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Carsten, MS-Betroffener, 47 Jahre

Carsten

Vater mit MS: Wie erziehe ich mein Kind?

11 Minuten

Veröffentlicht am 18.09.2018 von Carsten

Kindererziehung ist gar nicht so einfach. Man ist ja schließlich nicht als Papa auf die Welt gekommen. Aber gut, aller Anfang ist schwer und es gibt ja auch Hilfe von den eigenen Eltern, Geschwistern, Tanten und natürlich Freunden. Ach ja, nicht vergessen wollen wir einschlägige Literatur, Zeitschriften und – ganz wichtig und immer abrufbar – das Internet. Ich liebe das Internet. Mein Motto lautet: „Wer googeln kann, ist besser dran.“ Oder YouTube, hier gibt es auch für die meisten Probleme ein Erklärvideo.

Die ersten Monate mit Colin

In den ersten Lebensmonaten tat sich, was Erziehung anbelangte, recht wenig. Der Alltag war ausgefüllt mit Schlafen, Essen, Wickeln und Spazierengehen. Wenn das Kind anfängt, sich zu drehen und zu rollen, ändert sich dies. Man versucht das Baby mit dem Vormachen von Bewegungen zu animieren, diese nachzumachen. Jeder Erfolg wird mit einem Lächeln und aufmunternden Worten honoriert, was das Baby auch versteht und sich selber mitfreut.

Nur zu viel Lob ist vermutlich nicht so gut. Das Kind könnte dann eher verleitet werden, mit seinem Entdeckerdrang einen Gang zurückzuschrauben – gerade wenn etwas nicht klappt. Ich habe auch gelesen, dass Eltern, wenn sie dem Kind etwas vormachen, auch selber einmal Fehler einbauen sollten. So versteht das Kind, dass man Dinge auch länger und öfter probieren muss. Das beobachten wir auch an Colin. 15 Monate ist er nun alt und jeden Tag wird mehr gelaufen und erforscht.

Nachfolgend stelle ich drei aus unserer Sicht wichtige Phasen dar: die Spielphase, die Trotzphase sowie die Lernphase.

Spielphase: Lernen durch spielen

Am Anfang bekam Colin viele Spielsachen, die keine hohen Herausforderungen bedeuteten, also etwas zum Halten, Drehen oder Drücken. Inzwischen befinden wir uns nun schon in der fortgeschrittenen Phase. Er spielt also mit Dingen, bei denen er mitdenken muss, um einen „Erfolg“ zu sehen, zum Beispiel mit einer kleinen Holzeisenbahn.

Anfangs zerlegte Colin sämtliche Gleise, später wurden dann auch die Waggons und die Lokomotiven interessant. Er lernte, dass die Waggons und Gleise verbunden werden können. Beim Spielen gab es dann hin und wieder das Problem, dass Gleisteile auseinandergingen. Er versuchte selber, sie wieder zusammenzustecken, was natürlich nicht funktionierte. Aus Frust, Wut und Ungeduld flogen dann sämtliche Teile quer durchs Zimmer. Zum Glück gibt es Mama und Papa. Wir versuchen immer wieder zu erklären, wie dies funktioniert und das dies kein Grund zur Ungeduld ist. Er soll das Gefühl bekommen, dass wir ihn verstehen und ihm helfen wollen – das kommt in dem Moment auch immer gut an.

Die Trotzphase aushalten

Die Trotzphase ist für Eltern ein leidiges Thema. Da stecken wir derzeit auch drin. Colin will jetzt unbedingt seinen Willen durchsetzen. So weit, so gut. Ist ja auch für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit wichtig. Wenn er sich aber nach dem Einkauf eine Viertelstunde lang mit Händen und Füßen gegen den Kindersitz sträubt, ist es schon ein wenig schwierig, dies als tollen Entwicklungsschritt anzusehen. Ich habe ihn in diesem Fall einfach mal im Auto rumturnen lassen. Das fand er ziemlich spannend und nach ein paar Minuten konnte ich ihn wieder relativ problemlos in seinen Kindersitz setzen und anschnallen.

