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Forschung

Hirnschäden bei MS: Auch B-Zellen sind beteiligt

6 Minuten

Veröffentlicht am 15.05.2019  von  Onmeda

An der Entstehung der multiplen Sklerose sind offenbar nicht nur gefährliche T-Zellen des Immunsystems beteiligt. Auch andere Abwehrzellen, die B-Zellen, könnten eine größere Rolle spielen als gedacht. Darauf deutet eine neue Studie hin.

Stilisierte Darstellung eines weißen Gehirns auf hellblauem Untergrund

Bei Menschen mit multipler Sklerose (MS) nehmen das Gehirn und Rückenmark Schaden, weil sich Entzündungsherde bilden. Als Hauptverantwortliche dafür haben Ärzte spezielle Immunzellen ausgemacht, die T-Zellen oder T-Helfer-Lymphozyten. Jetzt haben Forscher der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich und des renommierten schwedischen Karolinska Instituts jedoch herausgefunden, dass auch ein anderer Typ von Abwehrzellen des menschlichen Immunsystems an den Nervenschädigungen beteiligt ist: die B-Zellen. Im Blut aktivieren sie nämlich die schädlichen und aggressiven T-Zellen. Aus ihren Erkenntnissen erhoffen sich die Forscher die Entwicklung neuer MS-Therapien.

B-Zellen sind "Mittäter" bei MS

Die Forscher untersuchten anhand von Blutproben im Labor, welche Rolle die B-Zellen genau bei der multiplen Sklerose spielen. Im Blut von MS-Patienten ließ sich Folgendes nachweisen: Die T-Zellen, welche die schützenden Nervenhüllen attackieren, waren verstärkt aktiv und teilten sich schnell. Der Grund dafür waren die B-Zellen, die mit den T-Zellen in Wechselwirkung traten. Beseitigten die Forscher die B-Zellen, ließ sich die Vermehrung der T-Zellen wirksam bremsen.

"Wir konnten erstmals zeigen, dass bestimmte B-Zellen – die antikörperproduzierenden Zellen des Immunsystems – jene T-Zellen aktivieren, die die Entzündung im Gehirn und die Schädigung der Nervenzellen auslösen", erklärt Prof. Roland Martin, Leiter des Klinischen Forschungsschwerpunkts Multiple Sklerose der Universität Zürich.

Aktivierte T-Zellen wandern ins Gehirn

Das Team entdeckte außerdem, dass sich unter den aktivierten T-Zellen im Blut vor allem solche befanden, die bei MS-Krankheitsschüben auch im Gehirn auftreten. Nach ihrer Aktivierung im Blut wandern diese T-Zellen offenbar ins Gehirn ein und zerstören dort das Nervengewebe. Vermutlich seien sie für die dortigen Entzündungsherde verantwortlich, glauben die Forscher.

Auf die Idee, dass womöglich auch die B-Zellen an der Entstehung der MS beteiligt sind, kamen die Forscher aufgrund zweier biotechnologisch hergestellter Antikörper. Diese setzen Ärzte heute schon als Medikamente gegen MS ein. Die Arzneien beseitigen die B-Zellen, bremsen so die Hirnentzündung und verringern die Anzahl der Krankheitsschübe wirksam. "Damit ist es uns gelungen, den bisher noch unklaren Wirkmechanismus dieser MS-Medikamente zu entschlüsseln", glaubt Neurologe Roland Martin.

Gestörte Kommunikation zwischen den Nervenzellen bei MS

Forscher haben bei der Entwicklung neuer Therapien für die multiple Sklerose bislang vor allem die zerstörerischen T-Zellen im Blick. Ihre Aufgabe ist es, bei Infektionen mit Bakterien oder Viren im Körper Alarm auszulösen. Doch manchmal – wie im Fall der MS – können diese "Aufpasser-Zellen" nicht mehr zwischen körpereigen und körperfremd, also gefährlich, unterscheiden. Dann richten sich die T-Zellen gegen körpereigene Strukturen. Bei der MS ist es das Myelin, das die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark schützend umgibt.

Die multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, die das Nervensystem betrifft. Ist diese schützende Isolierschicht um die Nervenzellen herum zerstört, funktionieren Signalübertragung und Kommunikation zwischen diesen Zellen nicht mehr, wie sie sollen.

Quelle:

Jelcic, I. et al.: Memory B Cells Activate Brain-Homing, Autoreactive CD4 T Cells in Multiple Sclerosis. Cell (September 2018)

*Quelle: www.onmeda.de

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