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Forschung

Wie das Temperament die Lebensqualität schützen kann

6 Minuten

Veröffentlicht am 21.11.2018  von  Onmeda

Eine multiple Sklerose schmälert in den meisten Fällen die Lebensqualität. Inwieweit dies vom individuellen Temperament abhängt und welches Gemüt davor schützen kann, zeigt eine neue Studie.

Lachende Frau vor bunter Wand

Eine multiple Sklerose (MS) greift nicht nur die Nerven an, sondern in vielen Fällen auch die Lebensqualität. Körperliche und geistige Einbußen, Fatigue oder die Nebenwirkungen von Medikamenten rauben vielen Betroffenen das positive Lebensgefühl. Pauschale Aussagen zu treffen, wie sehr die Nervenerkrankung auf die Lebensqualität drückt, ist aber unmöglich: Zu sehr hängt der Zusammenhang auch vom individuellen Temperament ab. Dies berichten Forscher um Dr. Sabine Salhofer-Polanyi von der Medizinischen Universität Wien. Ihre Studienergebnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin BMC Psychiatry.

Und welches Temperament haben Sie ...?

An der vergleichsweise kleinen Studie nahmen 139 Patienten mit multipler Sklerose teil. Die meisten litten unter der schubförmigen Verlaufsform der MS. Im Schnitt waren die Probanden 40 Jahre alt, rund 70 Prozent von ihnen waren Frauen. Die Mehrheit (69 Prozent) erhielt eine immunmodulierende Behandlung, die ins Immunsystem eingreift. Die Lebensqualität bestimmten die Forscher anhand eines Fragebogens, des sogenannten Multiple Sclerosis International Quality of Life Questionnaire (MusiQol). Er erfasst verschiedenste Faktoren, zum Beispiel:

  • Alltagsaktivitäten
  • psychisches Wohlbefinden
  • körperliche Beschwerden
  • soziale Beziehungen mit Freunden und der Familie
  • Sexualleben
  • Krankheitsbewältigung

Das jeweilige Temperament der Probanden bestimmten die Wissenschaftler mithilfe eines weiteren Fragekatalogs, einem Fragebogen mit dem recht sperrigen Namen Temperament Evaluation of Memphis, Pisa, Paris, and San Diego Questionnaire – Münster Version. Während sich die Persönlichkeit eines Menschen aus seinen individuellen Erfahrungen speist, ist das Temperament ein emotionaler Zustand. Er ist vermutlich zu einem Großteil vererbt und fest in der Persönlichkeit verankert. Meist bleibt er über die Zeit stabil.

Grob ließen sich bei den Temperamenten fünf Typen unterscheiden:

  • Dressivität
  • Reizbarkeit/Nervosität
  • Ängstlichkeit
  • Zyklothymie: Phasen voller Elan wechseln mit depressiven Verstimmungen
  • Hyperthymie: sehr positiver Gemütstyp mit hoher Emotionalität, Erregbarkeit, Betriebsamkeit

Daneben erfassten die Forscher das Ausmaß der Behinderungen mittels Expanded Disability Status Scale, abgekürzt EDSS. Diese Skala reicht von 0 bis 10 Punkten: Je mehr Punkte ein MS-Patient hat, desto schwerer sind seine Beeinträchtigungen.

Bei welchem Gemütstypen die Lebensqualität sinkt

Die Untersuchung bestätigte, dass sich bekannte Faktoren wie die Krankheitsdauer, körperliche Behinderungen, seelische Probleme und MS-Therapien, die ins Immunsystem eingreifen, erheblich auf die Lebensqualität niederschlagen. Vor allem bei MS-Patienten, die in ihrem Temperament zu Depressivität oder Zyklothymie neigten, hatten eine schlechtere Lebensqualität. Das hyperthymische Temperament wirkte sich dagegen positiv auf das Wohlbefinden im Alltag aus. Keinen deutlichen Einfluss fanden die Forscher dagegen bei reizbaren und ängstlichen Gemütern.

"Die Effekte des Temperaments auf die Lebensqualität ließen sich unabhängig vom Ausmaß der Behinderungen, dem Einsatz immunmodulierender Therapien oder bestehenden psychischen Begleiterkrankungen nachweisen", schreiben die Forscher. "Wenn wir schon im Vorfeld das Temperament eines MS-Patienten erfassen, könnten wir zukünftig jene Patienten identifizieren, die mehr körperliche, psychische und soziale Unterstützung für eine bessere Lebensqualität benötigen."

Umgekehrt seien die Erkenntnisse auch für Ärzte hilfreich. Denn so könnten sie die Strategien der Patienten zur Krankheitsbewältigung, ihre Therapietreue und die Akzeptanz womöglich riskanterer Therapien besser einordnen und einschätzen.

Quelle:

Salhofer-Polanyi, S. et al.: Health-related quality of life in multiple sclerosis: temperament outweighs EDSS. BMC Psychiatry (Mai 2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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