Doch die Trotzphase ist noch nicht vorbei: Heute Mittag benötigten wir sogar 40 Minuten, um ihn in den Kindersitz zu bekommen. Langsam nervt es schon. Vor allem macht man sich Gedanken, wenn man einen Termin hat: Ab wann soll man versuchen, den Zwerg ins Auto zu kriegen? Denn es kann auch alles gut laufen und es funktioniert auf Anhieb. Dann muss man eine halbe Stunde beim Autofahren vertrödeln, um nicht viel zu früh beim Kinderarzt zu sein. Ich habe auch mit anderen Müttern darüber gesprochen. Ok, ich bin jetzt keine Mutter, aber wir tun jetzt mal so, als gehöre ich zum Club :-) Das Ergebnis: „Ist wahrscheinlich grad so ‘ne Phase.“

Lernphase: Den Wissensdurst stillen

Colin ist wissbegierig. Zum „Selbststudium“ hat er kleine Büchlein mit Abbildungen von Tieren, Spielsachen oder Fahrzeugen. Wir erklären ihm, um was für Dinge es sich jeweils handelt. Er erkennt dann auch draußen die Sachen wieder – vor allem der Traktor hat es ihm angetan. Vergangene Woche wurde bei uns der Weizen geerntet und das übriggebliebene Heu zu Ballen gepresst und abtransportiert. Auch dies war in seinem Büchlein drin und er zeigte immer aufgeregt mit dem Finger hin.

Colin im Auto

Colin auf der Straße

Colin bringt Müll weg

Diese Momente sind extrem spannend: Colin saugt alles auf und versteht nun auch fast alles, was wir ihm sagen. Er möchte am liebsten bei allem, was er sieht, mithelfen – und sei es nur beim Müll raustragen. Im letzten Urlaub hat er dann seine Windeln selbst rausgetragen bis zur Mülltonne. Wir haben ihm die Tonne aufgehalten und ihn kurz hochgehoben, damit er die Windeln wegschmeißen konnte. Es hat ihm wirklich Spaß gemacht, so eingebunden zu werden.

Was habe ich als MSler eigentlich bisher an Auswirkungen gemerkt? Dazu habe ich bis jetzt noch kein Wort verloren: Kurzum, die komplette Elternzeit mit allen Schwierigkeiten in der Erziehung sind für mich mental als auch körperlich eine positive Veränderung meiner Lebensweise. Ich gehe bewusster die täglichen Aufgaben an und lebe entsprechend gesünder, da ich mich mit Colin natürlich viel mehr bewege als vorher. Der Spieltrieb und Forschungsdrang ist auch bei mir wieder entfacht und dies macht einfach viel Spass und Spass ist ein ganz wichtiger Aspekt bei jeder Krankheit; nicht nur der MS. Das Positive sollte stets immer im Vordergrund stehen.

Wenn ich Colin bei seinen Aktivitäten zuschaue und sein verschmitztes Grinsen sehe, geht mir das Herz auf und etwas Positiveres gibt es in diesen Momenten einfach nicht. Da vergesse ich alles, auch meine Krankheit. Die anfänglichen Bedenken, welche meine Frau und ich vor dem Kinderwunsch hatten, ob ich dem Ganzen, sprich der Elternzeit und Erziehung gewachsen bin, haben sich bis jetzt komplett in Luft aufgelöst. Dass man die MS nie zu 100 Prozent planen kann, ist uns klar, aber wir tuen alles dafür, dass es nicht zu lang anhaltenden Erschöpfungszuständen kommt und meine positive Grundeinstellung spielt dabei eine ganz wichtige Rolle.

So, ich denke, dass ich Euch einen Eindruck davon verschaffen konnte, wie wir mit der Erziehung umgehen. Colin macht eine sehr gute Entwicklung und wir denken, er ist ein sehr glückliches Kleinkind :-)

Bis zum nächsten Mal,

Euer Carsten

Und denkt dran: Wer resigniert, verliert. Don´t give up!

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