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Forschung

Wie entsteht die MS? Von frühen Myelinschäden und Schafsdärmen

8 Minuten

Veröffentlicht am 25.07.2018  von  Onmeda

Wie genau die multiple Sklerose entsteht, ist noch immer unklar. Jetzt gibt es zwei neue Theorien, wo die Wurzel der MS liegen könnte. Eine davon rückt Schäden an der schützenden Myelinschicht an den Anfang der Erkrankung. Die andere sucht in Schafsdärmen nach der Ursache.

Frau hält Lamm

Wo liegt der Ursprung der multiplen Sklerose (MS)? Diese Frage treibt Forscher seit vielen Jahren um. Die gängige Hypothese: Das körpereigene Immunsystem attackiert die Schutzhülle aus Myelin, die die Nervenzellen umgibt, und löst dort Entzündungen aus. Mediziner gehen heute davon aus, dass eine multiple Sklerose startet, wenn Immunzellen ins Gehirn einwandern und mit der Zerstörung des Myelins beginnen.

Als zentrales Ereignis bei MS gilt also die Immunattacke. Der Grund für diese außer Rand und Band geratene Reaktion des Abwehrsystems liegt bis heute im Dunklen.

Es könnte aber auch ganz anders sein ...

Forscher der Cumming School of Medicine an der University of Calgary (Kanada) stellten jetzt eine neue Überlegung an. Andrew Caprariello, der Leiter der Studie, erklärt: "Ich habe mich immer gefragt: Was ist eigentlich, wenn die MS im Gehirn beginnt und die Immunattacken nur die Folgen der Schäden im Gehirn sind?" Die These der Wissenschaftler lautet deshalb: Schon vor den Entzündungsreaktionen kommt es zu feinsten Schäden an der Myelin-Schutzschicht. Die Zerstörung beginne demnach weitaus früher. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im renommierten Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Ihre Theorie überprüften die Forscher an Mäusen, die unter einer der multiplen Sklerose sehr ähnlichen Erkrankung litten. Der englische Fachbegriff hierfür ist "cuprizone autoimmune encephalitis". Diese besondere Form der MS beginnt mit leichten Myelinschäden und spiegelt das Frühstadium der Krankheit wider. So konnten die Forscher jenen Aspekt testen, den sie als Startpunkt der Erkrankung vermuteten.

Sie verabreichten den Tieren Cuprizon, ein Mittel, das mit Kupfer reagiert und eine chemische Verbindung eingeht. Die Substanz greift die sogenannten Oligodendrozyten an, die für die Myelinbildung verantwortlich sind. Dann stimulierten sie das Immunsystem. Die anfangs nur leichten Myelinschäden hatten größere Defekte zur Folge, inklusive Entzündungen sowie der Zerstörung des Myelins.

Fokus auf sehr frühe Nervenschäden

Die Forscher konnten im Tiermodell nachweisen, dass sehr frühe, kleinste Schäden am Myelin im zweiten Schritt eine Immunantwort auslösen, die wiederum zu Entzündungen und noch mehr Schäden führt. "Auf Bildern der Magnetresonanztomografie und bei Gewebeuntersuchungen sehen diese Defekte wie Plaques, also Ablagerungen, aus", erklärt Peter Stys von der Cumming School of Medicine. Es könnte also einen Faktor geben, der das Myelin schon früher schädigt und dann später die Immunattacke hervorruft. "Das beweist zwar nicht, dass sich eine MS bei Menschen auf die gleiche Weise entwickelt. Aber wir haben zwingende Hinweise darauf, dass die multiple Sklerose auch so beginnen könnte."

Im nächsten Schritt möchten die Forscher Therapien untersuchen, die die sekundäre Antwort des Immunsystems und damit die Zerstörung des Myelins stoppen oder bremsen können. Wenn es gelingt, das Myelin zu schützen, würden sich auch die Attacken des Immunsystems stoppen lassen, so die Hoffnung – und die Entzündungen im Gehirn blieben womöglich ganz aus. "Unsere Ergebnisse eröffnen ganz neue Möglichkeiten, wie wir über diese Nervenerkrankung nachdenken und ihr begegnen können", sagt Stys.

Die meisten Forschungsarbeiten und Therapien würden derzeit auf das Immunsystem abzielen. Während Medikamente, welche die Entzündungen bremsen, sehr wirksam seien, hätten sie aber bei späteren, fortgeschrittenen Stadien der MS nur begrenzten Nutzen. Dann aber treten die meisten Behinderungen auf. "Wir haben jetzt Grund genug, das Myelin als erstes Ziel für die frühe, vorbeugende MS-Therapie ins Visier zu nehmen", schreiben die Forscher.

Stehen Schafe im Zusammenhang mit MS?

Forscher der britischen University of Exeter haben eine weitere, interessante Theorie zur Entstehung der multiplen Sklerose aufgestellt. Demnach könnte der Kontakt mit Bakteriengiften für die Nervenerkrankung verantwortlich sein, die über Schafe übertragen werden. Bei MS-Patienten konnten sie deutlich häufiger Antikörper gegen das Bakteriengift Epsilon-toxin (ETX) nachweisen als bei gesunden Personen (43 gegenüber 16 Prozent). Vermutlich seien sie diesem Gift irgendwann einmal ausgesetzt gewesen, so die Forscher. Das Bakterium Clostridium perfringens produziert das ETX im Darm von Schafen und anderen Tieren. Das Gift zerstört das Gehirn und lässt die Tiere sterben. "Wir glauben, dass es eine Verbindung zwischen dem Epsilon-toxin und der MS gibt", sagt der Studienautor Rick Titball. Welche Rolle das Gift spielt, wollen die Forscher jetzt weiter untersuchen. Vielleicht ließe sich dann sogar eine Impfung entwickeln, hoffen die Forscher.

Quellen:

Caprariello, A.V. et al.: Biochemically altered myelin triggers autoimmune demyelination. PNAS (Mai 2018)

Wagley, S. et al.: Evidence of Clostridium perfringens epsilon toxin associated with multiple sclerosis. Multiple Sclerosis Journal (April 2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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