der Zeit habe ich gelernt, einfach das Größenschild aus den Sachen zu schneiden und schon ist das kein (mentales) Problem mehr. Außerdem kann ich mich auch in meiner Größe nach Lust und Laune sportlich, schick oder elegant anziehen.

Auf körperlicher Ebene ist es nicht ganz so einfach, mein Ego zu überlisten. Dinge wie ...

  • einfach mal so runterbücken, um den aufgegangenen Schnürsenkel zu schließen (ok, das soll eh nicht gut für den Rücken sein; aber früher ging das zumindest ohne Schnaufen), geht oft gar nicht – also entweder runter in die Hocke oder den Fuß nach oben stellen.
  • morgens aus dem Bett zu „hüpfen“ und sofort unbeschwert loslaufen – Fehlanzeige, die Fußgelenke sind derart steif und unbeweglich, dass gaaaaanz vorsichtiges „Herumwatscheln“ angesagt ist, was mich selber eher an eine Ente oder einen Pinguin erinnert.
  • mit dem Fahrrad einen Berg hinauf zu quälen – früher hab ich das auch nicht unbedingt gerne gemacht, aber ich hab’s mit viel Anstrengung geschafft. Das funktioniert heute nicht mehr, denn ich müsste währenddessen befürchten, dass ich vom Rad falle. Und mein Puls schießt in Sekundenschnelle so hoch, dass ich das Gefühl habe, bei jedem Herzschlag hebt sich die Schädeldecke mit an. Also heißt es für mich ziemlich am Anfang des Berges absteigen und das Rad schieben!
  • ohne darüber nachzudenken, Treppen nach oben steigen, sind mittlerweile sehr, sehr tagesformabhängig und daher muss ich sehr wohl darüber nachdenken, ob ich das an dem Tag schaffe. Wenn ich glaube, dass „JA“, muss ich die Kräfte gut einteilen.
  • stundenlang und ohne Kilometerlimit mit dem geliebten Auto in ganz Deutschland unterwegs zu sein – sind weder mit, noch ohne Kilometerlimit und schon gar nicht mehr stundenlang möglich.

Das und noch einiges mehr lässt mich, mich hin und wieder fragen, ob das jetzt einfach zum Älterwerden dazugehört oder ob es daran liegt, dass ich diese lebenslange „MS“ an meiner Seite habe. Oder ob aufgrund dieser Prozesse einfach eher in Gang gesetzt wird.

Was soll ich dem Arzt sagen: MS- oder altersbedingt?

Diese Unterscheidung bereitet mir auch bei meinen regelmäßigen Arztbesuchen so meine Schwierigkeiten. Ich bin mein Leben lang ein Verfechter von ehrlichen Antworten gewesen – aber was soll ich antworten, wenn mein Neurologe, der alles, was mit der MS zusammenhängt für mich im Auge behalten soll, fragt: „Wie geht es Ihnen denn heute und überhaupt?“.

  • Ich komm nicht mehr über meine „Plauze“ und kann mir deshalb nicht mehr im Stehen die Schuhe zubinden? Was kann die MS dafür?
  • Ich kann nicht mehr wie ein junges Mädchen aus dem Bett hüpfen, weil die Gelenke steif sind? Ich bin kein junges Mädchen mehr, also warum sollte ich wie ein solches aus dem Bett hüpfen? Weil ich gegen Morgen fast täglich mit Spastiken in den Beinen zu kämpfen habe und das erst ein bisschen besser wurde, seitdem ich mir mit pflanzlichen Mittelchen Erleichterung verschaffen konnte?
  • Ich kann mit meinen Kindern nicht mehr mithalten, wenn sie mit dem Fahrrad einen Berg hinauf hechten. Liegt das an der MS oder an der Tatsache, dass ich im Verlauf meines Lebens aber nie wirklich regelmäßig auf dem Fahrrad saß?!

Also passiert es sehr oft, dass mir all diese Gedanken durch den Kopf gehen und ich letztlich antworte: „Mir geht es gut“. Denn auch folgende Gedanken kommen mir in diesen Sekunden in den Sinn:

  • Die „Plauze“ kommt nicht nur von den Medikamenten (das Kortison der vergangenen Jahre und die Psychopharmaka, die ich nehmen muss, haben mich auf jeden Fall ruckzuck gute 20 Kilo „älter“ gemacht), die kommt auch von den Geburten meiner Kinder und der Tatsache, dass ich gutes Essen liebe UND das meine Hormone genau wie bei jedem anderen Menschen in meinem Alter nun mal andere Prioritäten setzen als die, die sich jeder von uns so vorstellt. Ich bin stolz auf all das, was ich bisher in meinem Leben erreicht und geschafft habe, und das darf man auch ruhig sehen!
  • Ich kann zwar nicht mehr mit den ganz jungen Dingern mithalten, ABER: Ich habe das unglaubliche Glück, dass ich weder auf einen Stock noch Rollator oder Rollstuhl angewiesen bin. An guten Tagen kann ich manchmal tatsächlich noch etwa sieben Kilometer beim Nordic Walking gehen. DAS ist sehr viel mehr, als so manch anderer Mensch in meinem Alter und/oder mit meiner Erkrankung von sich sagen kann. Und frühmorgens freue ich mich lieber darüber, dass ich (meistens) gut geschlafen habe, bemühe mich um gute Haltungsnoten und lächele froh in mich hinein, da mich um halb sechs sowieso nur der Kater sieht (und dem ist egal, ob ich watschle), weil der Rest der Familie sowieso noch tief und fest schläft :-).
  • Ich steige ganz bewusst vom Fahrrad ab, wenn ich merke, jetzt wird es anstrengend und nehme ab und an sogar bei den mitleidigen Blicken meiner Kinder den „Altersbonus“ in Anspruch. Ich konnte früher die Berge auch rauf fahren, ich muss das heute nicht mehr machen. Ich freue mich, dass ich trotz einiger Schwierigkeiten mit meinem Gleichgewicht noch immer in der Lage bin, überhaupt Fahrrad fahren zu können.

Das Leben ist schön – von einfach war nie die Rede!

Ja – es geht mir (meistens) gut und oftmals ist ein „Gedankentausch“, wie er in einem meiner Lieblingsbücher beschrieben wird, eine wunderbare Gelegenheit, manche Dinge nicht zu ernst zu nehmen und am Ende des Tages festzustellen: Es ist egal, ob das eine oder andere Zipperlein, was mich heute geärgert hat, von der MS oder vom Älterwerden kam – es ist ok, so wie es ist!

Manchmal ist es sehr hilfreich, sich daran zu erinnern, dass das Leben schön ist – von einfach war nie die Rede!

In diesem Sinne, lasst Euch nicht unterkriegen – bis denne

Eure Steffi