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Steffi H., MS-Betroffene, 50 Jahre

Steffi H.

Ausgebremst: Von Panikattacken & Depressionen

18 Minuten

Veröffentlicht am 25.06.2018 von Steffi H.

Ein wunderschöner Sommertag und ich bin im Auto unterwegs zu einem Möbelhaus in der Stadt, um tatkräftig eine meiner ständig wiederkehrenden Umstyling-Ideen in Sachen Wohnung in die Tat umzusetzen.

Es ist sehr warm, aber die Klimaanlage surrt und macht die Hitze erträglich. Da ist schon das Möbelhaus – noch einmal links abbiegen an der Ampel und dann hinein ins Vergnügen. Die Ampel schaltet natürlich ein Auto vor mir auf Rot (Sabotageampel depperte ...).

Im Radio läuft ein Lied, das mir unglaublich gut gefällt und mich veranlasst, die Lautstärke nach oben anzupassen und mitzusingen (… das Radio mach ich ja nur deshalb so laut, damit niemand zufällig mitbekommt, dass ich überhaupt nicht singen kann ...). Meine Finger trommeln wie von ganz alleine auf dem Lenkrad den Takt des Liedes mit, alles ist gut.

Plötzlich bekomme ich keine Luft mehr

Urplötzlich, aus heiterem Himmel, passiert etwas mit mir. Aus dem Bauch schiebt sich in Wellen erst ganz sanft und dann immer heftiger werdend ein fürchterliches Gefühl, für das ich noch keine Worte finde, nach oben. Die Kehle wird eng und ich bekomme kaum noch Luft, kann kaum schlucken. Mir wird heiß und kalt zugleich, kalter Schweiß bedeckt innerhalb von Sekunden meinen ganzen Körper. Das Denken ist ausgeschaltet, die seltsamen Empfindungen machen mir fürchterliche Angst, Panik steigt auf. Ich habe das dringende Bedürfnis, jetzt sofort auf der Stelle aus dem Auto zu springen und wegzulaufen.

Ich habe die eine Hand schon am Verschluss des Sicherheitsgurtes, um ihn zu lösen. Die andere Hand sucht tastend nach dem Türgriff.

Einen kurzen Moment lang kann ich so etwas wie einen relativ klaren Gedanken fassen – ich überlege, wie ich von der Linksabbiegerspur über die Straße komme, ohne von anderen Autos überrollt zu werden. Nächster einigermaßen klarer Gedanke: Wenn ich jetzt rausrenne mach ich mich nicht nur zum Deppen der Nation, dann steht auch mein Auto mutterseelenallein mitten auf der Straße. Ich verursache einen Stau und vermutlich wird die Polizei gerufen, rückt hier an und DAS ist ja erst mal peinlich!

Nee – wegrennen nützt nix, also Plan B (lustig, bis eben habe ich gar nicht gewusst, dass ich überhaupt einen Plan brauche, geschweige denn auch noch A,B,C): einmal ganz ordentlich und gerade hinter das Lenkrad setzen, Augen abwechselnd auf die Farbe der Ampel und auf meine Hände am Lenkrad konzentrieren. Tief ein- und ausatmen ...

...endlich schaltet die Ampel auf Grün und ich kann den kurzen Weg bis zum Parkplatz des Möbelhauses zurücklegen.
Auf dem Parkplatz angekommen, Türe auf und aussteigen, strecken, ein paar Schritte ums Auto gehen und atmen, atmen, atmen.

Langsam wird es besser, ich kann immer tiefer atmen und das tut gut.

Was zur Hölle war das denn?

Der erwartete Spaß beim Stöbern im Möbelhaus will sich nicht so recht einstellen. Ein kleines bisschen schon, aber zwischendrin kommt immer wieder der Gedanke an das soeben Erlebte und das dumpfe Gefühl einer aufsteigen wollenden Angst, dass so etwas nochmal passieren könnte. Ob ich vielleicht grün mit lila Punkten angelaufen bin, während dieses seltsamen Vorganges? Oder jetzt vielleicht? Es muss doch für jedermann sichtbar sein, wie besch… ich mich gerade fühle!

