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Nicole, MS-Betroffene, 45 Jahre

Nicole

MS und erwerbsunfähig: Du und schon Rentnerin

8 Minuten

Veröffentlicht am 25.09.2018 von Nicole

Von Beruf war ich Bäckereifachverkäuferin. Ich arbeitete auf 450-Euro-Basis, sehr oft auch mehr, von Montag bis Montag einschließlich Sonntag. Als ich 2008 die Diagnose MS erhielt und einen schweren Schub hatte, bat ich meinen Chef um ein paar Wochen Auszeit. Ich musste mit der Situation erst einmal selbst zurechtkommen. Mein Chef meinte, er melde mich erst einmal ab und ich könnte Bescheid geben, wenn es mir besser gehe. Da ich völlig fertig war, sagte ich einfach ja.

Ich traute meinen Augen nicht: Offiziell erwerbsunfähig

Mein Neurologe schickt mich auf eine Reha, da ich massive Gleichgewichtsstörungen und Sehstörungen hatte. Ich wollte nicht, aber mein Mann redete mir gut zu und meinte: ,,Die helfen Dir, damit Du wieder auf die Beine kommst. Und wir brauchen Dich doch.” Während der Reha nahm ich an psychologischen Gesprächen teil, die mir ehrlich guttaten. Es gab Ergotherapie für die Feinmotorik der Hände und so weiter. Als ich entlassen wurde, bekam ich den Entlassungsbrief auf dem stand: NICHT arbeitsfähig. Bis auf Weiteres. Ich müsse an Psychotherapien teilnehmen und mit der Ergotherapie auf alle Fälle weitermachen. Mir wurde nahegelegt, die ERWERBSMINDERUNGSRENTE zu beantragen! Ich traute meinen Augen nicht: ich und Rente? Ich bin doch keine Oma.

Die Erwerbsminderung war schwer zu akzeptieren

Ich weinte und dachte: „Rentnerin mit 34 Jahren? Das sind doch nur die Alten!“ Auch ich hatte Vorurteile in der Hinsicht. Nee nee, das ist nix für mich. Deshalb arbeitete ich stundenweise in einer Pizzeria in der Küche und im Service. Das ging nicht lange gut. Dabei sagten die Leute oft: „Na, trink mal einen“, weil ich so zitterte durch den Tremor, den die MS bei mir auslöste. Ich weinte oft heimlich, denn die Worte taten weh.

Rentnerin mit 34? Auch ich hatte Vorurteile.

Den Stress, den das Berufsleben so mit sich bringt, steckte ich nicht mehr so einfach weg und meine Symptome (Missempfindungen in den Händen und Beinen) verschlimmerten sich schlagartig. Also kündigte ich den Job, setzte in der Zeit meine Therapien fort, und nahm meine Medikamente weiter ein. Ich erholte mich etwas und wollte dann ein paar Stunden als Kassiererin im Lebensmittelmarkt arbeiten. Ich ging auch offen mit meiner Krankheit um und wurde sofort eingestellt. Es gefiel mir gut, ich fühlte mich wieder der Arbeitswelt dazugehörig. Die Leute sagten: „Oh, Du kannst doch arbeiten. Siehst aus wie das blühende Leben.“

Nicole mit Schwerbehindertenausweis

Doch auch das wurde zu viel. Echt blöd, ich wollte doch immer arbeiten, aber es ging körperlich nicht mehr. Wie mein Arzt schon sagte: „Hätten Sie den Kopf verbunden, wären Sie krank für Ihre Mitmenschen.“ Ich kann die anderen manchmal verstehen. Sie wissen nicht, wie es uns MS-lern so geht. Ich finde, die Aufklärung müsste in der Öffentlichkeit präsenter sein, zum Beispiel im Fernsehen. Denn da sieht es jeder. In MS-Broschüren schauen ja meist nur die Betroffenen rein. Da ich es nicht akzeptieren wollte, dass ich nicht mehr so arbeiten kann wie vor der MS, kam die Rechnung gleich.

Ich schämte mich

Nach drei Wochen, in denen ich voller Eifer als Kassiererin arbeitete, kam der nächste Schub: eine Sehnerventzündung, die heftig war. Schweren Herzens reichte ich 2010 einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente ein, denn meine Gesundheit ist das Wichtigste – das musste ich mir eingestehen. Als ich die Bewilligung auf volle Erwerbsminderung bekam, fühlte ich mich als Nichtsnutz, für nichts mehr zu gebrauchen. Heute weiß ich: Das stimmt aber auf keinen Fall! Die Gedanken kamen mir nur, weil das Umfeld so mies reagierte. Wenn mich jemand fragte, als was ich arbeitete, versuchte ich immer vom Thema abzulenken, weil es mir peinlich war. Das ist völliger Blödsinn, denn ich bin/wir sind krank und nicht umsonst berentet. Zu meinem Umfeld sage ich mittlerweile: „Seid froh, dass Ihr gesund seid und arbeiten könnt. Ich würde alles dafür tun!“

Ich fühlte mich als Nichtsnutz.

Mit den eigenen Waffen schlagen

Immer wieder kommen blöde Bemerkungen, wenn andere hören, ich sei schon berentet. Meist merke ich aber schnell, dass die gar nicht wissen wollen, warum und weshalb. Meist kommen nur so Sätze wie: „Du hast ein Leben“ oder „Na, Dir geht’s aber gut“ oder sogar „Auf Staatskosten ausruhen, was?“

Dann kontere ich: „Mein Mann verdient sehr gut, ich muss nicht arbeiten, nur kein Neid!“ Da fällt ihnen die Kinnlade runter und mir geht es innerlich gut.

Zum Schluss möchte ich allen einen kleinen Denkanstoß geben: Überlegt gut, bevor Ihr urteilt oder fragt einfach genau nach, denn keiner bekommt die Rente aus Spaß. Dankt Gott, dass Ihr arbeiten könnt und dürft, denn Gesundheit ist das höchste Gut.

Bis bald

Eure Nicole

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