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Heike, MS-Betroffene, 56 Jahre

Betroffene

Mein Gehstock und ich – Den Umgang akzeptieren lernen

7 Minuten

von  Heike

In einer MS-Klinik in Bayern erhielt ich das erste Mal einen Gehstock zum Ausprobieren. Als ich das Teil in der Hand hielt, fühlte ich mich wie meine eigene Großmutter, die man mit ihrem Stock schon immer beim Kommen gehört hatte. Ich probierte es wirklich aus, humpelte mit dem Stock durch die Gegend und erklärte allen, dass ich nun im wahrsten Sinne des Wortes „am Stock gehe“. Prompt kam eine Antwort von einem MS-Patienten, der im Elektrorollstuhl saß: „Ich habe früher immer darauf gewartet, dass es mir mal besser geht. Inzwischen sitze ich hier drin und warte noch immer. Beim Warten kann ich doch auch den Rollstuhl nutzen.“ Das klang wenig hoffnungsvoll.

Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich einen Stock brauche

Mit dem Laufen hatte ich große Probleme, aber ich schämte mich mit einem Stock zu gehen – also ließ ich es. Ich stürzte zwar weiterhin oft und zog mir in der folgenden Zeit etliche Brüche zu, aber „am Stock zu gehen“ war für mich entwürdigend. Dies hätte ja bedeutet, die Krankheit mit ihren Folgen anzuerkennen – und das wollte ich nicht. Selbst meine Chefin hatte mir schon vorgeschlagen, ich sollte eine Gehhilfe benutzen. Aber das war für mich jenseits meiner Würde!

Irgendwann ließ ich mir doch ein Rezept für einen Stock geben und ging damit dann in verschiedene Sanitätshäuser. Endlich hatte ich einen Stock gefunden, der mir einigermaßen gefiel. Er war aus Carbon. Das Gute an einem Carbonstock ist, dass er schön leicht ist. Das wiederum hat zur Folge, dass man dieses „Klack, Klack, Klack“ nicht so laut hört. Der Schock war allerdings die Rechnung: Fast 70 Euro musste ich zuzahlen, da der Anteil durch die Krankenkasse äußerst gering war. Aber das war mir egal, denn wenn ich schon mit einem Stock gehe, soll es kein billiges Kassenmodell sein. Bei meiner Bekleidung schaue ich ja schließlich auch darauf, ob sie mir gefällt.

Diesen teuren Stock nutzte ich dann gelegentlich. Wenn ich mich aber beim Treppensteigen am Geländer hochzog, trugen andere Personen den Stock manchmal für mich. Und den Stock in den Händen meiner Mutter oder meiner Tochter zu sehen, fand ich gar nicht so schlimm. Leider vergaß ich den Stock dann irgendwo und am nächsten Tag war er nicht mehr da.

Inzwischen besitze ich drei verschiedene Gehstöcke.

In einem Gebrauchtwarenlager habe ich einen Carbonstock für drei Euro entdeckt. Dieser Stock sieht etwas benutzt, aber sonst relativ schick aus. Mit diesem Stock laufe ich des Öfteren, vor allem am Strand, am Wasser und im Wald. Bei dem ist es nicht weiter tragisch, wenn er Wasser oder Sand abbekommt.

Ich habe mir aber nochmals ein teures Carbonmodell geleistet. Dieses benutze ich, wenn ich schick angezogen bin, etwa auf der Arbeit oder bei Feierlichkeiten. Ich hoffe, diesen Stock länger zu haben als den ersten teuren Stock. Und schließlich habe ich in einer MS-Klinik im vergangenen Jahr einen Stock mit einem ergonomischen Griff für Linkshänder erhalten. Diesen Stock müsste ich eigentlich viel öfter nutzen – wenn da nur nicht diese Eitelkeit wäre! Ich habe ihn immer im Auto, um im Bedarfsfall einen Stock griffbereit zu haben.

Heikes Gehstöcke und eine PPMS Broschüre

Wann nutze ich jetzt einen Gehstock?

Ich benutze den Stock, wenn ich keine Person habe, bei der ich mich einhaken kann, besonders bei größeren Menschenansammlungen wie bei Volksfesten, in Möbelhäusern oder auf dem Weg zum Badesee. Auch auf unebenen Wegen nutze ich ihn, weil durch die Fußheberschwäche die Gefahr besteht, schneller zu stürzen.

Mitunter bin ich doch sehr traurig, wenn ich mich mit den Stock irgendwohin quäle und dann trotzdem nicht richtig laufen kann, zum Beispiel am Strand oder bei Treppen ohne Geländer. Dann habe ich zwei Alternativen: Entweder ich spreche Menschen an, ob sie mir helfen können oder ich riskiere einen Sturz.

Dann hilft es mir manchmal, daran zu denken, dass es schon ein Geschenk ist, dass ich überhaupt noch so mobil unterwegs sein kann. Und wie jeder MSler weiß: Es sind nie alle Tage gleich! Und es bleibt einem immer ein Stückchen Hoffnung, dass es mit einer neuen Therapie vielleicht doch irgendwann wieder besser werden kann.

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