Es gelingt mir irgendwie und irgendwann trotzdem ganz gut, die negativen Empfindungen zu unterdrücken und – wie immer – zu funktionieren.

Die Frage nach dem WAS?

In den kommenden Wochen passiert mir so etwas immer wieder. Immer an den unmöglichsten Orten, in den unmöglichsten Situationen. Manchmal ist ein paar Tage Ruhe und manchmal passiert es auch ein paarmal am Tag. Ich habe noch immer keine Ahnung, WAS das ist und WARUM das mit mir passiert. Aber ich weiß mittlerweile mit Sicherheit, dass ich zunehmend Angst und Panik empfinde, DASS es wieder passiert.

Und genau da bin ich unwissentlich auf der richtigen Fährte.

Bei dem nächsten Routinetermin bei meinem Neurologen ist mein Leidensdruck so groß geworden, dass ich nicht einmal mehr Hemmungen habe, über die seltsamen Empfindungen zu sprechen.

Der Neurologe rät zu Medikamenten gegen Angst und Panik

Entgegen meiner Vermutung, dass er sich ratlos den Kopf kratzen würde, klärt mein Neurologe mich in aller Ruhe darüber auf, dass ich mich in einer depressiven Phase befinde und das Ganze (weil das noch nicht genug ist) mit einer Angst- und Panikstörung zusammengetroffen ist.

Straße, Sonne am Horizont

Regenbogen über Häusern am Himmel

Ich will keine Depression haben und auf die Angst- und Panikstörung kann ich herzlich gerne auch verzichten!

Und „bunte Pillen“ will ich schon gleich gar nicht!

Trotzdem hatte es mein Neurologe nicht sehr schwer, mich davon zu überzeugen, dass es manchmal eben nicht ohne Hilfsmittel geht – auf Deutsch: nach diesem Arztbesuch habe ich mich in die Reihen derer eingereiht, die (voraussichtlich immer) die Hilfe von Psychopharmaka benötigen, um „rundzulaufen“. Denn lieber Medikamente nehmen, als jemals wieder so etwas erleben müssen.

Ich habe seither sehr viel darüber nachgedacht, warum, wieso, weshalb ich so etwas nun auch noch aufgebrummt bekommen habe.

Es ist kein Geheimnis, dass chronisch Kranke sehr anfällig dafür sind, neben der eigentlichen Erkrankung auch noch Depressionen zu entwickeln. Bei mir kommt erschwerend hinzu, dass in meiner Familie ein gewisser Hang zur Schwermut in den Genen zu liegen scheint. Ich war noch nie der Klassenclown, eher die nachdenklich Ruhige (die allerdings auch so richtig die Sau raus lassen kann, wenn es passt), die sich hin und wieder die Frage gefallen lassen musste, ob denn alles in Ordnung sei, weil „Du schaust so traurig/böse/streng“.

Aber mit Angst- und Panikattacken hat sich meines Wissens noch keiner in meiner Familie herumschlagen müssen.

Die Frage nach dem WARUM?

Im Laufe der Zeit habe ich immer besser gelernt, mit meiner MS zu leben. Als ich die erste Panikattacke bekam, war ich eigentlich der Meinung, dass ich mein Leben komplett und „safe“ so umgestellt hatte, dass ich trotz MS gut leben kann. Mir ging es gut und ich war ja auf dem Weg zu einer angenehmen Beschäftigung – Shoppen. Verstanden hätte ich es eher, wenn das bei einem unangenehmen Termin passiert wäre.

Was mir aber nicht auffiel war, dass ich ganz langsam und schleichend wieder in meine uralten und offenbar mir eigenen Verhaltensmuster zurückgefallen war. Ein kleines bisschen abgewandelt, aber so ein innerer Schweinehund ist ja nicht dämlich: mit ein paar kleinen Abwandlungen merkt das „Frauchen“ vielleicht gar nicht, dass doch alles wieder bequem beim Alten ist.

Nun gut Schweinehund – da gibt es ja aber auch offenbar mindestens einen, wenn nicht vielleicht sogar eine ganze Horde von Schutzengeln auf meiner Schulter.

