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Steffi H., MS-Betroffene, 50 Jahre

Betroffene

MS versus Herzenswunsch

7 Minuten

Veröffentlicht am 15.09.2017  von  Steffi H.

Eigentlich … Eigentlich ist ein doofes Wort. Eigentlich war ich an einem wunderschönen Wochenende in Sachen MS unterwegs. Mit meiner Prinzessin. In Frankfurt am Main.

Seit ich weiß, dass ich mit dieser Diagnose lebenslang klarkommen muss, bin ich auch bereit, meine Erfahrungen damit nach außen zu tragen. An diesem besagten Wochenende stand ein Workshop auf dem Programm, der sich um die Frage drehen sollte, ob es mit oder trotz MS Dinge gibt, die sich verwirklichen lassen.

Austausch darüber mit anderen Betroffenen – DAS ist (m)ein Thema!!!

Trotz MS Träume wagen?!

Die Idee …

Eigentlich war es nur mal so eine Idee, dass dies doch quasi eine Steilvorlage für ein Treffen mit meinem Sohn sein könnte, den ich das letzte Mal vor 15 Jahren in den kalten unfreundlichen Gängen eines deutschen Gerichtsgebäudes gesehen hatte und der sich vom damals 14-jährigen, pubertierenden Bub mittlerweile zu einem gestandenen Mann von fast 29 Jahren „gemausert“ hat. Ein Sohn – MEIN Sohn – der die letzten 15 Jahre auf dramatische Weise für mich verloren war.

Der Prinzessin (zwölf Jahre jung) ihren ganz großen Bruder vorstellen – auch (m)ein Traum. Sie hat ja noch zwei Brüder – diese „Männerlastigkeit“ erklärt auch die Bezeichnung Prinzessin.

Und dem Großen die kleine Schwester vorzustellen ...

Eigentlich gab es irgendwann auch so rein gar nichts mehr, was dagegen sprach.

… und so wurde aus dem eigentlich „nur“ in Sachen MS unterwegs zu sein von einem Augenblick auf den anderen plötzlich eine höchst emotionale Geschichte der ganz anderen Art.

Rückblick …

In den letzten 15 Jahren war so unglaublich viel passiert

Es waren 15 Jahre, in denen …

… am Anfang die Entscheidung stand, den Vater meines Sohnes zu verlassen, auch unter Hinnahme der Tatsache, dass er mir aus lauter Schmerz darüber den gemeinsamen Sohn nimmt (auch in Deutschland gilt: Recht haben und Recht bekommen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge). Ich hatte Recht, er hat Recht bekommen.

… wie aus dem Nichts plötzlich erst ein neuer Anfang und dann meine Tochter geboren wurde.

… ein nicht enden wollender Lernprozess begann und noch weiter fortgeführt wird. Beispielsweise, dass es gar nichts bringt, sich über Dinge aufzuregen, die man selber nicht ändern kann: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden (Reinhold Niebuhr).

… es immer wieder zu unerklärbaren Ausfällen gesundheitlicher Art kam.

… in 2011 nach vielen Jahren plötzlich das „Monster“ MS als bisher unentdeckter „blinder Passagier“ enttarnt wurde. Damit waren von einer Sekunde auf die andere die vorangegangenen Unklarheiten plötzlich glasklar und eindeutig zuordenbar.

… von dem Tag der Diagnose an neue Lernprozesse in Gang gesetzt wurden und quasi ein völlig neues, anderes Leben begann. Ich LIEBE Sprüche – deshalb hier noch einer: Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, mach einen Plan (Blaise Pascal).

Steffi H. mit ihrer Tochter

Steffi H. mit ihren Kindern

Steffi H. mit ihrer Tochter

Ein- und Ausblick …

Nun, meine Planungen für mein Leben waren ordentlich vor die Wand gefahren. ABER mein Plan, den Aufenthalt in Frankfurt (Main) nicht nur dem Monster zu widmen, sondern auch (m)einem Herzenswunsch, den ich schon lange ganz, ganz unten in mir vergraben hatte – meinen Sohn wieder zu sehen – der ging auf wundersame Weise in Erfüllung.

Es war ein wunderbares, unmöglich zu beschreibendes, großartiges Gefühl – dieses erste Erkennen auf dem Bahnhofsvorplatz in Frankfurt (Main), das in den Armnehmen und Spüren, wie die Schatten und Mauern der letzten 15 Jahre beginnen, in einer geradezu affenartigen Geschwindigkeit zu verschwinden, zu bröckeln.

... und festzustellen, dass EIGENTLICH manchmal gar kein doofes Wort ist.

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