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Forschung

Sexuelle Probleme bei MS: Häufig – und häufig ignoriert

6 Minuten

Veröffentlicht am 03.04.2019  von  Onmeda

Das Sexualleben leidet bei vielen Patienten mit multipler Sklerose. Trotzdem sprechen viele nicht mit ihrem Arzt darüber, wie eine Studie zeigt. Dabei könnte eine Behandlung die Lebensqualität deutlich steigern.

Pärchen sitzt sich Rücken an Rücken

Multiple Sklerose (MS) ist eine Nervenerkrankung, die häufig sexuelle Probleme nach sich zieht. Ihrem Arzt verschweigen dies allerdings viele Patienten. Sie thematisieren Störungen ihres Sexuallebens nicht. Umgekehrt fragen auch viele Ärzte ihre MS-Patienten nicht danach.

Dabei schlagen sich sexuelle Probleme nicht selten aufs Gemüt, die Stimmung, die Partnerschaft, den Alltag und die Lebensqualität nieder. Darüber berichten Forscher vom Mellen Center for Multiple Sclerosis an der Cleveland Clinic (USA). Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie im Fachmagazin International Journal of MS Care.

Die Mehrheit verspürt sexuelle Probleme bei MS

An der Untersuchung nahmen 162 Patienten mit multipler Sklerose teil, die im Schnitt 46 Jahre alt waren – darunter 126 Frauen. Alle Patienten sollten während eines Besuchs bei ihrem Neurologen einen speziellen Fragebogen ausfüllen, den sogenannten Multiple Sclerosis Intimacy and Sexuality Questionnaire-19. Der Vorteil dieses kurzen Fragebogens ist, dass er sich innerhalb von zwei Minuten beantworten lässt. Die gewonnenen Daten kombinierten die Forscher mit anderen verfügbaren Daten, etwa der Stimmungslage, dem Grad der Behinderungen sowie der Lebensqualität der MS-Patienten.

Mehr als 64 Prozent der befragten MS-Patienten gaben an, unter sexuellen Störungen zu leiden. Gleichzeitig erlebten diese Menschen verstärkt MS-bezogene Behinderungen wie Gehstörungen, waren im Alltag eingeschränkt und litten unter Fatigue oder Schmerzen. Auch depressive Symptome kamen bei diesen Patienten häufiger vor.

"Die sexuelle Dysfunktion war bei einer enorm großen Zahl unserer untersuchten MS-Patienten vorhanden", schreiben die Autoren. Das Ausmaß einer Depression einzuschätzen könnte ein erster Ansatzpunkt sein, um Patienten mit sexuellen Problemen besser helfen zu können. Die behandelnden Ärzte sollten ihre Patienten routinemäßig nach ihrem Sexualleben befragen, um Risikopatienten für sexuelle Störungen schneller zu identifizieren. Denn diese würden nach wie vor unterschätzt – und damit auch nicht ausreichend behandelt.

Die möglichen Ursachen

Die sexuelle Dysfunktion ist eines von vielen Symptomen, die bei multipler Sklerose vorkommen – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Sie kann das Wohlbefinden und den Alltag entscheidend beeinträchtigen. Wissenschaftler kamen in verschiedenen Studien zu dem Schluss, dass 40 bis 80 Prozent aller Frauen und 50 bis 90 Prozent der Männer mit MS von sexuellen Störungen betroffen sind.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Verlust der Libido, der Erregbarkeit und des sexuellen Selbstvertrauens
  • Orgasmusstörungen
  • Erektile Dysfunktion (Impotenz)
  • trockene Schleimhäute in der Scheide
  • Schmerzen beim Sex

Wie genau sexuelle Störungen bei MS entstehen, ist noch nicht vollständig untersucht. Forscher vermuten aber, dass mehrere Faktoren zusammenspielen müssen, die einen unterschiedlich großen Beitrag dazu leisten. Bei der Suche nach den Ursachen stehen Nervenschäden im Gehirn und Rückenmark sowie Nebenwirkungen von MS-Behandlungen an erster Stelle.

Weiterer Grund sind vermutlich die Beschwerden, die eine multiple Sklerose verursacht. Dazu gehören die Fatigue, Spastiken, Schmerzen, Störungen der Blasen- und Darmfunktion oder kognitive Beeinträchtigungen. Als dritten Beteiligten haben Forscher psychologische Faktoren ausgemacht: die Veränderung der sozialen Rolle, Stimmungstiefs, Entmutigung, zwischenmenschliche Probleme, Schwierigkeiten mit dem eigenen Körperbild oder die Angst vor Zurückweisung.

Das Fazit der Forscher: Sexuelle Störungen sind ein weit verbreitetes und komplexes Problem bei MS – und hierzu sollten sich Patienten unbedingt ihrem Arzt anvertrauen.

Quelle:

Domingo, S. et al.: Factors Associated with Sexual Dysfunction in Individuals with Multiple Sclerosis: Implications for Assessment and Treatment. International Journal of MS Care (Juli 2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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