Und genau die sind aktiv geworden: Die Panikattacken und Angstzustände kamen (und kommen) bei mir immer dann, wenn ich mir zu viel zumute.

Manchmal, wenn es mir so richtig gut geht, platzt mein Terminkalender fast. Ich dachte zwar, wenn ich darauf achte, dass ich an einem Tag nicht mehrere Termine habe, geht das schon. Dem war und ist aber nicht so – jeden Tag einen kräfte- und zeitzehrenden Termin zu haben, ist mindestens genauso anstrengend, wie an einem Tag mehrere Termine absolvieren zu wollen. DAS GEHT EBEN NICHT MEHR!

Das Leben geht weiter

Mittlerweile hat sich die Anzahl der Panikattacken deutlich verringert. Zum einen bin ich medikamentös gut eingestellt – ganz ohne geht es nicht. Ich hatte letzten Sommer in einer besonders guten Phase die Medikamente eigenmächtig abgesetzt und das hat sich bitter gerächt. Die darauf folgende Panikattacke ist mir sehr nachhaltig im Gedächtnis geblieben und sorgt noch heute dafür, dass ich sowohl brav meine Medikamente nehme als auch sehr genau darauf achte, dass ich genügend Ruhepausen in meinen Alltag einbaue.

Zum anderen weiß ich mittlerweile, die Anzeichen zu erkennen und zu deuten. Das Wichtigste ist die Erkenntnis, dass Angst- und Panikattacken zwar fürchterlich unangenehm, aber im Prinzip ungefährlich sind. Heute kann ich damit umgehen und ziehe ganz schnell die Notbremse, wenn ich spüre, dass es „mal wieder zu viel war“, was ich mir zugemutet habe.

Was mir auch unglaublich geholfen hat, war meine Begegnung mit Yoga und Meditation. Seit vier Jahren beginnt jeder meiner Tage mit 20 Minuten Yoga. Dazu habe ich eine CD mit wunderbarer Meditationsmusik und praktiziere quasi beides auf einmal: Ich mache meine Yogaübungen und meditiere dabei. Gerade heute hat mich im www eine ebenfalls an MS erkrankte Frau gefragt, was mir denn Yoga in Bezug auf meine MS gebracht hat.

Ich habe meinen Weg gefunden, mit den Attacken umzugehen

LEBENSQUALITÄT PUR – ich bin trotz MS, meines Alters und der Tatsache, dass ich mittlerweile ein bisschen mehr wiege als vor 30 Jahren weitaus gelenkiger als manche 20-Jährige. Ich trainiere täglich meinen Gleichgewichtssinn, meinen ganzen Körper und durch das Meditieren habe ich mich mittlerweile so gut unter Kontrolle, dass ich (meistens) selbst aufsteigen wollende Panik in den Griff bekomme.

Ja – durch die MS, Depressionen und Panikattacken bin ich ausgebremst.

Es gibt keine zwölfstündigen Arbeitstage mehr in meinem Leben und nur noch äußerst selten und sehr ausgesucht mehrtägige Seminare, Tagungen, Fortbildungen oder ähnliches.

Aber ganz ehrlich: Ist das schlimm?

Momentan sitze ich unter meiner nigelnagelneuen Markise auf meinem Balkon.

Es ist Freitagnachmittag und ich fühle mich großartig.

Wäre ich noch in meinem „früheren“ Leben, würde ich im Büro sitzen und versuchen, am Freitagnachmittag all das zu schaffen, was mir die ganze Woche nicht geglückt ist, weil ständig irgendwelche Störungen dazwischen kamen. Oder würde mich in ein paar Stunden durch den allwöchentlichen Freitagabendstau in Richtung zu Hause schieben. War ich damals glücklicher und zufriedener? NEIN – war ich definitiv nicht!

Vielleicht erinnert Ihr Euch: Ich mag Sprüche gerne und ich habe natürlich auch hier einen parat (sinngemäß):

„Wenn das Leben Dich durcheinanderwirbelt, halt inne – es sortiert sich nur neu.“

In diesem Sinne, Ihr Lieben, bis zum nächsten Mal!

Eure Steffi

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