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Therapie

Adhärenz und MS: Interview mit MS-Nurse Anna

6 Minuten

Veröffentlicht am 15.05.2020  von  trotz ms Redaktion

Seit Februar 2015 ist Anna am Neurocentrum Odenwald als MS-Nurse tätig. Im Rahmen ihrer MS-Sprechstunde kümmert sie sich um Betroffene: Sie vergibt Termine, ist erste Ansprechpartnerin und nimmt sich Zeit zuzuhören. Ein wichtiges Gesprächsthema, das MS-Patienten und das medizinische Betreuungspersonal gleichermaßen bewegt, ist Adhärenz. Im Interview haben wir Anna einige Fragen dazu gestellt.

Über Anna

Die Arbeit als MS-Schwester ist Annas Leidenschaft und Berufung. Dabei legt Anna viel Taktgefühl und Respekt an den Tag. Ihre Patienten wissen ihre offene und fröhliche Art zu schätzen. Obwohl Anna eigentlich ein Sportmuffel ist, hat sie es dank einer Fitness-App geschafft, zur Joggerin zu werden. Seitdem versucht sie regelmäßig laufen zu gehen – ein Sport, der auch für Menschen mit MS geeignet ist.

Du hast in Deinem Berufsalltag als MS-Schwester Kontakt mit vielen Betroffenen. Wie wichtig ist dabei das Thema „Therapietreue“?

Das ist durchaus ein wichtiges Thema, vor allem weil sich die Therapielandschaft stark verändert hat. Viele Medikamente müssen nicht mehr täglich verabreicht werden. Durch diese lange anwendungsfreie Zeit ist es schwieriger, die Patienten am Ball zu halten. Viele denken, es gehe ihnen gut und vergessen dabei manchmal, dass sie krank sind und sich in Therapie befinden. Heute gibt es ja hochwirksame Therapien, die teilweise stark ins Immunsystem eingreifen. Doch dabei ist die Häufigkeit der Monitorings – zum Beispiel Laborkontrollen – oft deutlich geringer geworden. Um die Adhärenz zu steigern, sehen wir unsere Patienten häufiger als offiziell gefordert. Sie kommen mindestens einmal pro Quartal, manche sogar alle sechs bis acht Wochen zu zusätzlichen Blutkontrollen. Das erhöht nicht nur die Adhärenz, sondern beruhigt auch. Gerade Patienten, die von einer anderen Therapie zu einer Immuntherapie wechseln, fühlen sich manchmal allein gelassen, weil sie deutlich weniger Kontrollen haben als vorher.

Was bedeutet eigentlich Adhärenz? Verwendest Du das Wort auch im Gespräch mit Deinen Patienten?

Unter Adhärenz versteht man eine langfristige Therapietreue. Das bedeutet, dass Patienten langfristig darauf achten müssen, ihre Medikamente regelmäßig einzunehmen und zu Kontrolluntersuchungen zu gehen. Das beste Beispiel für Nicht-Adhärenz ist, zuerst Diät zu halten und dann wieder in die alten Ernährungsmuster zu verfallen.

Was empfiehlst Du MS-Patienten, die es mit der Adhärenz bei MS nicht so genau nehmen?

Ich rate dazu, unbedingt offen mit seinem Behandlungsteam über die Gründe zu sprechen, warum man beispielsweise die verordneten Tabletten nicht genommen hat. Nur wenn man dem Arzt davon erzählt, kann er prüfen, woran es liegt. Vielleicht leidet der Patient an Nebenwirkungen oder es besteht eine Unverträglichkeit. Es kann aber auch sein, dass er die Medikamenteneinnahme wegen der kognitiven Einschränkungen vergessen hat. Manche Patienten geben an, dass die Therapie einfach nicht zum Lebensalltag passt. Deshalb erkläre ich immer, wie wichtig es ist, damit offen umzugehen, denn nur dann können wir etwas an der Situation ändern.

Was glaubst Du, kann Menschen mit MS helfen, ihrer Therapie treu zu bleiben und welche Faktoren spielen dabei die Medikamente?

Meiner Meinung nach können eine gute Aufklärung und kompetente Ansprechpartner wie MS-Nurses einen wichtigen Beitrag zur Adhärenz leisten. Die Patienten müssen wissen, dass sie nicht automatisch gesund sind, nur weil keine MS-Symptome auftreten. Nur dann verhalten sie sich adhärent und halten zum Beispiel Kontrolltermine ein. Auch die Therapie spielt eine wichtige Rolle: Manche Basismedikamente führen beispielsweise zu grippeartigen Symptomen. Das lässt Patienten natürlich an der Therapie zweifeln und zu Nicht- Adhärenz führen. Unsere Erfahrung ist, dass bei den Infusionstherapien alle sechs Monate der Patient an sich kaum bis gar keine Nebenwirkungen merkt.

Welche Fragen stellen Dir Patienten manchmal zum Thema „Therapietreue“?

In der Praxis kommen dazu natürlich Fragen auf – immer nach dem Motto: „Was passiert, wenn …“ Je nach Therapie möchten die Patienten ganz unterschiedliche Dinge wissen. Zum Beispiel fragte einer: „Was passiert, wenn ich meine Tabletten nicht einnehme? Ein anderer, der eine Infusionstherapie erhält, war sich unsicher, weil er das vorgeschrieben Infusionsintervall vielleicht nicht einhalten könnte: „Wenn ich jetzt mal eine Woche verspätet bin, weil ich da im Urlaub bin, hat das Auswirkungen?“ Dahinter steckt die Angst, dass die Therapie nicht wirkt und dass ein neuer Schub bzw. neue Krankheitsaktivität auftreten könnten.

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